Da sein letzter Besuch Ende März unglaubliche sechzig Stunden lang gedauert hatte (von Freitag abend bis Montag früh, nach der Ursache für dieses Wunder hatte ich ihn aus Stolz nicht gefragt), wobei er so locker und glücklich gewesen war, wie ich ihn nicht einmal in unseren besten Zeiten erlebt hatte, erwachte die Hoffnung in mir, er habe endlich begriffen, worum wir uns bestehlen, wann immer wir nicht beisammen sind. Als er gleich von mir ins Büro ging (ein Schock, wie sich der nackte Liebling plötzlich in einen strengen Herrn im Zweireiher und mit Fliege verwandelte), schob er mir im Korridor (als ich durch den Spion das Treppenhaus kontrollierte) von hinten die Hände in die Ärmel meines Nachthemds, preßte mich fast verzweifelt an sich und flüsterte, Bald!
Meine Enttäuschung war danach um so grausamer. Sie betäuben und diese nicht mehr zu ertragende Abhängigkeit abstreifen, das sollte der Maihase namens Václav. Und von dem wiederum wollte ich mich gerade säubern (obwohl es auf zwei zuging und das Wasserrauschen durch den Lichtschacht donnerte), als (zum erstenmal in der Nacht!) Viktor anrief.
«Und halte ich dich nicht auf?» (Seine zweite ständige Frage.)
«Nein», vor Überraschung sprach ich völlig ruhig, «ich bade grade.»
«Seit gestern abend rufe ich jede Viertelstunde an. (Bitterkeit schnürte mir die Kehle zu: Du kommst mit dem Kranz nach dem Begräbnis, mein scheußlicher Abend hätte unser Fest sein können!) Petra, bist du da ...?»
«Ja ...»
«Ich habe dich nicht gehört.»
«Ich hab nichts gesagt.»
Nackt wie ich war, überblickte ich vom Telephon im Korridor aus das Bild eines verpfuschten Lebens: Aus dem Bad grinste mich samt Waschmaschine das Bügelbrett an, aus der Küche der Herd, aus meinem Zimmer das einsame Lager. Irgendwie spürte er das, er klang bedrückt.
«Ist dir was?»
Ich brachte nicht die Kraft auf, die Heldin zu spielen, Wut und Zorn wichen dem Selbstmitleid, seine Stimme berührte mich körperlich.
«Ich regne ein bißchen ...»
Trotz des Abgrunds der Jahre wußte er, was das hieß.
«Ach, bitte nicht! Ich komm zu dir, ja?» (Das verwirrte mich.)
«Jetzt ...? Bist du allein?»
«Nein, aber das spielt keine Rolle. (Was ist los??) Mein Auto steht hier vorm Haus, kannst du in zwanzig Minuten unten aufmachen?»
«Aber ...»
«Ich muß mit dir sprechen. Jetzt aber regne nicht mehr, ja? Ahoj!»
Ich hielt den Hörer immer noch und erblickte im Garderobenspiegel ein busiges Weib mit blutigem Fleck und dümmlicher Miene. Soll ich etwa binnen einer Stunde einen Hurenbeischlaf und einen Heiratsantrag erfahren? Was sonst kann es bedeuten, wenn er mich in tiefster Nacht von daheim anruft? Hat er ihr von uns erzählt? Hat er gestanden, was er mir verraten hat? Hat sie erkannt, daß ihr keine Chance bleibt, und ihn freigegeben? Oder hat sie ihm vielmehr (Slowakinnen verstehen zu toben und Jüdinnen zu strafen) den Koffer vor die Tür gesetzt?
Ich mußte blitzschnell baden, das Gefühl abwaschen, daß fremder Schweiß an mir klebte, und frische Wäsche anziehen (die alte werfe ich am besten gleich in den Müll). Als ich zum zweitenmal in die Wanne steigen wollte, klingelte das Telephon wieder. Ich erschrak. Hat sie ihn nicht gehen lassen? Hat sie ihm gedroht, mitsamt dem Kindlein aus dem Fenster zu springen? (Slowakische Jüdinnen müssen hysterisch sein.) Abnehmen oder nicht abnehmen? das war hier die Frage. Lieber nicht, er wird mich doch nicht auf der Straße warten lassen, wenigstens kommt er her, und sei es mit ihr! (Aber: Werde ich einem Vergleich standhalten? Werde ich die Szene meistern? Und: Was ist, wenn er mir dringend was sagen will?) Ich nahm ab und hörte in der Membrane ein Poch! Poch! Poch! (das Hämmern meines Herzens), ehe ein kläglicher Laut herauskam.
«Mamhiii ... Mamhiii ...!»
Erst nach ein paar Sekunden erkannte ich in dem Geheul die Stimme meiner Tochter.
«Gábi! Gábina! Bist dus?»
«Mamhiii!» (Sie wimmerte herzzerreißend, wie ich sie seit ihrer letzten Tracht Prügel als Kind nicht mehr gehört hatte, später hatte sie verachtend die Zähne zusammengebissen.)
«Ja, Gábilein, was ist los? Was ist dir passiert?»
Die Antwort war Wimmern. Ich sah sie vor mir (der Fernsehfilm neulich!) zusammengekrümmt neben dem heruntergerissenen Telephon, in der Brust das Messer.
«Wo bist du? Was ist mit dir?? Um Gottes willen, red doch!!»
«Ich bin ver – ää – all – ig ...»
«Was bist du? Ich versteh nicht! Beruhig dich, du mußt mir sagen, wo ich hinkommen soll und was du brauchst. Die Rettung? Bist du verletzt?»
«Neiiin ... ich bin vergewaltiiigt ...»
«Jesus Christus! Wer ... wo ...»
Urplötzlich, anscheinend hatte sie meine totale Ohnmacht erkannt, begann sie zusammenhängender zu sprechen als ich, beschrieb auch für mich verständlich, wo sie war, und lehnte einen Arzt resolut ab.
«Fehlt noch, daß sich das rumspriiicht ...»
Das Weinen endete mit einem Schnauben und das ganze Gespräch mit der verworrenen Versicherung, daß irgendein Taxler weggefahren und sie zur Hauptstraße gelaufen sei, ich verstand nicht die Bohne, ließ Wanne Wanne sein, sprang in die nach Unzucht riechende Wäsche (Herr, Du mein Gott, so sehr habe ich Dich erzürnt?) und stürzte auf die Straße (danke, daß du mir in deiner Güte ihn geschickt hast, ein Zeichen, daß Du mich nicht ganz und gar verdammt hast!), wo allerdings niemand war. Ich gab ihm fünf Minuten, bevor ich ohne ihn losliefe (vielleicht winke ich irgendwen zu Hilfe). Er kam pünktlich.
«Schnell», ich drängte mich zu ihm, «Gábina ist vergewaltigt worden, hat sich in einer Telephonzelle versteckt!»
Er stellte keine Fragen und fuhr los, bot mir aus dem Handschuhfach ungewöhnlich dünne Zigaretten an (bestimmt von seiner Frau, er rauchte nicht, doch das war mir egal), ließ den Anzünder aufglühen und wiederholte (wie einst mein seliger Papa), Alles wird gut, du wirst sehen! dabei raste er, systematisch die Verkehrsregeln mißachtend (er!), wie ein Rennfahrer durch die zum Glück leere Stadt. Mein Liebster, mein Liebster! sagte ich hin und wieder, wenn die Angst sich legte, zu mir, jetzt war er, wie ich es ersehnte, Gábis Vater und mein Mann.
Die lange und breite, von Plattenhäusern gesäumte Straße wirkte unter den Neonpeitschen wie die postzivilisatorische Szenerie aus Bradburys ‹Mars-Chroniken›. Vor dem Kaufhaus standen tatsächlich drei Telephonzellen, aber leer. Ich schlotterte und war zu nichts mehr fähig, doch Viktor stieg aus und fand sie sofort, sie hockte zusammengekauert auf dem Boden der mittleren Zelle, ihr Kopf lag kraftlos auf der Schulter. Ich sprang aus dem Auto.
«Ruhe ...» er hielt mich zurück, ehe ich selbst wie eine verwundete Wölfin aufheulen konnte, «sie schläft.»
Sie war weder zerrauft noch zerfetzt, wie ich es erwartet hatte (auch die Wirkung von Film und Literatur), in ihrem Gesicht stand sogar ein kindlicher Ausdruck, mit dem sie mich im Schlaf jedesmal entwaffnete, sie zwang mir damit die trügerische Vorstellung auf, sie sei immer noch mein kleines Schäfchen. Viktor weckte sie sehr behutsam, erntete aber trotzdem ihr übliches Morgengeknurre.
«Noch niiicht ...»
Dann erschrak sie vor ihm und klammerte sich an mich ... wie zum letztenmal wann? vorletztes Jahr, als ihr Vater zum erstenmal nicht erschienen war, um das Weihnachtsfest mit ihr zu feiern (sowieso stets am frühen Nachmittag, damit er den ganzen Heiligabend mit seinen neuen Kindern verbringen konnte, jetzt hatte deren Mutter selbst diese zwei vorgeschobenen Stunden gestört, und er wollte seine geheiligte Ruhe haben, mein einst so furchtloser Gatte), hatte sie mich genauso unterm Weihnachtsbaum umarmt. Ich schmelze! sang ich damals im Geiste, doch schon eröffnete sie mir, sie springe also zu ihrer Freundin, bestimmt würde ich lieber allein Rybas’ Christmette vom Plattenspieler hören.
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