Zum größten Konfliktpotenzial wurde jedoch der Einsatz von Pyrotechnik, insbesondere von Rauchmitteln und sogenannten Bengalos. Die für Ultras zentrale Bedeutung dieser Form der Stimmungserzeugung zeigte sich anhand von Befragungen für eine im Vorfeld der WM 2006 getätigte Untersuchung. Damals gaben 66,5 % der befragten Ultras an, dass Pyrotechnik zu ihren Aktivitäten dazugehöre. 26Andererseits barg die große Hitze des Bengalischen Feuers die Gefahr schwerer Brandverletzungen, und die Rauchentwicklung führte zu Gesundheitsgefährdungen anderer Stadionbesucher. 27Dies ließ Polizisten und Stadionordnern aus rechtlichen Gründen keine andere Möglichkeit, als dagegen vorzugehen, was sie wiederum zu unmittelbaren Gegnern machte. Das Ausmaß der Vorfälle mit Pyrotechnik, die unter die Bestimmungen des Sprengstoffgesetzes (SprengG) fällt, manifestierte sich anhand der wegen Verstößen gegen dieses Gesetz eingeleiteten Strafverfahren. Obwohl die Verstöße auch von Stadionbesuchern verübt wurden, die nicht zu den Ultras gehörten, dürften Letztere für den Großteil verantwortlich gewesen sein, und die Versechsfachung der Verfahren innerhalb eines Jahrzehnts zeigte die steigende Brisanz des Themas. Vor diesem Hintergrund erklärte sich auch eine zu dieser Zeit ansteigende Aggression gegen Polizisten und Ordner. 28
1./2. Bundesliga Sprengstoffgesetz 29
Saison |
Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz |
2000/01 |
113 |
2001/02 |
141 |
2002/03 |
131 |
2003/04 |
175 |
2004/05 |
203 |
2005/06 |
187 |
2006/07 |
304 |
2007/08 |
243 |
2008/09 |
357 |
2009/10 |
704 |
Dass sich Ultras bei ihren Aktivitäten der Gefahr von Schadensersatzklagen, Stadionverboten und Strafverfahren aussetzten, belegte deren Entschlossenheit. Diese ging mit einem hohen Organisierungsgrad einher, was ihnen ermöglichte, ihre Interessen auch auf legalen Wegen zu vertreten, etwa durch einen organisierten Vereinseintritt zur Mitgestaltung der Klubpolitik oder den Einsatz von Fachanwälten bei Auseinandersetzungen mit Behörden.
Zwischen 2000 und 2010 rückten auch gesamtgesellschaftliche Aspekte in das Blickfeld vieler Fußballanhänger. Das betraf etwa die Diskriminierung von Minderheiten 30und das Ausmaß rechtsextremistischer Aktivitäten. 31Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für diese Themen weckte etwa das bereits seit 1993 bestehende „Bündnis Aktiver Fußball-Fans“ (BAFF), das 2001 die Wanderausstellung „Tatort Stadion Rassismus und Diskriminierung im Fußball“ startete. 32Eine gesteigerte Sensibilität trug dazu bei, dass diverse Vereine in ihren Stadien das Tragen von Kleidung rechtsextremistischer Hersteller oder von bei Rechtsextremisten beliebten Marken untersagten. 33Zudem engagierte sich auch der DFB, indem er sich in Kampagnen gegen Rassismus positionierte oder in Fernsehspots auf die Verdienste von Spielern mit Migrationshintergrund für den deutschen Fußball hinwies.
Zwischen 2000 und 2010 modernisierte sich der Fußball grundlegend und wirkte sich ebenso grundlegend auf die Situation der traditionell eingestellten Fans aus. Dies hatte sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Die flächendeckende Erneuerung der Stadionlandschaft, die Steigerung des Zuschauerkomforts, die Verbreiterung des Informationsangebots und die Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit standen gegen die Ausweitung der Kommerzialisierung, die Zunahme von „Retortenvereinen“, die Veränderung von Anstoßzeiten und den Verlust von Tradition.
Auffallend ist, dass sich trotz der Einengung der Spielräume für Hooligans in den beiden obersten Spielklassen und einer Verringerung ihres Personenpotenzials die Anzahl der Strafverfahren zum Ende des Jahrzehnts erheblich erhöhte. Die Gesamtzahl eingeleiteter Strafverfahren stieg von 4.577 in der Saison 2007/08 auf 6.030 in der Spielzeit 2008/09, um in der Folgesaison mit 6.043 Taten auf diesem Niveau zu verweilen. 34Diese Zahlen lassen jedoch unterschiedliche Sichtweisen zu, denn die Zunahme der Strafverfahren bedeutete nicht automatisch, dass sich die Gefährdung für den durchschnittlichen Stadionbesucher erhöht hatte. Eine Ursache für den Anstieg könnte auch darin gelegen haben, dass die Polizei stärker gegen vermehrt Pyrotechnik einsetzende Ultras vorging und es dabei zu Widerstandshandlungen kam. So erhöhte sich zum Ende des Jahrzehnts die Zahl der wegen des Einsatzes von Pyrotechnik eingeleiteten Verfahren stark, was das ohnehin konfliktträchtige Verhältnis von Polizisten und Ordnern zu Ultras weiter verschlechterte. Die Bewegung der Ultras entfaltete sich parallel zur Modernisierung des Fußballs, möglicherweise auch aufgrund dieser, und ihr auf Hingabe zu ihren Klubs beruhender Anspruch musste zwangsläufig mit den Interessen derer kollidieren, die in den Vereinen vor allem mittelständische Wirtschaftsbetriebe sahen. Auf die zunehmende Kommerzialisierung reagierten insbesondere Ultras mit einer Haltung gegen den „modernen Fußball“.
Die Veränderungen des deutschen Fußballs im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends führten nicht nur zu erheblichen Verbesserungen für Stadionbesucher, sondern verdeutlichten, dass sich die Interessen von Funktionären, Wirtschaftsakteuren, Medienschaffenden und Polizisten von denen vieler traditionell eingestellter Fans unterschieden, wodurch sich Konfliktfelder ergaben, die einen Einfluss auf die Zunahme von Straftaten gehabt haben dürften. Seitdem müssen insbesondere traditionsbewusste Vereinsanhänger individuell für sich entscheiden, ob und wie sie auf diese Situation reagieren.
Behn, Sabine/Schwenzer, Victoria (2006): Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten und Entwicklung von Gegenstrategien, in: Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.): Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball, Bonn, S. 320-435.
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Blaschke, Ronny (2011): Angriff von Rechtsaußen. Wie Neonazis den Fußball missbrauchen, Göttingen.
Bundesministerium des Innern (Hrsg.) (2001): Hooliganismus in Deutschland. Ursachen, Entwicklung, Prävention und Intervention, Berlin.
Dembowski, Gerd/Scheidle, Jürgen (Hrsg.) (2002): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball, Köln.
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Farin, Klaus/Hauswald, Harald (1998): Die Dritte Halbzeit. Hooligans in Berlin-Ost, Bad Tölz.
Gabler, Jonas (2010): Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland. Köln.
Pilz, Gunter A./Wölki, Franciska (2006): Ultraszene in Deutschland, in: Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.): Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball, Bonn, S. 63-238.
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Vieregge, Elmar (2007): Die Fußballweltmeisterschaft 2006 und der deutsche Rechtsextremismus, in: Möllers, Martin H. W./van Ooyen, Robert Christian (Hrsg.): Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2006/2007, Frankfurt, S. 137-145.
Marcus Sommerey: Entwicklungsgeschichte der deutschen Ultra-Bewegung
Um die Entstehungsgeschichte der deutschen Ultrabewegung von der Geburtsstunde an verstehen und analysieren zu können, ist es unumgänglich, sich mit der Geschichte des Fußballs, der Fankulturen anderer Länder und dem Begriff der (Fan-)Identität auseinander zu setzen. Daher muss gleich hier zu Beginn ein Blick zurück geworfen werden, nach England, dem „Heimatland“ des Fußballs, nach Italien, von wo lange die Leitkultur der Ultrabewegung vorgegeben wurde, aber auch in die deutsche Fußballvergangenheit, bevor der Schwerpunkt dann bei der Genese deutscher Gruppen liegen wird. Die gerade genannten Länder England und Italien hatten bzw. haben, so viel darf man vorweg nehmen, einen enormen Einfluss auf die Fußball- und Fankultur der Nachkriegsgeschichte Deutschlands.
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