Noch etwas war wichtig. Trotz aller Streitereien und gegenseitigen Maßregelungen: Alle drei liebten sich und sie liebten uns. Eigene Kinder hatten sie keine. Dann hatten sie vor einigen Jahren auch noch ihre Schwester verloren. Sie weinten mit Vater, Frerk und mir am Grab und hielten uns seither fest zu jeder Begrüßung und zu jedem Abschied, als wollten sie das Leben, auch das, welches von ihrer Schwester noch da war, retten.
Vater mochte die drei gern. Er lächelte gleichmütig und brummte, zustimmend, ein wenig spöttisch, staunend.
Wenn man eine Uhr auf einem deutschen Bahnhof betrachtet, und in der Regel tut man das, wenn man dort ist, dann wird man vieles feststellen. Meistens, aber das sei ausgelassen, dass der Zug zu spät da ist. Manchmal vielleicht aber auch, dass die Uhr immer gleich aussieht. Ein blasses, nämlich weißes Gesicht, Striche als Markierungen, keine Ziffern, anstelle derer aber längere schwarze Striche. Dazu gerade Zeiger ohne Spitze oder Kopf. Einzige Ausnahme, es geht bei der Bahn eben besonders um kleine Zeiteinheiten: der Sekundenzeiger. Eine lautlos, grenzenlos in der Runde schwebende Kelle mit Loch. Eine rote Lupe auf Wanderschaft, auf der Suche vielleicht.
Hat der rote Reiter eine weitere Runde gedreht, ohne zu zucken oder zu stolpern wie bei anderen Uhren, kommt er unausweichlich, gleichförmig, schwebend an die Zwölf, die volle Stunde, aus seiner Sicht die volle Minute. Er bleibt, wider Erwarten nach der ungebremsten Runde, auf dieser stehen, bis der Minutenzeiger – dramatisch genug – zur folgenden Position, eben eine Minute weiter, fortspringt, als müsste er den Platz aufrücken. Er springt um, zittert im Stand wie ein Turner, der vom Reck federt.
Erst dann startet der Sekundenzeiger erneut, beginnt seine nächste Gleitrunde um den gleichen blassen Parcours.
Der Sekundenzeiger wartet höflich auf den Sprung des großen Bruders und setzt seine eigene hastige Runde aus. Die Zeit steht still in diesem Moment. Und das auf der Uhr, die als absolut zuverlässigste gilt, die nicht nur mit ihrer Anzeige die Nerven der Reisenden beruhigt oder zum Flattern bringt, die aus Gehenden Rennende macht, aus Reisenden Rasende. An ihr scheint der gesamte Betrieb zu hängen. Der Puls des Eisens. Der Vollzug des Plans, des Fahrplans, das Pfeifen, das satte, gummigebremste Einrasten der Türen, das Winken des Zugchefs, die langsame, schneller werdende Bewegung des Zuges.
Wissen die Dinge, dass ihr Antrieb, die Bahnhofsuhr, genau genommen falsch geht? Der Sekundenzeiger wartet, bis der Minutenzeiger umspringt, und zwar länger als eine Sekunde. Was wie ein höflich gewährter Vortritt des Älteren, Bedeutenderen aussieht, ist in Wahrheit länger, als es sich für eine Sekunde gehört. Es dauert exakt eineinhalb Sekunden, die – natürlich, denn die Minuten müssen ja zumindest stimmen, im nächsten Rund wieder eingeholt werden müssen, die Sekundenzeigerrunde dauert also bis zum anderthalb sekündigen Stillstand präzise 58 einhalb Sekunden.
Kann das große Ganze nur funktionieren, wenn es im Kleinen nicht stimmt? Ist die kleine Mogelei, die übersehene Ungenauigkeit, die in Kauf genommene Unschärfe am Ende sogar die Voraussetzung für das große Gelingen, die funktionierende Wirklichkeit, die allgemeine, von allen anzuerkennende Wahrheit?
Dreht sich die Welt nur ruhig und gleich, wenn man darüber hinwegsieht, zu welchem Preis?
Und noch etwas taten meine Tanten, wenn auch nicht bei uns zu Hause: sie spielten Karten, mit heiligem Ernst. Sie spielten Zwicker, ein altes Kartenspiel, also sie zwickerten, wie es hieß. Ein Spiel, das quasi wie die Fahne oder das Apfelhäuschen zur Familiendekoration gehörte. Zwickern war weder besonders aufregend noch besonders schwer, wir spielten es oft, als wir klein waren, auch mit unseren Tanten.
Sie trafen sich einmal in der Woche. Seit sie denken konnten. Und würden es wahrscheinlich tun, bis alle tot waren. Turnen, Arzttermine, Friseur, alles gut und schön, aber nicht montags nachmittags.
Lotti, Trudi, Leni und, seit meine Mutter nicht mehr lebte, Käthe Bernd Hans, eine gleichaltrige Freundin der Familie, ehemaliges Nachbarskind. Käthe war ein häufiger Name, das machte die zusätzliche Kennzeichnung »Bernd Hans« notwendig. Bernd Hans war Käthes Mann gewesen. War aber schon tot. Falls Käthe aus einem unerfindlichen Grund nicht konnte, wurde auch noch deren Schwester Lucie gestattet mitzuzwickern, dann folgerichtig familienintern Lucie Bernd Hans genannt.
Sie sprachen vom Club, wenn sie sich trafen. Kein Hauch Ironie war darin enthalten, nur der Ausdruck ihrer einst getroffenen und wöchentlich einzulösenden Verpflichtung: Komme die Hölle oder Hochwasser über uns – montags wird gezwickert. Club. Dieser fand umschichtig statt. Jeder war also einmal im Monat dran. Und zeigte, was so ging. Lotti holte ihre Sammeltassen aus dem Schrank. Mit Goldrand und Füßchen, eine schon einmal geklebt, einer ihrer beiden Neffen war schuld. Jede ein Kunstwerk, bemalt mit Jagd- oder Schäferszenen, umrankt, verschnörkelt und unermesslich wertvoll, mir kam es so vor, zumindest aber unersetzlich.
Trudi bot anderes auf: Silber: Kaffeekanne, Zucker und Rahm auf eigenem Tablett, Spitzendeckchen darunter. Einfüßige Silberschale mit gemischtem Kleingebäck, vom Bäcker, nicht vom Kaufmann, versteht sich.
Und Torten. Mehrere. Die anderen kauften vom besten Konditor der Stadt, Leni buk selbst, füllte, spritzte, verzierte. Über die Jahre nahm der Anteil von Diabetikerkuchen zu, aber nicht allzu sehr.
Erst der Kaffee, dann die Karten. Klatsch die ganze Zeit.
Karl, der Mann meiner Tante Lotti, Frührentner seines Rückens wegen, fuhr die Damen zusammen, je nach Austragungsort, verkrümelte sich dann aber mit einer seiner stinkenden Zigarren zum Spazierengehen oder in den Garten in die Hollywoodschaukel, irgendwohin, wo er nicht gesehen werden konnte. Lotti pflegte, ich habe es selbst mehrfach gehört, wenn sie fertig waren, und Karl sich für den Rücktransport bereit machen sollte, mit ihrem Ring gegen die große Wohnzimmerscheibe zu klopfen. Und schon erschien er.
Mein Vater zwickerte nicht. Natürlich konnte er es, genauso wie Frerk und ich. Unsere Tanten zwickerten mit uns, als wir klein waren, oft und viel, »da könnt ihr gleich noch ein bisschen Rechnen üben«.
Mein Vater spielte Skat, jeden Sonnabendnachmittag. Ich war, als ich kleiner war, oft dabei. Ich liebte diese vor Lachen dröhnende und Trümpfe knallende Welt, Bierdunst, dunkel gequalmtes Holz an der Wand, einige Männer hatten ihre Mützen auf. Man spielte zu viert, ein Geber. Ich durfte gucken und gelbe Brause oder Cola haben. Mein Vater spielte an einem der fünf Tische mit denen, die nicht allein der Ehrgeiz trieb, hier als Sieger das Lokal, die »Krone«, zu verlassen. Auch saß er nicht bei denen, die um Geld spielten. Er gab, reizte, drückte, spielte aus, warf ab allein für die nächste Runde Bier und Korn.
Ich staunte über die Männer und den Umgang, das schweigsame Nicken, das halb gegrunzte Reizen, hinter Zigarren und Zigaretten hervor. Sie klopften, wenn Contra gegeben wurde, nicht höflich mit dem Fingerknöchel auf den Tisch, wie ein Etagenkellner an der Zimmertür. Sondern sie knallten die flache Hand auf den Tisch der Gastwirtschaft, dass die Gläser einen Sprung machten.
Ich blieb, solange ich durfte, manchmal holte mich Frerk nach dem Fußball ab, manchmal ging mein Vater mit nach Hause, vergnügt, singend, mich an sich ziehend, mal wegen der guten, mal wegen der schlechten Blätter lachend, die er heute gehabt hatte. Auch wegen der Getränke.
Nachdem meine Mutter gestorben war, ging mein Vater ein paar Wochen nicht. Aus Pietät, aus ehrlicher Trauer, weil er nicht wusste, ob er überhaupt jetzt noch gehen dürfe, jetzt, als auf einmal allein verantwortlicher Vater. Seine drei Schwägerinnen mochte er nicht fragen, während dieser Zeit auf uns aufzupassen. Für einen wichtigen Zahnarzttermin, sicher, für die Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr, keine Frage, aber fürs Kartenspielen?
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