Überrascht blickte er sie gross an, denn er hatte erwartet, dass sie auf das Vergnügen verzichten würde, sobald sie erführe, dass er bessere Absichten hege, als sie. Seit langem eine stille, tiefe Neigung für sie im Herzen, die er wohlweise verschlossen mit sich herumgetragen hatte, fühlte er sich unangenehm berührt, sie überschätzt zu haben. Er hatte die Empfindung, als wären plötzlich alle seine Ideale in ein dunkles Nichts versunken.
„Es geht nicht, wirklich nicht, gnädiges Fräulein,“ sagte er verbindlich. „Aber wenn Sie von Blumen überschüttet werden, und auch ich ein paar als letzten Gruss der Toten widmen werde, dann werde ich an Sie denken. Verlassen Sie sich darauf.“
Sie fühlte den Stich, und so regte sich in ihr Trotz. Sie, die verwöhnte Tochter aus reichem Hause, die einer Kaprice willen zum zweitenmal diesen Weg nach hier gemacht hatte, sollte sich einen Korb holen, einer armseligen, verblichenen Kreatur wegen, die ihn doch eigentlich nichts anging? Nimmermehr!
„Sie ziehen wohl die Toten den Lebenden vor?“ fragte sie spöttisch. „Wissen Sie, dass ich an jedem Finger meiner Hand einen Grafen haben könnte?“
„Ich weiss es, gnädiges Fräulein,“ gab er höflich zurück.
Diese Gleichgültigkeit trieb ihr das Blut in die Wangen. „Sie werden kommen, Herr Oswald, ich wünsche es!“ brachte sie befehlend mit ihren bebenden Lippen hervor.
Wahrhaftig, in dieser Verfassung, gerötet von Zorn, mit blitzenden Augen, erschien sie ihm begehrenswerter als sonst. Aber wie ein Etwas, das allmählich Besitz von ihm erriff, stieg langsam der Widerwillen gegen sie in ihm auf. Auch er hatte seinen Trotz und Stolz, den keine Macht des Geldes beugen konnte.
„Ich weiss in der Tat nicht, gnädiges Fräulein —“
„Ich werde sehen, zwischen wem sie wählen,“ sagte sie mit einem seltsamen, verzerrten Lächeln, aus dem ebensoviel Neigung wie Drohung sprach. Damit legte sie die Karte auf den Tisch und verschwand, begleitet von seinem schlimmen Husten als letztem Gruss.
„Unangenehm, sehr unangenehm,“ sagte der Kommerzienrat zu seiner Frau, als er erfahren hatte, dass gerade am Korsotage die Hälfte seines Fabrikpersonals nach dem Kirchhof gehen wollte. Dieses kleine Ding schien also sehr beliebt gewesen zu sein. Nur gut, dass nicht einer von den älteren Arbeitern oder gar ein Werkführer gestorben war, denn dann hätte man mit im Trauerzuge sein müssen, und aus dem Vergnügen auf Westend wäre nichts geworden. So aber konnten die drei Säle die traurige Angelegenheit unter sich abmachen.
„Was, Sie wollen auch mit zum Begräbnis?“ fragte er dann Oswald am Vormittag des wichtigen Tages, als der Maler ihm seine Absicht mitteilte. „Aber meine Tochter teilte Ihnen doch mit, dass Sie — —. Ich würde nichts dagegen gehabt haben. Wenn Evi sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat —.“ Plötzlich aber war ihm diese Wendung der Dinge sehr angenehm. „Wissen Sie, — da möchte ich Sie bitten, mich auf dem Kirchhof zu vertreten und in meinem Namen einen Kranz auf das Grab niederzulegen,“ fuhr er eifrig fort. „Dann braucht der Buchhalter es nicht zu tun. Das Kontor hat überdies einen grossen gespendet.“ Er hatte den Kranz schon bei der Hand, der, auffallend gross und prächtig, an dem Säulenknauf eines hohen Stuhles hing. Sofort fielen Oswald die gelben Rosen auf, mit denen er fast übersät war.
„Evi hat ihn bestellt. Sie sehen daraus, dass meine Tochter auch ein Herz für die Arbeiterinnen hat. Schade, schade, dass wir heute nicht mitgehen können. Aber wie die Umstände nun einmal liegen —. Sie wissen ja.“
Oswald lächelte kaum merklich, denn er nur allein glaubte die Symbolik dieser gelben Rosen zu verstehen. Sie sollten beweisen, dass ihre Spenderin im Innersten ihres Herzens seine edle Absicht doch begreiflich fand. Fast schien es ihm wie eine duftende Mahnung, ihren Wunsch zu erfüllen, die Tote die Tote sein zu lassen und dort hinauszufahren, wo lachendes buntes Treiben das Recht des Lebenden verkündete und wo ihm vielleicht etwas verheissen würde, woran er selbst in den Minuten höchster Einbildung nicht gedacht hatte. Aber er schwankte nicht lange.
„Ich danke für das Vertrauen, das Sie mir schenken, Herr Kommerzienrat,“ sagte er verbindlich, „ich werde nicht verfehlen, darauf hinzuweisen, dass Sie mit Ihrem ganzen Herzen an der Trauer teilnehmen.“ Er nahm den Kranz und ging.
Der Kommerzienrat blickte ihm misstrauisch nach, denn er glaubte wieder jenen leichten Spott vernommen zu haben, der von dem Wesen dieses seltsamen Menschen unzertrennbar war.
Am Nachmittage, als draussen auf herrlich geschmückter Bahn die bekränzte Wagenkette sich allmählich an den Tribünen vorbei zu entfalten begann, die sich wie emporsteigende, blühende Menschenbeete ausnahmen, fand Evi Zeit, den Blick suchend auf die Loge zu richten. Der Platz in der dritten Reihe war leer. Also war er wirklich nicht kommen! Einige Minuten lang hatte sie inmitten dieses Gewoges, das sinnbetörend die neidischen Götter herauszufordern schien, eine Art Vision. Sie glaubte einen langen Zug schwarzgekleideter Menschen zu sehen, die mit Grabesstille an ihr vorüberzogen und mit grossen, weit aufgerissenen Augen sie anstarrten, als wollten sie sie stumm anklagen. Dann trug man die kleine Arbeiterin, die wachsbleich aussah, frei in der Luft. Sie war ganz und gar mit gelben Rosen bedeckt, deren lange Stengel sich wie Ranken um ihren Körper schlossen und eine seltsame Dornenkrone bildeten, aus der grosse, helle Tropfen zur Erde fielen, die sich wie der Schweiss der Arbeit ausnahmen. Als letzter kam Oswald hinterdrein, gebückt und hohläugig, eine einzige, weisse Blume in der Hand ...
„Schrecklich, schrecklich,“ kam es stöhnend über ihre Lippen.
„Was denn?“ fragte der Kommerzienrat gemütlich, der sich nie in seinem Leben so gefühlt hatte, wie gerade heute.
„Ach, nichts.“
Unter hellem Gelächter der Damen, unter dem Jubel der Zuschauer begann die Blumenschlacht, die sich wie ein toller Wirbel von farbig beweglichen Luftkörpern ausnahm. Eine vollerblühte, rote Rose flog Evi ins Gesicht. Leutnant von Sidelmann führte gerade seinem Tandem vorüber und hatte sich erlaubt, mit leuchtenden Augen ihr diesen Gruss zu spenden. Die Vision war vorbei.
Ein dankbares, herziges Lachen belohnte den Liebesscherz. Dann flog als Antwort eine ganze Handvoll gelber Rosen hinüber. Der Kommerzienrat zog tief den Hut und seine Frau nickte mehr als gnädig. Beide schwammen in stiller Wonne.
„Was für ein Dummkopf, dieser Oswald,“ dachte Evi, halb erstickt vom Blumenregen. Dann suchten ihre Augen nur noch den Leutnant.
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