„Nun, ja — ja!“ Der Kommerzienrat wollte entschieden noch mehr hinzufügen, hatte aber im Augenblick keine weiteren Worte für seine Wallung inneren Zornes. Dann erhob er sich, so schnell es ihm seine Beleibtheit gestattete, und trat wieder ans Fenster.
„Was ist denn da los?“ rief er aus. Ein Vorgang draussen hatte ihn sofort auf andere Gedanken gebracht. Mehrere Arbeiterinnen führten eine Kollegin, ein schwächliches Ding, der Strasse zu.
„Es ist eine von den Spannerinnen, die kleine Milly. Sie leidet häufig an Ohnmachtsanfällen, die schon beinahe chronisch geworden sind,“ erwiderte der Maler, der neugierig hinter seinen Chef getreten war. „Man wird sie wohl in einer Droschke nach Hause bringen.“
„Recht bedauernswert,“ fiel Meusel ein. „Man hätte doch gleich den Krankenwagen holen sollen. Vielleicht hat sie ein Herzleiden.“
„Sie ist hochgradig bleichsüchtig und kann das Stehen nicht vertragen,“ sagte Oswald wieder, der die Kleine ihres stillen Wesens wegen lieb gewonnen hatte und nun mit seinem Blick die Gruppe so lange verfolgte, bis sie unsichtbar wurde.
„Dann soll sie heiraten,“ sagte Meusel und lachte breit auf, als hätte er einen guten Witz gemacht.
„Wenn das nur immer gleich so ginge, Herr Kommerzienrat,“ warf Oswald lächelnd ein, der in diesem Augenblicke daran dachte, dass Meusels Tochter ebenfalls eine gewisse gelbliche Blässe nicht verleugnen konnte.
Der Kommerzienrat schien denselben Gedanken zu haben, denn, wieder die Farbenskizzen in der Hand, sagte er: „Wissen Sie, das sieht hier auch nicht schlecht aus, — die Dekorierung des Rücksitzes mit Laub. Das gibt sozusagen einen rötlichen Reflex. Evi würde doch vielleicht sonst ein bisschen zu weiss aussehen ... Ja, ja — das behalten Sie nur bei.“ Und während der Maler verständnisvoll nickte, hatte Meusel wieder die alten selbstsüchtigen Gedanken. Sein stiller Traum war ein Schwiegersohn in Uniform, natürlich ein „Aktiver“ und womöglich von Adel. Die Kavallerie selbstverständlich bevorzugt und die „Garde“ erst recht. Zu was hatte man denn die Millionen zusammengescharrt, um sich nicht wenigstens diesen Stolz leisten zu können. Überdies war es auch Zeit, dass Evi unter Haube kaum. Sie hatte bereits die Zweiundzwanzig hinter sich, und der alte Sanitätsrat hatte gelegentlich einmal ungefähr dieselbe Äusserung getan, die er, Meusel, vorhin auf die junge Arbeiterin angewandt hatte. Also musste man sehen, ob man nicht am nächsten Mittwoch den Vogel abschösse. In die Augen fallen, das war die Hauptsache! Etwas von sich machen, dass alle Welt neidisch die Köpfe zusammensteckte, neugierig fragte und sich dabei zuraunte: „Das ist Kommerzienrat Meusel mit Frau und Tochter.“ Leutnant von Sidelmann mit seinem Tandem war sicher draussen, und der hätte ihm schon gefallen als Freier. Die Damen hatten ihn bei einem Wohltätigkeitsfest kennen gelernt, und er schien sich für Evi stark zu interessieren. Na, und wenn der’s nicht sein sollte, dann würde es gewiss ein anderer sein. Schliesslich blieb immer noch Baron Nassen übrig. Der hatte sich zwar die Haare schon ganz bedenklich wegamüsiert und hatte ein besonderes Talent zum Querüberschreiben, aber das machte nichts. Dafür spielte er eine grosse Rolle in der Gesellschaft, war ein schneidiger Kerl und hatte sich bei den Weibern schon gehörig die Hörner abgelaufen. Er würde gewiss noch einmal als ganz solider Ehemann enden. Man brauchte nur seine zahlreichen Wechsel aufzukaufen, und man hätte ihn. Na, und was Evi persönlich anbetraf, die in dieser Beziehung ihre kleinen Mucken hatte, die merkwürdigerweise ganz bürgerlicher Natur waren, so würden sich die schon austreiben lassen.
Übrigens, — wie wär’s mit weissen Marguérites und Flieder?“ nahm der Kommerzienrat den alten Faden wieder auf. „Das habe ich einmal vor Jahren gesehen und machte sich prächtig. Womöglich grüne Bänder dazwischen. Das gibt dann dem Ganzen die Weihe.“
„Dieses Arrangement soll Rother bereits getroffen haben, ich hörte es durch Zufall von einem Kollegen dort,“ warf Oswald ein.
Meusel fuhr ärgerlich auf. Rother war ein Konkurrent von ihm, der in letzter Zeit seine Fabrik zur hohen Blüte gebracht hatte und mit seinem sechzehnjährigen Ding von Tochter überall dabei war, wo es galt, ins Vordertreffen zu rücken. Er war noch nicht einmal Kommerzienrat geworden wie sein verstorbener Alter, und masste sich an, dieselben Einfälle zu haben! Aber wenigstens gut, dass man von seinem Vorhaben unterrichtet war; man konnte also den Versuch machen, ihn noch zu übertrumpfen.
„Oder wie wär’s mit Vergissmeinnicht und Maréschal-Niel-Rosen, he? Muss sich auch ganz nett ausnehmen. Auch die Orange-Chrysanthemen hier auf Ihrem Entwurf wirken ganz brillant. Machen Sie noch ein paar Skizzen. Strengen Sie mal Ihre Phantasie an. Erfinden Sie etwas Grandioses, machen Sie unserer Firma Ehre.“
Oswald schob ihm die dritte Skizze zu, mit dem Bemerken, dass sich das „gnädige. Fräulein“ bereits dafür entschieden habe, nur Guirlanden aus gelben Rosen zu wählen.
Sofort stieg der Ärger in Meusel wieder auf. Richtig, er hatte ja ganz das sonderbare Benehmen seiner Tochter vergessen. Sollte dieser junge Mann es vielleicht wagen ...? Sollte sich da hinter seinem Rücken etwas angesponnen haben, was sich wie ein schlechter Roman ausnähme? Aber lächerlich, einfach lächerlich! Es war eigentlich zu dumm, das auch nur im Ernste anzunehmen.
„Meine Tochter ist in dieser Beziehung gar nicht ausschlaggebend, lassen Sie sich das, bitte, gesagt sein,“ sagte er kurz. „Nur ich habe in dieser Beziehung zu bestimmen. Ich will nicht hoffen, dass Sie mein Vertrauen in irgend welcher Art missbrauchen. Meine Tochter gehört nicht hinten in die Fabrik, ich werde ihr das in aller Höflichkeit sagen.“ Und als Oswald darauf nichts erwiderte, sondern mit einer stummen Verbeugung die Zeichnungen wieder zusammenrollte, glaubte er daraus erst recht etwas zu vernehmen, was seinen Verdacht bestärkte. Sein Ärger drängte ihn, sich Luft zu machen. Es brauchte ja auch bloss ein kleiner Stich zu sein.
Die grossen Künstlerknoten, die der Maler trug, hatten schon längst seine Aufmerksamkeit erregt. Und so sagte er denn unter sichtlichem Spott: „Sie sind wohl etwas sehr eitel, lieber Herr Oswald. So oft ich Sie sehe, tragen Sie eine neue Krawatte.“
„Nur, um auch in dieser Beziehung Ihre Firma würdig zu vertreten, Herr Kommerzienrat,“ gab der Maler durchaus ernst zurück und empfahl sich.
Meusel verschluckte seinen neuen Ärger und zeigte nur ein erzwungenes Lächeln. An diesen jungen Herrn war wirklich nicht heranzukommen, er fand immer die richtige Antwort.
„Evi, — hör mal, ich habe ein ernstes Wort mit dir zu reden,“ sagte der Kommerzienrat eifrig kauend am Abend, als er mit Frau und Tochter im Speisezimmer seiner Villa, draussen in der Tiergartenstrasse, sass und dabei den unempfänglichen Blick durch die offene Glastüre der Veranda über das prächtige Blumenparterre des Vorgartens schweifen liess. „Unterlass das gefälligst künftighin, — Bestellungen hinter meinen Rücken an meine Angestellten auszuüben. Fabrikluft kann dir nur schädlich sein.“
„Sie wird aber von so vielen Menschen geatmet, Papa, die dich zum reichen Mann gemacht haben.“
Meusel lachte breit auf. „Du scheinst ja meine Intelligenz sehr zu unterschätzen. Was wäre alle Arbeit, wenn die leitende Hand fehlte, die sie dirigiert.“
Evi warf das wohlfrisierte Köpfchen in den Nacken und verzog den Mund. „Wenn man viel Geld hat, lässt sich leicht dirigieren.“
„Evi, von wem hast du denn diese Weisheit? Ich will doch nicht hoffen, dass dieser Oswald dir sie eingeträufelt hat. Nochmals: es schickt sich nicht, dass du da die schmutzigen Steintreppen hinaufflatterst und selbständig Konferenzen mit einem Maler abhältst. So etwas macht sich am besten in meinem Kontor.“ Das Misstrauen gegen seine Tochter verleidete ihm den Bissen des saftigen Hummers, den er gerade seinem Munde zugeführt hatte.
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