Über alles ging ihm der Wunsch, den Ruhm geografischer Entdeckungen seinen Landsleuten allein zu wahren; aber zu seinem großen Missfallen hatten diese im Laufe der früheren Jahrhunderte in Hinsicht auf Entdeckungen wenig geleistet.
Die Entdeckung Amerikas verdankte man dem Genuesen Christoph Columbus, Indiens dem Portugiesen Vasco de Gama, Chinas dem Portugiesen Fernand d’Andrada, der Feuerlande dem Portugiesen Magelhaen, Kanadas dem Franzosen Jacques Cartier; die Sunda-Inseln, Labrador, Brasilien, das Kap der Guten Hoffnung, die Azoren, Madeira, New-Foundland, Guinea, Kongo, Mexiko, Kap Blanco, Grönland, Island, die Südsee, Kalifornien, Japan, Kambodscha, Peru, Kamtschatka, die Philippinen, Spitzbergen, das Kap Horn, die Behrings-Straße, Tasmanien, Neu-Seeland, Neu-Britannien, Neu-Holland, Louisiana, die Insel Jan-Mayen – wurden von Isländern, Skandinaviern, Russen, Portugiesen, Dänen, Spaniern, Genuesen, Holländern aufgefunden; aber kein einziger Engländer befand sich unter ihnen; für Hatteras zum Verzweifeln, dass seine Landsleute nicht dieser glorreichen Schar von Seefahrern angehörten, welchen man die großen Entdeckungen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts verdankte.
Die neueren Zeiten konnten Hatteras ein wenig trösten; die Engländer fanden doch eine Entschädigung an ihrem Sturt, Daniel Stuart, Burke, Wills, King, Gray in Australien; an Palliser in Amerika, an Cyrill Graham, Wadington, Cummingham in Indien, an Burton, Speeke, Grant, Livingstone in Afrika.
Aber dies reichte nicht hin; nach Hatteras Ansicht waren die Leistungen dieser kühnen Reisenden vielmehr Vervollständigungen als Entdeckungen; er strebte nach Besserem.
Er hatte bemerkt, dass, obwohl die Engländer nicht unter den älteren Entdeckern die Mehrzahl bildeten, und dass man bis auf Cook zurückgehen musste, um Neu-Caledonien (1774) und die Sandwich-Inseln (1778) zu bekommen, es doch eine entlegene Gegend des Erdballs gab, wo sie durch vereinte Bemühungen etwas geleistet hatten, nämlich die Eismeere und Nord-Länder Amerikas.
Die Entdeckungen der Polarlande übersieht man an dieser Zusammenstellung:
Nowaja-Semlia, entdeckt von Willoughby (1553)
Die Insel Waigatz, entdeckt von Barrough (1556)
Die Westküste Grönlands, entdeckt von Davis (1585)
Die Davis-Straße, entdeckt von Davis (1587)
Spitzbergen, entdeckt von Willoughby (1596)
Die Hudson-Bai, entdeckt von Hudson (1610)
Die Baffin-Bai, entdeckt von Baffin (1616)
Während der letzteren Jahre sind Hearne, Mackenzie, John Ross, Parry, Franklin, Richardson, Beechey, James Ross, Back, Dease, Sompson, Rae, Inglefield, Belcher, Austin, Kellet, Moore, Mac Clure, Kennedy, Mac Clintock unablässig mit der Durchforschung dieser unbekannten Gegenden beschäftigt gewesen.
Man hatte die Nordküsten Amerikas genau abgesteckt, die nordwestliche Durchfahrt fast entdeckt, aber das genügte nicht; mehr und Besseres zu leisten hatte John Hatteras bereits zweimal mit auf eigene Kosten ausgerüsteten Schiffen versucht; er wollte zum Pol selbst vordringen, und so der Reihe der englischen Entdeckungen durch die glänzendste Unternehmung die Krone aufsetzen.
Nach dem Pol zu dringen, war für ihn Lebenszweck.
Nachdem Hatteras sehr schöne Reisen in die Südmeere gemacht, versuchte er zum ersten Mal im Jahre 1846 durch das Baffins-Meer weiter nördlich zu gelangen, aber er kam mit der Korvette Halifax nicht über den vierundsiebzigsten Breitengrad hinaus; seine Mannschaft hatte schrecklich zu leiden, und John Hatteras trieb seine abenteuerliche Verwegenheit soweit, dass seitdem die Seeleute wenig Lust hatten, nochmals solche Unternehmungen unter einem solchen Führer vorzunehmen.
Doch gelang es ihm im Jahre 1850 auf der Goelette 1Farewell zwanzig entschlossene Männer durch hohe Löhnung zu gewinnen. Bei dieser Gelegenheit hatte der Doktor Clawbonny bei Hatteras, den er nicht kannte, nachgesucht, die Reise mitzumachen; aber die Stelle des Arztes war bereits besetzt, zum Glück für Clawbonny.
Der Farewell schlug den Weg ein, welchen im Jahre 1817 der Neptun aus Aberdeen genommen hatte, und gelangte nördlich von Spitzbergen bis zum sechsundsiebzigsten Breitengrad. Dort musste er überwintern; aber die Leiden waren so arg und die Kälte so grimmig, dass nicht ein einziger von der Mannschaft nach England zurückkam, nur Hatteras ausgenommen, der nach einem Weg von mehr als zweihundert Meilen über die Eisfelder, von einem dänischen Walfischfahrer heimgebracht wurde.
Die Rückkehr dieses einzigen Mannes machte ungeheures Aufsehen. Wer sollte es von nun an wagen, sich an Hatteras bei seinen tollkühnen Unternehmungen anzuschließen? Doch gab er die Hoffnung dafür nicht auf. Sein Vater, der Brauer, starb und hinterließ ihm ein ungeheures Vermögen.
Inzwischen begab sich ein geografisches Ereignis, das John Hatteras aufs peinlichste traf.
Der Kaufmann Grinnel hatte eine Brigg, l’Advance, mit siebzehn Mann unter dem Befehl des Dr. Kane ausgerüstet und zur Aufsuchung des Sir John Franklin abgeschickt, und diese drang im Jahre 1853 durch das Baffins-Meer und den Smith-Sund bis zum zweiundachtzigsten Grad nördlicher Breite näher zum Pol als irgendeiner seiner Vorgänger.
Das Schiff war aber ein amerikanisches, Grinnel und Kane Amerikaner!
Natürlich ging im Herzen des Hatteras die Verachtung des Engländers gegen den Yankee in Hass über; er fasste den Entschluss, um jeden Preis seinen kühnen Nebenbuhler zu übertreffen, bis an den Pol selbst zu dringen.
Er lebte seit zwei Jahren zu Liverpool inkognito, indem er für einen Matrosen galt! Er erkannte in Richard Shandon den Mann, welchen er bedurfte, und machte ihm, sowie dem Doktor Clawbonny in anonymen Briefen Anträge. Der Forward wurde erbaut, ausgerüstet, bemannt. Hatteras hütete sich wohl, seinen Namen bekannt zu geben, sonst hätte er keinen einzigen Begleiter gefunden. Daher entschloss er sich, das Kommando der Brigg nur unter gebieterischen Umständen und wenn seine Mannschaft soweit sich eingelassen, um nicht mehr zurückzukommen, selbst zu übernehmen. Er hatte, wie gesehen, den Rückhalt, seinen Leuten solche Geldanbietungen zu machen, dass nicht ein einziger sich weigern würde, ihn bis ans Ende der Welt zu begleiten.
Und das Ziel, wohin er strebte, war ja auch das Ende der Welt.
Nun waren kritische Umstände eingetreten, und Hatteras gab sich unverzüglich zu erkennen.
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