»Überhol ihn, überhol ihn!«
Sie versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht.
»Ich habe dir doch gesagt, dass du mich nicht anfassen darfst, wenn ich fahre! Ich habe dir das bestimmt schon tausendmal gesagt, kannst du das nicht in deinen Kopf kriegen?! Es ist gefährlich, Adam, wir könnten im Straßengraben landen.«
Der große Mann schluchzte auf, und Sabina ließ sich sofort besänftigen.
»Schau mal, wir sind doch gleich da. Es ist witzlos, ihn noch zu überholen. Denkst du, Hardy ist schon da?«
Adam schluckte und verstummte.
»Love me tender«, ließ er dann hören. »Love me true.«
Wie sie das nur schafft, schoss es Tobias durch den Kopf. Adam war wie ein überdimensionales Kind. Grotesk. Er würde niemals normal werden. Sie würde ihn nie aus ihrer Obhut entlassen können, wie normale Eltern es tun, wenn die Kinder erwachsen werden. Sie würde erst dann nicht mehr für ihn verantwortlich sein, wenn einer von ihnen starb.
Er dachte daran zurück, wie es war, als Adam und Sabina einzogen. Wie lange war das jetzt her? Zehn Jahre? Adam war damals siebzehn gewesen. Der Alte hatte akzeptiert, dass er zur Familie gehören würde. Er konnte ihm sicher bei allem Möglichen zur Hand gehen, war bestimmt bärenstark, und auf einem Bauernhof konnte man jede helfende Hand gebrauchen. Wenn Tobias schon nicht bereit war, die Familientradition weiterzuführen und den Hof zu übernehmen.
Sabina hatte seinen Vater bei einem Fest im Dorf kennen gelernt. Der Heimatverein organisierte damals regelmäßig Tanzabende, von denen man sogar in den größeren Orten der Umgebung gehört hatte, sodass Leute von überall her herbeiströmten.
Der Alte hatte durchaus Kontakt zu Frauen gehabt, bis Sabina auftauchte, jedoch keine gefunden, die er im Haus haben wollte, und Sabina konnte er nicht ohne Adam bekommen.
Sie näherten sich dem See Fagerlången mit seinem Gewirr aus Inseln und Felseneilanden. Als Kind hatte Tobias seinen eigenen alten Nachen gehabt, mit dem er hinausrudern konnte. Schwimmwesten und ähnlichen Schnickschnack hatte es damals noch nicht gegeben. Es war trotzdem immer gut gegangen. Zwei-, dreimal war er hineingefallen, aber schwimmen konnte er ja, sodass er sich nur über die Bootskante hieven und die Kleider anschließend von der Sonne trocknen lassen musste.
Heute war das etwas anderes. Er hätte es nie gewagt, Klara auch nur alleine zum Wasser hinuntergehen zu lassen. Man veränderte sich, wenn man ein Kind bekam, wurde so empfindsam.
Jetzt waren sie da. Glänzend und glatt breitete sich die Wasserfläche vor ihnen aus. Es war so kalt, dass ihm die Augen tränten. Tobias ging hinter eine der Fischerhütten und pinkelte, ehe er den Blaumann seines Vaters überstreifte. Er fühlte sich unbeweglich und unwohl darin. Mit einem trockenen, knisternden Geräusch rieb er seine Handflächen aneinander und schnäuzte sich anschließend.
Das Floß lag am Steg. Es bestand aus übrig gebliebenen Brettern und alten Ölfässern, die man hätte sanieren müssen, und die der Alte gerade deshalb für wenig Geld bekommen konnte. Zweimal im Jahr wurde es benutzt. Einmal im Frühjahr, wenn die Ochsen auf die Insel geschafft wurden, und dann ein zweites Mal im Herbst, wenn sie wieder nach Hause sollten. Die Weiden da draußen waren hervorragend, und der Alte hatte einen Teil des Grundes gepachtet. Er hatte Geld für die ganze Insel geboten, aber es war ihm nicht gelungen, sie zu kaufen.
Tobias ging zum Floß. Sabina beugte sich über den Motor und füllte mit Hilfe eines schmutzigen alten Trichters den Tank. Adam war ebenfalls an Bord gegangen und hielt sich am Geländer fest.
»Ich friere!«, sagte er mürrisch. »Ich habe meine Handschuhe auf der Treppe liegen lassen.«
Sabina öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber im gleichen Moment tauchte hinter den Fischerhütten ein Mann auf. Sie hatten ihn nicht kommen hören, er musste schon dort gestanden und auf sie gewartet haben. Er musste geglotzt haben, als Tobias sich umzog, ohne sich bemerkbar zu machen. Das war ein unangenehmes Gefühl. Der Mann war zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre alt. Er machte große Schritte in seinen Stiefeln, starrte zu Boden, hatte die Hände tief in den Taschen seiner Lederjacke vergraben. Über seiner Schulter hing ein großer grüner Militärrucksack. Es war Hardy Lindström. Tobias erkannte ihn jetzt wieder, seine Haare waren blond und gelockt unter dem Hut, und er trug einen kurzen, leuchtend gelben Bart, der gefärbt zu sein schien.
»Oh, gut, dass du hier bist, Hardy«, rief Sabina, und in ihre Stimme schlich sich ein flehentlicher Ton. Es war ihr endlich gelungen, den Motor anzuwerfen, der spuckte und stotterte. Hardy nickte. Seine mageren Beine machten einen Schritt über die Reling, und dann stand er bei ihnen auf dem Floß. Der Hund schlich zu ihm und beschnüffelte ihn. Er hatte nicht angeschlagen. Hardy schob ihn mit dem Fuß zur Seite. Die schwarzen Stiefel waren hochgeschnürt, und die Hose hatte er in die Stiefelschäfte gestopft.
»Hallo, Adam«, sagte er, »wie geht’s, wie steht’s?«
Ein Nerv in Adams linker Wange, gleich unter dem Auge, hatte angefangen zu zucken. Er grinste, Speichel hing in seinem Mundwinkel.
»Wie geht’s, wie steht’s?«, ahmte er nach.
»Bestens, Alter, bestens! Alles paletti.«
Erst jetzt schien Hardy auch Tobias zu bemerken. Sabina stand am Steuer und lenkte das Floß. Sie manövrierte das plumpe Fahrzeug zwischen den Bootsstegen auf den See hinaus.
»Schön, dass du uns helfen willst«, rief sie, und ihre Hände glitten über das Lenkrad.
»Wie ich sehe, habt ihr schon Verstärkung bekommen. Einen Profi aus Stockholm, was? Jemand, der sich mit so was auskennt?«
»Das ist doch nur Tobias, das siehst du doch. Ich weiß, dass ihr euch schon einmal begegnet seid.«
Hardy wandte sich halb ab, hob eine Hand zum Schutz gegen den Fahrtwind und zündete sich eine Zigarette an. Er machte keine Anstalten, den anderen eine anzubieten. Das Streichholz schaukelte noch einen Moment auf der Wasseroberfläche, wurde dann jedoch in einen Wirbel hinabgesogen und verschwand. Hardy rauchte ein paar gierige Züge, ging zu Adam und gab ihm einen Klaps auf den Rücken. Es war genau der gleiche, harte Schlag, den Adam zuvor Tobias versetzt hatte. Adam schüttelte sich, seine Pupillen flackerten unstet.
»Geht es dir gut?«, fragte Sabina.
»Inwiefern?«
»Na, ganz allgemein?«
»Alles in Ordnung.«
»Und wie geht es deiner Mutter?«
»Soweit ich weiß, fehlt ihr nichts.«
Tobias suchte ihren Blick, aber sie war ganz darauf konzentriert, das Floß zu steuern und Kurs auf Skamön zu halten. Es war die größte Insel im See, aber sie war unbewohnt, es gab nicht einmal ein Sommerhaus auf ihr.
»Skamön, die Schandinsel, was für ein Name«, rief er, vor allem um das Thema zu wechseln und es Sabina auf die Art etwas leichter zu machen. Er verabscheute auf einmal seine eigene Stimme, denn es schwang etwas in ihr mit, das ihn an seinen Alten erinnerte, ein Tonfall, den er nicht wahrhaben wollte.
In Hardys Augen regte sich ein Funken Leben.
»Weißt du eigentlich, warum die Insel so heißt?«
Tobias antwortete ihm nicht.
»Früher haben sie dort die Weiber ausgesetzt, die verheiratet waren, es aber trotzdem mit anderen Männern getrieben haben. Man hat sie dahin gebracht, wie wir es mit dem Vieh machen. Und zwar so nackt, wie Gott sie erschaffen hatte. Sie haben sich bestimmt gewünscht, sie wären Tiere, diese Huren.«
»Diese Huren«, wiederholte Adam, und der kleine Nerv unter dem Auge zuckte heftig.
»Hört auf«, murmelte Sabina.
»Aber das ist wahr. Sie sind da draußen verhungert. Wenn sie nicht vorher ins Wasser gegangen oder erfroren sind. Man hat ihnen weder Essen noch Kleider mitgegeben.«
»Das ist doch nur eine alte Legende«, meinte Tobias. »Glaubst du wirklich, dass da was dran ist?«
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