Am 19. Juli hatte die Krönung des Königs in der von Glanz und Herrlichkeit funkelnden großen Festhalle von Westminster stattgefunden.
Auch Königin Karoline kam angefahren und versuchte, begleitet von Lord Hood, ihrem Kammerherrn, in die Halle zu dringen. Aber man wies sie zurück, weil sie keine — Eintrittskarte vorzeigen konnte. Keine Hand und keine Zunge rührte sich für die Unglückliche. Wo waren denn die Tausend und Hunderttausenden, die wenige Monate zuvor nicht hatten müde werden können, zu brüllen: „Die Königin für immer!“ Ach, sie waren auch heute wieder da, aber sie gafften stumm und teilnahmslos.
Das war zu viel für die arme Frau. Am Abend des 30. Juli erkrankte sie plötzlich in ihrer Loge im Theater. Sie hatte ein Glas Limonade getrunken, und es wird erzählt, ohne jedoch verbürgt zu sein, daß sie, als schon am Morgen darauf ihre Krankheit den bedenklichsten Charakter angenommen, ausgerufen habe: „Der König hat mich vergiften lassen!“ Sterbend verzieh sie ihren Feinden, setzte ihren Adoptivsohn Austin zum Haupterben ein und verordnete, daß man sie daheim in Braunschweig begraben sollte. So verschied sie am 7. August 1821. Für die Tote erwachte die Teilnahme des Volkes wieder. Es zwang den Leichenkondukt statt um die City herum, mitten durch diese zu gehen, und noch bei der Einschiffung des Sarges zu Harwich umbrüllte die Menge denselben mit dem wütenden Ruf: „Die Königin! Die gemordete Königin!“ Georg IV. überlebte seine Frau fast noch um volle neun Jahre, die er, ziemlich menschenscheu geworden, im Kreise seiner männlichen und weiblichen Günstlinge meist in Windsor verbrachte.“ (Scherr, Karoline von England.)
Es ist hier nicht der Platz, festzustellen, wie weit diese unglückliche Königin, die Gattin eines monströsen Narren, wirklich „gefehlt“ hat. Es gilt hier nur zu sagen, daß die Hörigkeit der Frau in der Tat manchmal die schrecklichsten Formen annahm — (und annimmt) — der Zivilisation zum Trotz, die bekanntlich schon 1820 zitiert wurde.
Man erinnert sich unwillkürlich der anmutigen Schwester König Georg III. von England, der Prinzessin Karoline Mathilde, nachmaliger Königin von Dänemark, Gattin des verrückten Christian VII. 1766 berichtete der englische Gesandte seiner Regierung über die Ankunft der „fünfzehnjährigen“ Braut: „Die Prinzessin gewinnt, wo sie sich zeigt, Beifall und Liebe. Ihre nähere Umgebung preist übereinstimmend und aufs höchste ihre Gemütsart und ihr Benehmen.“
Im Herbst desselben Jahres wird die — betonen wir es: — fünfzehnjährige Engländerin die Gattin des Königs. Der französische Gesandte berichtet nach Paris:
„Die Prinzessin hat auf das Herz des Königs fast gar keinen Eindruck gemacht. Wäre sie noch liebenswürdiger, sie hätte dasselbe Schicksal. Denn wie könnte sie einem jungen Fürsten gefallen, der allen Ernstes glaubt, es gehöre nicht zum guten Ton (n’est pas du bon air), seine Frau zu lieben?“
(Vielleicht muß man hier bemerken, daß Christian diese Sitte aus Paris übernommen hat. Im übrigen war das die Zeit, in der Ludwig XV. kleine Mädchen in Frankreich zusammenkaufen und zusammenrauben ließ, um sich an ihren jungen Körpern zu „erwärmen“. Diese armen Sexualhörigen wurden im königlichen „Hirschpark“ für den „Sohn des göttlichen Ludwig“ zurechterzogen.)
Nachdem die Königin lange Jahre hindurch dem König die Treue gehalten hatte, obgleich sie zusehen mußte, daß er im Verkehr mit Maitressen unter wüsten Bacchanalen immer mehr verblödete, lernte sie Struensee, den Leibarzt des Gatten, kennen und lieben. Struensee war nicht unsympathisch, die Königin mehr als liebenswert. Aber schließlich siegte die Hofkabale, eine Palastrevolution entstand, Struensee, der inzwischen Minister geworden war, wurde verhaftet, und nun lassen wir Johannes Scherr das Wort, dem Autor der „Menschlichen Tragikomödien“:
„Aus dem Schlafzimmer des Königs eilt Ranzau (einer der Verschworenen) nach dem der Königin. Eickstedt und andere Offiziere begleiten ihn auf diesem Gang. Es hat aber im Schlosse schon Lärm genug gegeben, um die arme Mathilde zu wecken. So wurde sie wenigstens nicht im Schlafe überfallen, und sie hat bei der jetzt folgenden abscheulichen Szene einen Mut entfaltet, welcher Zeugnis gibt, daß in dieser Frau etwas von dem Stoffe gewesen, aus welchem Heldinnen gemacht sind. Aber sie war ja nicht in einer Epoche des Heroismus geboren, sondern in einer Epoche gewissenloser Intrige und erzstirniger Brutalität. Es hat auch die letztere in dieser ganzen Zeit sicherlich nie brutaler sich geoffenbart als zu dieser Stunde, wo der wüste Ranzau und seine Spießgesellen die unglückliche Königin gefangen nahmen.
Als sie Geräusch in ihrem Vorzimmer hört, ruft Mathilde nach ihren Kammerfrauen. Bleich, verstört, nur halb angezogen drängen sich die Dienerinnen herbei. Die Königin springt aus dem Bett und fragt, was der nächtliche Lärm bedeute, was denn vorgehe. Man sagt ihr, daß Graf Ranzau sie im Namen des Königs sprechen wolle und mit einer Anzahl von Offizieren im Vorzimmer harre.
„Graf Ranzau? Im Namen des Königs? Ruft eilends den Grafen Struensee!“ —
„Ach, Majestät, der Herr Minister ist verhaftet —“
Da schlägt die Königin in der bitteren Gewißheit ihres Unterganges die Hände vor das Gesicht und ruft aus: „Verraten und verloren! Auf ewig verloren!“ Aber rasch wieder Meisterin ihrer selbst, wirft sie einen Pudermantel über ihr Schlafgewand und sagt: „Laßt sie eintreten, die Verräter! Ich bin auf alles gefaßt.“
Sie geht den Eintretenden entgegen. Ranzau verbeugt sich zeremoniös und liest der Königin den von dem König unterzeichneten Verhaftungsbefehl vor. „Geben Sie her, ich will es mit eigenen Augen lesen.“
Der Graf reicht ihr das Papier. Sie liest es vom Anfang bis zum Ende durch, wirft es dann zu Boden, setzt den Fuß darauf und sagt, vor Verachtung zitternd: „Daran erkenne ich die Verräter und den König.“
Darauf Ranzau: „Majestät, ich bitte Sie, die Befehle des Königs zu respektieren.“
Mathilde wieder: „Die Befehle des Königs? Befehle vielmehr, wovon er nichts weiß, und Welche nur die infamste Verräterei seiner Torheit entrissen hat. Nein, solchen Befehlen gehorcht keine Königin!“ ...
Man sieht, diese zwanzigjährige Frau benahm sich ebenso mannhaft, wie Struensee sich weibisch benommen hatte. Sie tat noch mehr: sie, die arme schwache, verlassene Frau, versuchte sogar physische Gegenwehr gegen die Gewalt.
Ranzau erklärt ihr, daß er seinen Auftrag vollziehen müsse, und daß derselbe kein Zögern vertrage. Worauf die Königin: „Ich verweigere Rede und Fügsamkeit, bevor ich den König gesehen und gesprochen habe.“ Und sie eilt der Tür zu.
Der Graf vertritt ihr den Weg und stößt eine Drohung aus. „Sie sind ein Elender! Wie, ziemt dieser Ton einem Diener gegen seine Königin? Sie sind der verächtlichste Mensch, ein Schmachbeladener, den ich niemals fürchten werde.“ Ranzau murmelt: „Man muß ein Ende machen —“ und winkt einem der Offiziere mit den Augen. Ein Auftritt hebt an, von dessen Schmach alles Wasser der Ostsee die dänische Aristokratie nicht rein waschen kann.
Der Offizier packt mit roher Faust die Königin. Sie entreißt sich seinem Griff und stößt einen markdurchdringenden Hilferuf aus. Nun umringen alle die Memmen und Verräter die Unglückliche und werfen sich alle auf sie. Sie durchbricht die Kette, springt zum Fenster, reißt es auf und will sich hinausstürzen. Da faßt sie wieder einer der Schurken. Vom Paroxismus der Wut erfüllt, packt sie den Elenden bei den Haaren und schleudert ihn zu Boden, ebenso einen zweiten, bis sie endlich, von allen zugleich angefallen, nach einem schrecklichen Ringen atemlos, mit aufgelösten Haaren, halbnackt und ohnmächtig zu Boden sinkt ...
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