Openhagen, »wie K’, nur ohne«, fuhr, zumindest im Vergleich mit Paulo wie ein alter Mann mit Hut. Er erzählte fröhlich in beinahe jeder neuen Ortschaft, wen er hier kannte oder gekannt hatte. Es war, als würden wir durch sein Telefonbuch fahren.
»Zwei Würschte, sechs Mal Kaffee, richtig – und Bratkartoffeln? Sind ganz frisch, eben geschnippelt, die Zwiebel.«
Dass dies der Platz sein würde, an dem sich manche Fahne drehen sollte, ich ahnte es nicht, als wir an diesem Sonnabendvormittag das erste Mal an Jankos Zelt standen.
Es war wenige hundert Meter vor Zembin, Landstraße rechts raus, ein Parkplatz »mit Wasseranschluss«, wie Janko betonte. »Also, Zu- und Abfluss, wohlgemerkt, wa?«
Janko Schobast hatte den Geist eingefangen und in sein ausgemustertes NVA-Zelt gebracht. Den Geist des Aufbruchs vom Herbst.
Wir hielten mit unseren zwei Westautos beim ersten und einzigen Imbiss im Landkreis, »ach, was, gibt’s im ganzen Land nicht. Bin der Erste. Weißte, aber essen müssen ja die Leute. Wirste sehen, wirste.« Ein paar Spuren hatte das Leben Janko um seinen Bart ins Gesicht gekniffen. Seine Wangen stiegen wie Ballons, wenn er lachte, was er oft tat.
»Also, was ist jetzt, Herrschaften, Gas ist teuer, jemand für die Bratkartoffeln?«
Ich hob die Hand.
Der Schifferpastor hatte uns per Lichthupe und Blinker auf den Parkplatz dirigiert. Hier wollte er uns einnorden auf unsere Besucherrolle.
Am Parkplatz hatte Janko neben dem schweren, dunkelgrünen Mannschaftszelt einen kleinen weißen Wohnwagen gestellt, worin er briet und brühte. An einer langen Stange wehte ein blauer Wimpel Richtung Himmel.
»Zurückhaltung, Herrschaften, Zurückhaltung. Die werden alles tun, damit wir es gut haben. Keine dummen Sprüche, die Jugendfraktion. Oder sollte ich das gar nicht erst sagen?« Der Schifferpastor hatte sein wichtiges Gesicht aufgesetzt und sah von einem zum anderen.
»Doch, wir können von Ihrer Stimme gar nicht genug hören«, Anna schnurrte und zeigte ein Katzenlächeln.
»Na, dann ist ja gut. Und jetzt lade ich euch ein. Kaffee. Und zwei Cola, richtig?«
Auftritt Janko. Weiße Schürze, beinahe noch, jedenfalls. Silbertablett, geerbt. Darauf: Vier weiße Plastiktassen, ein Süßstoffspender, einmal Dosenmilch, groß und ein – ebenfalls geerbter, ich habe später gefragt – Esslöffel. »Müsst ihr weiterreichen, den Löffel. Hab noch keine anderen. Geht alles.« Janko ging, sein Lächeln blieb am Tisch.
So müsste man spielen können. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Ich stand im Flur, so dicht vor der Wohnzimmertür, dass keine Ausrede in der Nähe war. Ich lauschte, verzückt. Die Töne wurden überlegt angeschlagen, als seien sie dran in dem Moment. Sie folgten ungezwungen einer vorhersehbaren, erahnbaren Melodie. Sie flogen und schwirrten, einige leiser. Es schien mir, als würden sie freigelassen durch das Spiel, ein erhabener Moment. Eine Melodie, die sich selbst dennoch erst fand, Basstöne legten den Weg, über den die höheren tanzten, tänzelten, wobei ihre Abfolge nichts Albernes, gewollt Gefälliges hatte.
»Darf ich vorstellen. Meine Schwester. Das ist Peter. Von drüben.«
»Tag, Peter von drüben.«
Ich erschrak, als ich Engellena ins Gesicht sah. Sie wohl ebenso, denn noch bevor sie mich richtig angesehen hatte, hatte sie auf seine Vorstellung geantwortet und mir ihre Hand entgegengestreckt.
Ich ergriff sie. »Ja, Tag.«
Der Ruf zum Mittagessen unterbrach uns. Ich sollte neben Engellena an dem altmodischen ovalen Tisch sitzen, was mir ganz recht war, so musste ich sie nicht ansehen oder ständig an ihr vorbei. Lanz saß auf der Stirnseite. Gemüsesuppe mit Einlage, Nachtisch: Grießauflauf mit Kirschen. Was machten die anderen mit den Kernen? Ich aß fleißig, nicht zu wenig, ich fand, auch nicht zu viel. Es schmeckte. Die Kirschen waren nicht entsteint. Einige fummelte ich mir aus dem Mund und legte sie auf den Rand des tiefen Tellers, wo sie sofort wieder herunterrutschten. Niemand machte es wie ich. Also aß ich sie auch mit, schon in meinen Bauch hinabforschend, ob und wann sich dort zunehmender Druck einstellte.
Ich redete, antwortete, erklärte, dass mir der Mund trocken wurde. Der Bauch wurde mir schwer, war mir schwer, die ganze Zeit, und das lag nicht an den Kirschkernen. Dass ich das Mädchen links von mir erst im vergangenen Sommer geküsst hatte, abends auf der golden beleuchteten Insel inmitten eines, so schien es, weit entfernten Landes, dass ich hier neben ihr saß, an einem Tisch, mitten in ihrem Leben, konnte ich nicht fassen. Ich schaffte es zweimal, meinen Kopf nach links zu neigen. Einmal hielt sie ihr Gesicht streng auf ihren Teller. Das zweite Mal, ich merkte, dass sie auch schon das erste bemerkt hatte, fing sie meinen Blick auf. Ich verwandelte mich in Marmor, meine Arme wurden fest und schwer, ich konnte nicht mehr hören, was die anderen sprachen. Ich wollte mir spät am Abend gern einreden, ich hätte die Musik wieder gehört, die sie noch wenige Minuten vorher gespielt hatte, der ich gelauscht hatte. Aber das stimmte nicht. Es war still in dem Moment, ich hörte nur mein eigenes Atmen und Schlucken. Ich wandte mich ab, sobald ich dazu in der Lage war.
Lanz spielte Schach. Er machte morgens seinen ersten Zug und abends den letzten. Es war in seinem Zimmer nicht zu übersehen. Zwei Bretter waren aufgebaut. Sie waren heilig. Niemand durfte sie berühren, erklärte mir seine Mutter. Auf dem ersten Brett spielte Lanz eine Partie Fernschach mit einem Freund aus Halle. Auf dem anderen gegen sich selbst. Ein drittes, kleineres stand zur Verfügung für mögliche, aber seltene Gegner oder für Meisterpartien, die man, wie Lanz mir persönlich erläuterte, auf ihre Güte und Gültigkeit überprüfen müsse.
Ich konnte auch spielen, immerhin so gut, dass ich nicht automatisch spöttische Blicke von ihm erntete, als wir begannen. Möglicherweise war es auch aus Freundschaft, denn er war, soviel konnte ich merken, um Klassen besser. Die Regale in seinem Zimmer waren mit Schachbüchern vollgestellt, ich hätte nie geahnt, dass es so viele gibt. Viele von ihnen waren alt, andere auf Russisch, dazu kamen Stapel von alten Zeitschriften, die anscheinend auch nur das eine Thema kannten.
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