Um diese Debatte anzuregen, möchte ich zu guter Letzt noch ein paar Einwände aufgreifen, die mir bei meinen Recherchen und Diskussionen unterkamen. Erstens wurde mir entgegnet, dass Neonazis doch nur eigene Events gründeten, weil sie auf dem – vielfach von Migranten geprägten – Kampfsportmarkt sportlich keine Chance hätten. Zumal es doch eventuell sogar gut sei, wenn sie ihre Gewalt miteinander in der Sporthalle austrügen anstatt an Unbeteiligten. Außerdem wurde ich gefragt, was trainierte Neonazis gegen eine hochgerüstete, bewaffnete Polizei oder gar Militär auslösen könnten, wenn sie den politischen Umsturz wollten.
Die erste Behauptung ist leider falsch, die zweite naiv. Denn zum einen gibt es eine lange Liste an erfolgreichen, extrem rechten Kampfsportlern. Diverse Hooligans beispielsweise aus Cottbus waren Europameister oder nationale Titelträger im Kickboxen. Zum anderen ist der Kampfsport in der extremen Rechten vielfach verknüpft mit den Wehrsport- und Schieß-übungen der Szene. Derlei Trainings zielen auf die Bekämpfung politischer Feinde und des demokratischen Staates. Deshalb wird die Gewalt nie in den Gyms bleiben.
In Anbetracht dessen wäre es zynisch, Ihnen viel Spaß beim Lesen zu wünschen. Stattdessen hoffe ich, dass Zivilgesellschaft, Staat und vor allem der nicht-rechte Kampfsport das Wissen und die Analysen nutzen können, um wirksame Strategien gegen rechte Gewalt und ihr Training zu entwickeln. Denn eines muss uns allen bewusst sein: Die zentralen Fragen zum Verhältnis zwischen Demokratie und Sport für die nähere Zukunft stellen sich genau hier – im Kampfsport.
_______________
*Zur Schreibweise von RechtsRock siehe Erklärung auf Seite 90.
*Zur Erklärung des Begriffs siehe Kapitel „Music is the Key“.
**Anders Behring Breivik ist ein rechtsterroristischer und islamfeindlicher norwegischer Massenmörder. Er beging am 22. Juli 2011 die Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya, bei denen 77 Menschen ums Leben kamen.
***Beim Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) am 15. März 2019 tötete der aus Australien stammende Rechtsterrorist Brenton Tarrant mit Schusswaffen insgesamt 51 Menschen und verletzte weitere 50, einige davon schwer.
Training für den Tag X
Militante Neonazis im Kampfsport
Über die vergangenen Jahre hat sich ein internationales Netzwerk extrem rechter Kampfsportler, Events und Modelabels entwickelt, das sich als Elite einer gesamteuropäischen Bewegung inszeniert. Es steht in der langen Tradition des rechten Terrorismus und will am Wachstum des Kampfsportmarkts sowie am gesellschaftlichen Fitnessboom mitverdienen. Enge Verbindungen bestehen seit vielen Jahren in den RechtsRock sowie die Hooliganszene, was sich sowohl auf regionaler Ebene in Thüringen als auch international am Beispiel der Ukraine nachzeichnen lässt. Es ist die Geschichte der Professionalisierung extrem rechter Gewalt.
Der Spätsommer 2018 versetzt die Republik in Alarmstimmung: Am frühen Morgen des 26. August wird der 35-jährige Daniel Hillig auf dem Chemnitzer Stadtfest erstochen – mutmaßlich von einem irakischen und einem syrischen Asylbewerber. Noch am selben Tag ruft die extrem rechte Hooligangruppe „Kaotic“ aus der Fanszene des Chemnitzer FC über Face-book zu einer Kundgebung am Abend auf. Mehrere Hundert Neonazis nehmen daran teil. Es ist der Auftakt zu einer Reihe an Aufmärschen, die die Republik verändern werden.
Denn über mehrere Jahre war die Debatte um Migration und Flucht eskaliert. Die „Hooligans gegen Salafisten“ randalierten im Oktober 2014 mit 5.000 Teilnehmer*innen durch Köln, die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) mobilisierten im Winter 2014/2015 mehrfach Zehntausende und noch Jahre später vierstellige Menschenmengen zu ihren montäglichen Versammlungen in Dresden. Nicht überprüfbare Gerüchte und gezielte Fake News über Gewalttaten von Geflüchteten kursieren seither in hoher Zahl in den sozialen Medien.
Die extreme Rechte forcierte das Szenario, die deutsche Gesellschaft sei durch Migration fundamental bedroht. Im Zentrum stehen die Kampfbegriffe des „großen Austauschs“ und der „Umvolkung“. Sie bilden die Klammer um die seit Jahren betriebenen Kampagnen von der Alternative für Deutschland (AfD) über die Identitäre Bewegung (IB), die sogenannte Neue Rechte, neonationalsozialistische Kameradschaften und eine schier unübersichtliche Landschaft an extrem rechten Blogs, Facebook- sowie Instagramseiten und YouTubern.
Jede mutmaßlich von muslimischen Migranten begangene Straftat – ob wahr oder nicht – wird auf ihren medialen Kanälen als Beleg für ihre rassistischen Thesen skandalisiert. Zudem schwingt stets eine kaum verhohlene, zynische Freude mit. Denn die Ereignisse auf dem Chemnitzer Stadtfest kamen ihnen bestens zupass. Die Parteien, Bewegungen und Kleingruppen am rechten politischen Rand der Bundesrepublik warten auf solche Anlässe. Sie sind gut darauf vorbereitet.
So kam es zu einem ersten Höhepunkt der extrem rechten Inszenierung am Montag nach dem besagten Stadtfest. In einer 5.000-köpfigen Menschenmasse tummelten sich Mitglieder der IB und militante Neonazis – sowohl aus Sachsen als auch bundesweit angereist. Sie skandierten „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“, „Nationalsozialismus – jetzt, jetzt, jetzt!“, „Merkel muss weg!“ und riefen zum „Widerstand“ gegen die verhasste Republik und ihre liberale Demokratie auf.
Eine Gruppe in der Menge erntete unterstützendes Gelächter und Applaus für den Slogan „Wir sind die Fans – Adolf Hitler Hooligans“. Auch das Leipziger Imperium Fight Team, entstanden aus der rechten Hooliganszene bei Lok Leipzig, hatte zum Aufmarsch mobilisiert. Sein Gründer Benjamin Brinsa postete am Tag darauf grinsend und vielsagend auf Facebook: „Das ballern ging heute gleich weiter ;-) “.
Ein zweiter Höhepunkt der Entwicklung ereignete sich am Abend des 1. September 2018: 8.000 Menschen besuchten die Kundgebung von „Pro Chemnitz“, AfD und Pegida. Pegida-Führungsfigur Lutz Bachmann sowie die AfD-Vertreter Björn Höcke und Andreas Kalbitz versammelten sich in der ersten Reihe des Aufmarsches und steckten sich weiße Blumen ans Revers. Höcke und Kalbitz sind zentrale Akteure am äußersten rechten Rand der Partei. Trotz aller von der AfD beschworenen Unvereinbarkeitsbeschlüsse zur IB und dünn geratener Distanzierungen von Neonazis: Das rechte Großprojekt zur Neuordnung der politischen Verhältnisse in Deutschland, die nationalautoritäre Offensive zur politischen Vereinigung der zersplitterten Szene am rechten Rand hatte ihren lang ersehnten symbolischen Erfolg.
Auch Hitlergrüße wurden gezeigt, vermeintliche Gegner bedroht und angegriffen. Dabei kam es schon in den Tagen zuvor zu Ausschreitungen: Sportlich trainierte Männer randalierten auf den Straßen und griffen die Polizei an. Ein Beamter wurde von einem rechten Hooligan an den Beinen umklammert, kurz angehoben und so zu Boden gebracht. Der Mitschnitt der Szene machte auch deshalb die Runde, weil das extrem rechte Modelabel White Rex des deutsch-russischen Hooligans Denis „Nikitin“ Kapustin ihn auf Facebook verlinkte. Darüber prangte der Kommentar „Check the doubleleg“ mit Coolness-Smiley. „Double Leg Takedown“ ist ein Begriff aus dem Kampfsport: Es werden beide Beine umgriffen, um den Gegner zu Fall zu bringen.
Die Netzwerke militanter Neonazis bejubelten die Bilder als Ausdruck der staatlichen Machtlosigkeit. Die Behörden wiederum versetzten die Bilder in Aufruhr. Denn in dieser kurzen Sequenz versinnbildlichte sich eine zentrale Entwicklung der vergangenen Jahre. Gezielt haben Neonazis in den Kampfsport investiert: eigene Trainingsstudios aufgebaut, eigene Events gegründet und eigene Marken für Ausrüstung und Kleidung etabliert. Sie trainieren für den Straßenkampf. Und sie professionalisieren ihre Gewalt.
Читать дальше