Hardy schob das Kinn vor, der gelbe Bart wippte.
»Man hat da drüben in den Felsspalten das eine oder andere gefunden. Ich auch. Du kannst mich ja mal besuchen und es dir anschauen.«
»Ach, Quatsch, das ist doch eine typische Wanderlegende! So wie die Geschichte von der Ratte in der Pizza.«
Das Motorengeräusch hallte knatternd über der öligen Wasserfläche. Skamön kam immer näher. Vor den Schilfröhrichten schwammen unbeeindruckt und ruhig ein paar Haubentaucher. Tobias konnte ihre Bernsteinaugen sehen. Die Paarungszeit war seit langem vorbei. Sie brauchten nichts mehr beschützen. Schon bald würden sie ihren charakteristischen Backenbart verlieren und ihr Wintergefieder bekommen.
Wenn er an den Winter dachte, bekam er Bauchschmerzen. Er musste unbedingt bald mit seinem neuen Buch fertig werden. Er musste dafür sorgen, dass Geld hereinkam. Das zweijährige Arbeitsstipendium des Autorenfonds lief Ende des Jahres aus. Jetzt musste er beweisen, dass sie auf den Richtigen gesetzt hatten, als sie beschlossen, ihm das Geld zu geben. Jetzt musste er etwas leisten.
»Haltet euch fest!«, warnte Sabina sie. »Wir legen an.«
Mit einem heftigen Ruck schob sich das Floß auf das sandige Ufer. Sabina zog die Unterlippe in den Mund. Ihr Gesicht hatte rote Flecken bekommen, der Zopf lugte unter dem Kopftuch hervor.
»Ihr wisst, worauf es ankommt«, zischte sie. »Immer schön ruhig bleiben. Dann läuft alles wie geschmiert.«
Wenn doch bloß die Sache mit dem Bein nicht gewesen wäre.
Er hatte mit seiner Mistgabel auf dem Heuboden gestanden, war geklettert wie eine Bergziege, mal aufrecht, mal auf allen vieren, seine alten Glieder waren so elastisch wie Gummi, waren es schon immer gewesen.
Doch dann war etwas Unerwartetes geschehen.
Es war ein zwar regnerischer, aber nicht kühler Tag Ende August gewesen, keine Hundstage, sondern regnerisches Wetter, sodass sie Gefahr liefen, die ganze Heuernte zu verlieren. Mehr als vier Wochen hatte es jetzt schon geregnet. Vielleicht hatte er sich Gedanken gemacht, die ganze Plackerei umsonst, dann die Saat, die verrottet, der Mähdrescher, der im Lehm abrutscht, weil er zu schwer ist, um den glitschigen Hang hochzufahren. Vielleicht hatten ihn solche Gedanken an jenem Morgen abgelenkt, denn plötzlich war Leere unter seinen Stiefeln, es gab keinen Widerstand mehr, und er fiel. Das Letzte, was er wahrnahm, war das Knirschen in seinem Schädel, als dieser auf dem Betonboden aufschlug.
Sabinas Gesicht war verschwommen, sie beugte sich über ihn, und ihre vollen Lippen standen offen. Trotz der Schmerzen sah er, dass sie zitterte. Hinter ihr stand der Junge, Adam, er sah seinen steifen Nacken, Mama, brachte er heraus, dumpfe Mamalaute, auf die Sabina nicht reagierte. Ausnahmsweise war sie nicht voll und ganz auf den Jungen konzentriert. Sie kniete im Mist, und ihre Fingerspitzen näherten sich ihm, aber sie schien sich nicht recht zu trauen, so als könnte er zerbrechen, sobald sie ihn berührte. Er schwebte von neuem davon, war aber dennoch irgendwie bei Bewusstsein, denn später konnte er sich an Details erinnern: dass er über den Boxen schwebte wie auf einer schaukelnden Matratze, so einer, die man aufblasen und im Wasser benutzen konnte. Ein Stück über ihr schwebte er, über ihren runden Schultern, dem gekrümmten Rücken, den verborgenen Haaren, dem Kopftuch, das sie immer trug, wenn sie zu den Tieren ging. Und auch das konnte er sehen, wie sie im Flur vor dem Spiegel stand, es um den Kopf legte und zuband, das verblichene Muster aus Blumen. Sie betrachtete ihr Bild im Spiegel, wenn sie dachte, dass niemand hinsah. Ihr Blick, in dem Befriedigung und Lust lagen.
Er hatte noch die nötige Kraft. Es würden noch viele Jahre vergehen, bis seine Kräfte schwanden.
Das hatte er immer gedacht.
In der Ferne erklangen Sirenen. Daraufhin öffnete er die Augen, und sie kniete immer noch vor ihm. Auch Adam war auf die Knie gefallen, seine fleischigen Wangen hingen schlaff herab.
Er wollte ihr Fragen stellen oder Vorwürfe machen.
»Du hast doch wohl nichts Unnötiges getan? Musstest du unbedingt einen Krankenwagen rufen? Und die mit Sirenen und allem Drum und Dran anrücken lassen?«
Etwas in der Art wollte er gerne sagen, brachte jedoch keinen Laut über die Lippen. Und dann spürte er die ersten Ansätze von Verwirrung.
Es waren zwei Mädchen, und sie trugen rote Overalls, und er dachte, dass sie bestimmt aus der Stadt waren, und ihre Füße waren so klein und sauber. Sie riskierten, im Mist der Tiere auszurutschen. Er roch den klinischen Geruch von Ölen, den süßen und klinischen Duft von Stadt.
Mit etwas Mühe gelang es den beiden, ihn auf die Trage zu hieven. Er hatte vor allem an seinen Kopf gedacht, spürte nun jedoch, dass in seinem Körper etwas anderes kaputtgegangen war. Das linke Bein fühlte sich unter dem Stoff der Hose so lose und eigenartig an.
»Wie heißen Sie, können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«
Der blonde Pony des kleinen Mädchens. Als ob er seinen Namen nicht wüsste.
»Er heißt Carl Sigvard Elmkvist«, mischte Sabina sich ein, und als sie ihn in all seiner Gebrechlichkeit auf der Trage liegen sah, konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten.
Die Augenbrauen des Mädchens.
»Ich wollte es von ihm selbst hören. Carl Sigvard, wissen Sie, welcher Wochentag heute ist?«
Es war verrückt! Völlig verrückt. Und der verdammte Junge stand wie ein Fleischklops im Gang. Er hörte Adams heiseres, jaulendes Weinen, sie musste ihn auf der Stelle trösten, sonst würde er sich in einen Anfall hineinsteigern. Sabina würde ihn nie mehr beruhigen können.
An die Fahrt ins Krankenhaus erinnerte er sich nicht mehr, nur an das Warten auf einer schmalen, wackligen Pritsche, an Leute auf Stühlen in den Korridoren, an einen Sonnenstrahl auf dem glänzenden, staubigen Fußboden.
Schließlich kam ein Arzt zu ihm. Mein Gott, war er jung. Er stand in seinem weißen Kittel und mit seinen rosigen Wangen vor ihm.
»Sie haben es Ihrer robusten körperlichen Konstitution zu verdanken, dass Sie bei dem Sturz nicht umgekommen sind.«
Sie? Waren außer ihm noch mehr gefallen, hatte er widerborstig gedacht, als wäre das Ganze die Schuld eines anderen gewesen und nicht die Folge seines eigenen Missgeschicks auf dem Heuboden.
Über eine Woche musste er im Krankenhaus bleiben. Sie operierten ihn am Rücken und am Bein. Er hatte Risse und Brüche in seinem Skelett. Eigentlich war er kein Mensch, der sich was tat. Ein einziges Mal war er vorher im Krankenhaus gewesen, und zwar, als Tobias zur Welt gekommen war.
Sie gingen an Land. Sabina ließ Adam nicht aus den Augen, hatte den Finger an die Lippen gepresst, leiiiise. Der Hund blieb dicht bei ihr, er war nicht das erste Mal dabei und wartete nur auf ihre Kommandos.
»Wir bleiben erst einmal hier und lassen sie selber die Initiative ergreifen«, flüsterte Sabina. Sie ließ sich auf einem Baumstamm nieder, der weiter oben im Gras lag. Der Hund saß regungslos neben ihr und hatte den Blick auf ihren Mund gerichtet. Schon wenige Minuten später raschelte es im Laub. Die Tiere kamen. Zögernd, aber neugierig, der Atem kam wie Dampfstöße aus ihren Nasenlöchern.
Tobias stand mit einem Fuß auf einem großen Stein. Er trug seine eigenen Gummistiefel, die er aus der Stadt mitgebracht hatte. Er benutzte sie nur selten, hatte in den Keller gehen und sie suchen müssen. Er wackelte ein wenig mit den Zehen, fror, stand da und sah die Tiere immer mutiger werden, sah ihr braunweißes Fell, ihre Atemstöße, die ihn an das Geräusch von Heißluftballons erinnerten. Plötzlich sind sie einfach da, und der ganze Himmel ist voll von ihnen, und dann das Geräusch kontrollierter Atemzüge, das gleiche Geräusch wie bei gebärenden Frauen, eine beherrschte, sorgfältig erwogene Atmung. Aus den Augenwinkeln sah er Adam, sein schweres, verschlossenes Gesicht. Er war jetzt angespannt, weil er wusste, weil sein schwerfälliges Gehirn sich erinnerte, dass es da etwas gab, was er nicht vergessen durfte. Sein Blick ruhte auf dem Finger seiner Mutter, schön still jetzt, Adam, stiiill.
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