So nahm er mich, den Jüngeren, mit, setzte mich auf die Bank neben sich, sagte beim ersten Mal: »Das ist mein Peter.« Damit war der Fall erledigt.
Der Wirt, ein zurückhaltender, fröhlich-durchtriebener Gastgeber, der gerne gut einschenkte, machte sich und mir einen Spaß daraus, wie ein Oberkellner mit kariertem Handtuch über dem Arm statt der weißen Serviette nach meinem werten Befinden zu fragen und ebenso nach meinem Getränkewunsch, er habe da noch einen vorzüglichen Gelbe-Brause-Jahrgang im Keller, den er mir kältestens ans Herz lege, ob das recht sei. Es war.
Die Zusammensetzung an den Tischen wechselte, auch unser Sitzplatz. Ich kannte bald Atze und Kalle und Asmussen und de schwatte Rolf sowie Jan vun de Eck, rotwangige, vom Grand ohne Vieren erhitzte Männergesichter, deren müde Augen blitzten und eng wurden im Qualm und Gelächter der Tische.
Die meisten in Stoffhosen und Oberhemd, einige aufgekrempelt, andere schon den halbguten Pullover mit den Lederflicken am Ellenbogen.
Hereinkommen, grüßen, umgucken, abwartenden, gemessenen Schrittes an einen noch nicht voll besetzten Tisch treten, als Gruß auf das Holz klopfen und setzen. Ein Ruf Richtung Wirt, die Hand zur hastigen Kontrolle an der Brusttasche, das Rauchwerk, der erste Schnack zum Wetter, Fußball oder zum aktuell liegenden Stich. Diese Männer wärmten sich gegenseitig in dieser verrauchten Holzkammer, das gelbe Bier, der eisige Schnaps wurden zu brüderlichen Getränken. Das Kartenspielen, das geschwätzige Mischen, das stumme Abheben, Geben, Grinsen und Brummen, das Schnalzen und »O heijo«-Sagen wurde zur Bestätigung des eigenen Tuns und Seins. Hier waren alle so, alle gleich, zumindest einen Nachmittag lang.
Ja, einige blieben länger, tranken mehr, konnten keine Ruhe im Spiel finden, der Ausnahme ihres sonstigen Lebens: Beruf, Familie, und der Rasen, der muss am Wochenende ja auch noch. Aber die meisten wollten hier genau das, eine Zeitlang so sein und bei den anderen, die genauso waren und fühlten.
Ich guckte, hörte, lachte und spielte zu Hause noch die Blätter und die Kommentare des Sonnabendnachmittags nach. Ich blieb in Gedanken noch den halben Sonntag in der »Krone«.
Es endete, als ich eines Nachmittags gefragt wurde. Es war der letzte und alles entscheidende Spieltag der Fußball-Bundesliga und erst wenige waren vor der Sportschau in die Wirtschaft gekommen. Ein Tisch war besetzt mit den »Piesen«, wie mein Vater sie nannte: nörgelnde Skatturnier-Spieler, die hier nicht zum Spaß saßen wie die Mehrheit, die freilich noch fehlte. Am zweiten Tisch saß erst der alte Jacobsen, die Karten vor sich. Mein Vater und ich setzten uns. Ob ich denn nicht, Jacobsen wand sich um die entscheidende Frage, ja, ob ich denn nicht, ich sei nun doch schon so oft mitgekommen und könne doch sicher schon, ob ich denn nicht Lust hätte, jetzt mitzuspielen? Ich spielte einen Nachmittag lang, ging dann allein nach Hause und kam nie mehr wieder. Auf einmal ekelte mich die Gesellschaft an, zu der ich so lange hatte gehören wollen. Abstoßend, selbstbetrügerisch, widerlich kam mir die Runde vor, die dort Karten klopfte. Ich hatte so wie sie werden wollen an vielen Nachmittagen, aber ich war nicht wie sie.
Es war in meiner Erinnerung Anna, die mich irgendwann rausholte. Es war im Juni, ich war 14, das weiß ich genau. Was davor war, liegt wie hinter grünem Glas, wie hinter einer Reihe leerer Flaschen, durch die man versucht hindurchzusehen.
»Du musst hier raus, aus deinem Heimatmuseum. Nachher im Schwimmbad, bei den Kiefern. Keine Widerrede.«
»Okay.«
»Es wird toll: Halbnackte Mädels, ich zum Beispiel. Dumme Sprüche, Sonnencreme, Eis. Mittendrin wir. Ich besetze ein Handtuch. Genau zwischen den Reihen. Du weißt schon.«
Ich wusste. Die Jungengruppe, Jürgen, Philp, der vor einiger Zeit ein »i« in seinem Namen eingebüßt hatte und alle die anderen lagen immer links am Zaun, die Mädchen rechts an der Kiefer.
»Ich mache mir nichts aus Schwimmen.«
»Wer spricht denn vom Schwimmen? Glotzen. Kannst ja vorher die Haare nass machen. Sieht sowieso cool aus, wenn die nassen Locken auf deine Schultern fallen.« Sie lächelte Strahlen. »Das tropft dann so, da könnte ich schon umfallen.«
Ich hatte ihr nichts entgegenzusetzen, und das gefiel mir. Sehr sogar.
»Also, abgemacht, und komm, so früh du kannst.«
Wir legten unsere Handtücher genau zwischen die beiden Gruppen, die Jungen am Zaun und die Mädchen an den Kiefern. Wir gehörten nicht zu ihnen, und das nicht nur, weil wir miteinander befreundet waren. »Der beste Platz. Gucken und beguckt werden!« Anna wedelte ihre Haare nach hinten, nachdem sie ihr T-Shirt ausgezogen hatte.
»Muss das wirklich sein?«
»Na klar. Hier kommt keiner vorbei, ohne dass wir es mitkriegen. Die müssen alle hier über unser Gebiet. Glienicker Brücke.«
»Was?«
»Glienicker Brücke ist das hier. Du weißt schon, die Brücke da in Berlin, über die die Agenten ausgetauscht werden. Alle müssen hier rüber.« Sie zog ihren Rock geschäftsmäßig aus, ließ das Badehosengummi auf die Haut schnappen und legte sich auf den Bauch. »Was meinst du, warum ich hier bin?«
»Dich interessiert das alles wirklich?« Ich legte mich nach hinten, auf die Ellenbogen gestützt.
»Aber sicher, das ist wie im Theater, du wirst sehen. Nur mit weniger Klamotten.«
»Und nasseren.«
»Jetzt hast du es.«
Anna setzte sich ihre schreckliche Sonnenbrille auf und blickte wieder nach links und rechts.
»Na, guck. Der dicke Manzini zieht sich auch nicht aus. So wie du!«
»Du hast gesagt, ich muss nicht.«
»Musste auch nicht. Hast ja mich dafür.«
Anna war besonders. Sie war nicht eine, die zu einer Gruppe gehörte oder einer Sippe wie ich. Sie war ungebunden, frei. Freier als alle, die ich kannte. Sie war nur da, mit ihrer Mutter und ihrem Vater. Das Haus war ein Neubau, gemietet, der Vater arbeitete beim Bundesgrenzschutz, sie waren oft umgezogen in den letzten Jahren. Anna war einzig. Einzige Tochter. Glanz ihrer kleinen Familie. Blondes Gelächter und Ziel vieler Augen. Auch meiner, sowieso. Musste ja jemand auf sie aufpassen, oder? Und sie ließ mich, warf ihre blonden Haare prüfend nach hinten, betrachtete mich wie einen Spiegel. Durch sie war ich in der Lage zu begreifen, dass Mädchen tatsächlich echt waren, handfest und nicht nur Traumbilder.
Als ich sie zum ersten Mal im Gemeinderaum sitzen sah, oben bei den Sofas, machte ich innerlich einen Sprung. Auf den sonnigen Straßen am Nachmittag war sie mir schon aufgefallen. Ihre Mähne, ihr lautes Lachen, ihre tief ausgeschnittenen Sommerkleider. Ich lernte bald mehr als nur Äußerliches über sie: Anna war ernster, lustiger, offener und wütender als die meisten. Lachte und schimpfte viel und gern, weinte, küsste, fasste einen am Arm, umarmte viele und auch mich. Auch beim ersten Treffen.
»Hey. Draußenmann.«
»Wieso Draußenmann?«
»Du wohnst doch da draußen, oder? Wie du heißt, weiß ich nicht.«
»Dann lassen wir es dabei. Anna? Du bist Anna, oder?«
Sie lachte, bejahte und zog Sommersprossen auf ihren Wangen zu Inseln zusammen. Fragte nicht, woher ich das wissen konnte, sondern nahm es als gegeben an, dass sie eine Attraktion war. Sie war wie eine Botin aus einer anderen Welt.
»Gut, Draußenmann.« Da war sie.
Ich begegnete Engellena Schmidt das erste Mal in einer osteuropäischen Stadt. Es war Zufall, wer hätte das alles ahnen können.
Eine Klassenreise kurz vor dem Abitur brachte viel Alkohol, ein wenig Auslandsbildung und viel Staunen über den Ostblock mit sich.
Sie gehörte zu einer Klasse aus der DDR, die im selben Hotel war, wir trafen uns zufällig mehrere Tage nacheinander auf dem Flur, sie blieb einmal an ihrer, dann ich einmal länger als nötig an meiner Zimmertür stehen, und hatte geguckt, sie einmal mehr als ich, bildete ich mir ein, bevor wir in unsere Zimmer gingen.
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