Ich sprach mit Hermann Gerland und schilderte ihm meine Probleme. Das gipfelte in dem Satz: »Ich schaffe das alles nicht mehr.« Hermann antwortete: »Es gibt nur zwei Möglichkeiten für dich. Entweder du machst weiter wie bisher. Oder du hörst sofort auf und konzentrierst dich auf deine Profikarriere. Ich sorge dafür, dass du einen Zweijahresvertrag bekommst.« Ich nahm die Steilvorlage dankend an und brach meine Ausbildung ab.
Bei einem Hallenturnier im Januar 1986. Bei einer der vielen Auseinandersetzungen mit meinem Vater wurde dieses Foto zerrissen.
Es gibt einen Satz Gerlands, der sich mir eingeprägt hat. Wir absolvierten ein Pokalspiel in Münster. Bei großer Hitze lieferten wir in den ersten 45 Minuten eine grottenschlechte Leistung ab und lagen folgerichtig 0:2 zurück. Gerland sprach mich direkt an: »Wenn du nicht zurückwillst auf die Straße, dann musst du kämpfen, kämpfen, kämpfen. Also beweg deinen Arsch.«
Danach habe ich das Spiel mit meiner Mannschaft noch gedreht. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir 5:2 gewonnen, und ich traf dreimal in der zweiten Halbzeit.
Dieses: »Wenn du nicht wieder auf die Straße zurückwillst, musst du kämpfen«, begleitet mich mein ganzes Leben. Ausgelöst durch die Brutalität meines Vaters litt und leide ich immer noch unter einer Art Verfolgungswahn. Alle vier bis fünf Monate erfassen mich Angstzustände, die sich durch Schweißausbrüche und schlechten Schlaf ankündigen. Dann habe ich das Gefühl, dass man mir etwas antun will und ich etwas dagegen unternehmen muss.
Mit der A-Jugend des VfL wurden wir Kreispokalmeister. Urkunden und Trophäe nahm ich zusammen mit Trainer Klaus Hofmann (links) und Kapitän Olaf Dressel (Mitte) entgegen. Olaf wurde auch als Profi mein Mannschaftskollege in Bochum.
Ich weiß, dass ich auf dem Fußballplatz als »harter Hund« galt, schon in der Jugend und auch als Profi. Hier möchte ich den Leuten erklären, warum ich so geworden bin, wie ich heute bin, und was meine Antriebsfedern waren.
Ich wollte mich wehren können gegen Übergriffe, wie ich sie durch meinen Vater erleiden musste. Wenn ich in ein Fußballspiel ging, sah ich in den direkten Gegenspielern meinen Vater und nahm mir vor: Den hau ich um! Daraus eine Motivation zu ziehen, war schon fast krankhaft. Sogar im Training kam es zu Situationen, in denen ich einfach anderen wehtun wollte. Diese Gewaltbereitschaft in mir versuchte ich, durch diszipliniertes Fitnesstraining zu kompensieren. Ich trimmte in unzähligen Übungseinheiten meine Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Explosivität. Und als das Fitness-Training nicht mehr ausreichte, wechselte ich zum Kampfsport.
Ich begann als Zwölfjähriger, nachdem mich mein Vater wieder einmal verhauen hatte, mit Taekwondo. Freunde schleppten mich in die Polizeisportschule in Langendreer. Dort meldete ich mich an. Dienstags und donnerstags Fußballtraining – montags, mittwochs und freitags Kampfsport. Es zahlte sich aus, denn mein Selbstvertrauen wuchs und wuchs. Ich spürte die Stärke und trat immer selbstbewusster auf.
Drei Jahre und einige Prüfungen später verlor ich die Lust, weil es mir zu harmlos erschien, nur mit sogenannten Semi- oder Halbkontakten diesen Sport zu betreiben. Ich wollte den Vollkontakt. So kam ich zum Kickboxen und einige Zeit später zur brasilianischen Spielart des Jiu-Jitsu. Bei diesem Sport, der auch »Gracie Jiu-Jitsu« genannt wird, wird der Schwerpunkt auf den Bodenkampf gelegt. Tritte und Schläge sind dadurch kaum möglich oder verlieren an Wucht. Er bietet auch schwächeren Personen in aussichtslos erscheinenden Situationen effektive Möglichkeiten, sich durchzusetzen. Es ist in erster Linie eine Frage der Technik und nicht der Stärke – ein Umstand, der mir besonders gefiel. Angesichts des Kräfteverhältnisses bei uns zu Hause kein Wunder.
Zweimal wurde ich als Jugendlicher in die deutsche Nationalmannschaft berufen. 1987 spielte ich mit der U19 gegen Chile. Wir gewannen 2:0; ich gab die Vorlage zum zweiten Treffer durch Michael Kostner.
Übrigens hat auch Zlatan Ibrahimovic, der im schwedischen Malmö im Ausländerviertel Rosengard keine einfache Jugend verbrachte, früh Taekwondo ausgeübt. Ich glaube, er verfügt sogar über einen schwarzen Gürtel. Es hat mich nicht gewundert, als ich davon erfuhr.
Bis 2006 habe ich noch Kampfsport ausgeübt, ohne es jemals an die große Glocke zu hängen. Dann habe ich damit aufgehört und mich nur noch auf den Fußball konzentriert. Der Grund dafür war denkbar einfach: Mein Vater ist 2005 gestorben. Danach habe ich schlicht keinen Grund mehr gesehen, mich für einen Notfall rüsten zu müssen.
Bei einem internationalen Pfingstturnier in Ulm, 1987. Wir schlugen im Finale Dukla Prag.
Als Jungprofi liebte ich Schmusekätzchen.
Der Profi als Popstar
Ein Fußballer, der aus der Jugend kommt und von heute auf morgen die Chance erhält, die Bundesliga-Bühne zu betreten, gerät in eine Wunderwelt, die er kaum begreifen kann. Einfach alles ändert sich. Ein armer Junge wie ich, der bislang überwiegend die Schattenseiten des Lebens kennengelernt hatte, stand urplötzlich im Lichtkegel.
»Das ist nicht normal, das erinnert mich an eine Sekte«, sagte ich in meiner Naivität zu meiner Mutter. Der Wechsel mit 17 Jahren in den Profikader des VfL Bochum und die damit verbundenen Annehmlichkeiten verstörten mich am Anfang. Wenn ich auf dem Parkplatz vor dem Trainingsgelände ankam, steckten mir Fans Briefe, Kärtchen und viele andere Dinge wie Bilder oder Telefonnummern zu. Aus dem Niemand wurde ein cooler Typ, den die Mädchen anhimmelten. Eine Scheinwelt zwar, die aber für mich sehr konkret aussah. Ich konnte mir alles wünschen und brauchte dafür nur mit dem Finger zu schnipsen. Ich nutzte es aus!
Vielleicht durch meine ganz persönliche Geschichte geprägt, fiel es mir schwer, feste Bindungen einzugehen. Meine neue Freiheit, zu der auch meine erste eigene Bude beitrug, genoss ich in vollen Zügen. Ich ließ nichts anbrennen. Meine Wohnung wurde zum Taubenschlag, weil ich die mir zugesteckten Telefonnummern abarbeitete. Meine 40-jährige Nachbarin muss Protokoll geführt haben, denn irgendwann beschwerte sie sich. Eines Nachts klopfte sie an meine Tür. Als ich aufmachte, fragte sie, ob ich nicht etwas leiser sein könnte. Ich antwortete, dass ich doch gar keine Musik hören würde. »Von Musik habe ich nicht gesprochen, vielleicht ist es möglich, etwas leiser zu schreien.« Ich solle doch bitte etwas Rücksicht nehmen. Schließlich sei es halb drei in der Frühe.
Oft werde ich gefragt, wie das mit dem Sex vor dem Spiel sei. »Sehr entspannend«, habe ich dann immer geantwortet. Der eine hat getrunken, der andere geraucht, und ich habe entweder Karten gespielt oder – wenn ich ein Einzelzimmer belegte – mich auch schon mal mit einer Frau vergnügt. Wobei das alles persönliche Bekanntschaften waren und nicht etwa professionelle Frauen. Damit hatte ich nichts am Hut. Und natürlich war ich nicht der Einzige. Viele der Kollegen handhabten das ähnlich, und ich gehe davon aus, dass dies auch heute noch läuft. Damit der Trainer oder Manager nichts merkte, habe ich immer vorher Extra-Zimmer buchen lassen. So waren die Frauen schon im Hotel, wenn wir anreisten. Den Tipp gab mir ein erfahrener Spieler – »funktioniert immer«, sagte er mir. Stimmt.
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