Er beachtete sie weiter nicht, schien vollständig mit seinen Gedanken beschäftigt; fast dünkte es Irene, ihre Nähe sei ihm nicht besonders angenehm.
Sie erinnerte sich, daß Frau Leipholz geäußert, die Platzkarte habe sie vom Komponisten selbst erhalten. Wahrscheinlich besaß er deren zwei, wovon er die eine der Künstlerin zu beliebiger Verwendung gegeben. Der Gedanke, daß gerade sie auf diese Weise seine Nachbarin werden würde, mochte ihm weltenfern gelegen haben.
Plötzlich wandte er sich zu ihr.
„Wissen Sie, daß ich der Komponist der heutigen Operette bin?“ fragte er leise.
Sie neigte ein wenig den Kopf.
„Ich weiß es seit heute vormittag, seit ich Ihren Namen auf dem Programm las.“
Er schien kaum zuzuhören, und Irene bemerkte ein leises Beben seiner Hand, die das Spielverzeichnis hielt.
„Ich bin natürlich etwas erregt, es geht um meine Zukunft“, sagte er leise, als spräche er mit sich selbst. „Hätte unten sitzen können in der Intendantenloge, aber da wäre ich krank geworden. Bin doch ganz durcheinander. Ungekannt, gewissermaßen fremd, will ich der Aufführung beiwohnen. Und deshalb entschuldigen Sie, wenn ich jetzt unsere Bekanntschaft vergesse und mich gar nicht weiter um Sie kümmere.“
Er machte eine leichte Drehung mit seinem Stuhl, fast sah es aus, als wandte er ihr ein wenig den Rücken.
Irene erwiderte keine Silbe. Viel unhöflicher konnte Alfred Grote nicht gut sein, es genügte ihr vollkommen.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen, um den Platz nicht zu benützen, der, wenn auch ohne sein Wissen und ohne seinen Willen, doch eigentlich aus seinen Händen kam.
Aber in diesem Moment begann die Ouvertüre, ein jubelndes Vorspiel erklang, und Geigengesang mischte sich mit Flötentrillern zu einem eigenartigen, tanzähnlichen Gebilde, in das jäh und erschreckend unvermittelt ein plumper Dudelsack hineinquengelte. Wie der Tanz von Mondfee und Hirtenknabe über waldigem Plan klang es, den ein alter, bocksbärtiger Satyr stört. Schon hob sich der Vorhang, und unter Blütenbäumen wandelten selige Paare, sangen ein weich verträumtes Sehnsuchtslied.
Irene hatte allen Groll gegen den Mann neben sich vergessen, sie lauschte der süßen, weichen Musik, die fremdartig und doch betörend bekannt schien und sich in ihr Ohr schmeichelte. Nun hob sich aus dem Chor eine Frauenstimme, schwebte klar und in perlenden Läufen auf, füllte das große, weite Haus mit bestrickendem Wohlklang.
Das war ein Lied! Irene vermeinte noch nie zuvor so beseligende Klänge vernommen zu haben, in ihrem Herzen hängte sie sich fest, die bezaubernde Weise, und sie saß atemlos lauschend. Atemlos lauschend saßen mit ihr’ die vielen, die gekommen waren, um die neue Operette zu hören. Der Akt ging zu Ende, und donnernder Beifall wirbelte hoch, wie von einem starken Sturm emporgetrieben.
Fast in sich zusammengesunken, saß Alfred Grote auf seinem Platz, und niemand ahnte, wer der regungslos vor sich hinstarrende Mann war, niemand ahnte, daß es sein Name war, der jetzt, von lauten Stimmen gerufen, durch den Saal flog wie ein Ball, der ihn treffen sollte.
Der Intendant ärgerte sich. Künstler sind doch wirklich unberechenbar, fand er. Da blieb dieser neue Stern, obwohl er ihn genügend auf Beifall vorbereitet, einfach der Vorstellung fern, denn wenn er sich irgendwo hinter den Kulissen aufhielt, hätte ihn der Spielleiter längst vor die Rampe geschleift.
Irene flüsterte eindringlich: „Zeigen Sie sich doch dem Publikum, bedanken Sie sich für den Beifall!“
Ein finsterer Blick antwortete ihr.
„Bitte, lassen Sie mich, das alles geht nur mich an!“
Irene biß sich auf die Lippen. War sie denn eine zudringliche Bettlerin, daß dieser abscheuliche Mensch sie so behandelte? Ihre Wangen brannten, sie fühlte sich gedemütigt. Sie blickte geflissentlich an dem Mann vorbei, und keine Silbe kam aus ihrem Munde, als sich nach dem zweiten Akt die Rufe nach dem Autor noch verstärkten.
Während des dritten Aktes aber war er plötzlich von ihrer Seite verschwunden, und sie sah ihn dann am Schluß auf der Bühne stehen zwischen den Hauptdarstellern. Beifall umrauschte ihn wie ein brandendes Meer. Sein Gesicht lächelte glücklich, während er sich immer und immer wieder verneigte.
„Blütenzauber“ war ein unbestrittener Erfolg. Irene aber fuhr mit der elektrischen Bahn heim, saß zwischen anderen Opernhausbesuchern, hörte viel Lob und enthusiastische Reden und mußte denken, welch ein unliebenswürdiger, unfreundlicher Mensch doch im Grunde der so plötzlich berühmt gewordene Komponist sei. Denn berühmt war Alfred Grote geworden.
Das schrieben auch die Zeitungen am nächsten Tag.
Die Operette „Blütenzauber“ bewegte sich in alten und doch völlig neuen Bahnen, hieß es. Alfred Grote war ein Eigener, an dessen Wiege die gütige Frau Musika nicht mit ihren Gaben gespart hatte.
Gegen Mittag klingelte es. Irene war allein daheim, und als sie öffnete, stand Alfred Grote vor ihr.
Sie wich zurück wie vor einem Geist. Was wollte der Unhöfliche bei ihr? Kam er, sie zu beleidigen? Genügte es ihm noch nicht, sie nun bereits zweimal unhöflich behandelt zu haben?
Er zog den Hut. „Mein gnädiges Fräulein, darf ich vielleicht einen Augenblick nähertreten? Ich möchte Sie gerne sprechen, ehe ich abreise, ich schleppe mich nämlich mit dem Gefühl herum, Sie gekränkt zu haben, und möchte das wieder gutmachen.“
Irene lächelte bitter.
„Ich kann mich nicht erinnern, Herr Grote. Im übrigen ist meine Mutter nicht daheim, ich selbst bin sehr beschäftigt und bitte Sie deshalb —“
Er unterbrach sie:
„Das heißt mit anderen Worten, ich soll machen, daß ich fortkomme, nicht wahr?“ fragte er, belustigend lachend.
Sein Lachen ärgerte sie. Sie war doch kein toter Gegenstand, den man je nach Laune behandelt. Sehr kalt gab sie Antwort.
„Ich überlasse es Ihnen, meine Worte nach Ihrer Auffassung zu deuten.“
Sein Gesicht ward ernst.
„Versetzen Sie sich doch in meine gestrige Stimmung, versuchen Sie mir ein wenig nachzufühlen!“ Er machte eine abwehrende Handbewegung! „Aber was verlange ich eigentlich? Wie können Sie sich auch nur annähernd in meine Stimmung hineinversetzen? Sie wissen ja nicht, um was ich alles kämpfte mit meinem Werk, daß ich mit meinem vollen Erfolg viel Trotz und Verurteilung überrennen mußte, damit mein Vater an mich glaubt. Sie ahnen ja nicht, welche Kämpfe bis heute hinter mir liegen.“
Irene dachte an seine kühle, abweisende Behandlung vom Abend vorher und erstickte damit die warm aufquellende Teilnahme, die seine Wort in ihr geweckt.
„Es liegt für Sie wohl kaum ein Grund vor, Herr Grote, mich in Dinge einzuweihen, für die ich als Fremde nicht das richtige Verständnis haben dürfte.“
Sein Gesicht ward kühl.
„Verzeihung, Baronesse, es ist richtig von Ihnen, mich zur Ordnung zu rufen, und ich will Sie auch nicht weiter stören. Hatte nur das bedrückende Empfinden, Ihnen gestern Unrecht getan zu haben. Sollte ich mich irren, ist es ja gut, sollte ich Sie gekränkt haben, bitte ich um Vergebung. Im übrigen glaube ich, daß Ihr blaues Blut gar kein Verständnis für heißes Künstlerblut hat.“
Er verneigte sich, grüßte und wandte sich zum Gehen.
Leise drückte Irene die Korridortür ins Schloß, stürzte ans offene Fenster und blickte hinunter. Eben trat Alfred Grotes hohe Gestalt aus dem Hause, ging langsam die Straße hinunter. Irene verließ das Fenster, zog die Vorhänge fest zusammen, die Sonne blendete sie. Sie verschränkte die Arme über der Brust, und in ihr hallte es nach, daß ihr blaues Blut kein Verständnis für Künstlerblut hätte.
War es nicht zum Lachen, daß man ihr dergleichen sagte? Ihr, in der Musik pulste bis zu den Fingerspitzen, ihr, in der es sang und klang bei jedem Schritt? Die Melodien gestern, sie hörte sie noch jetzt klar und hell, und es war, als hätten sie sich in ihr Inneres eingefangen. Ach, diese hinreißenden, wiegenden, jauchzenden, lebensbejahenden Melodien singen zu dürfen!
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