Dazu passt, dass Luther mit der Bibelübersetzung im Idealen aufgebaut, was er mit der Reichszerstörung im Realen eingerissen hat. Denn nach dem Ende der Religionskriege gab es zwar kein funktionsfähiges politisches Deutschland mehr, aber eine Sprachnation als Grundstein für ein neues deutsches Haus, sozusagen ein »inneres Reich« aus idealistischer Philosophie und der späteren Weimarer Klassik. Luther hat aus der sächsischen Kanzleisprache und dem Idiom seiner Nachbarn eine neue kraftvolle und ausdrucksstarke Hochsprache geformt, die noch gesprochen werden wird, wenn die evangelischen Landeskirchen längst Geschichte sein werden.
1517 hatte Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg geschlagen, 1521 waren päpstlicher Bann und Wormser Edikt, also die Reichsacht, gegen ihn und seine Schriften verhängt worden, 1526 hatte der Kaiser, der Krieg gegen Frankreich führte und dem der Bauernkrieg noch in den Knochen steckte, auf dem Speyerer Reichstag die Religion den Fürsten überlassen. Als er das 1529 beim zweiten Speyerer Reichstag rückgängig machen wollte, kam es zur Protestation der nun schon evangelischen Reichsstände. 1530 wird die neue Kirche ohne Papst, Hierarchie und die objektive Verwandlung von Wein und Brot, dafür mit Laienkelch, Priesterehe und der Messe in der Volkssprache reichsrechtlich als Augsburger Konfession anerkannt. Noch einmal versucht der Kaiser danach, das Rad zurückzudrehen. Doch der Sieg bei Mühlberg 1547 über den protestantischen Schmalkaldischen Bund kommt zu spät. Das erste Mal verbündet sich mit dem Kurfürsten Moritz von Sachsen ein Reichsfürst mit dem französischen König gegen das Reich, ein trüber Ausblick auf die Zeit nach 1648.
1555 kommt es schließlich in Augsburg zum Religions- und Landfrieden, der bis 1618 halten wird und Deutschland konfessionell teilt. Nicht die Untertanen, der Landesherr bestimmt über die Religion, cuius regio eius religio sollte man das nennen, auch wenn der Satz nirgendwo geschrieben steht. Wer damit nicht leben will, hat das Recht zur Auswanderung. Nicht der Kaiser ist länger der Schutzschild der Kirche, sondern die Reichsstände sind die Garanten einer eingeschränkten Glaubensfreiheit. Doch diese Freiheit ist teuer erkauft mit der Verstaatlichung der Kirche und ihres Gutes durch evangelische wie katholische Fürsten. Staatskirchentum wird das später heißen. An die Stelle des wohlgeordneten Kosmos der mittelalterlichen Weltordnung mit dem kunstvollen Stufenbau weltlicher und geistlicher Sphären ist das Chaos rein säkularer Machtinteressen getreten. Das mittelalterliche Kaisertum ist zu Ende, und Karl V. verdämmert seine letzten Jahre in einem spanischen Kloster.
Wenn das Reich dennoch einen verhältnismäßig langen Zeitraum einen unsicheren Frieden genießt, dann verdankt es das der Schwäche seiner Nachbarn, besonders Frankreichs, das durch die Kämpfe zwischen den Hugenotten und der katholischen Liga gefesselt ist. Mit den Hugenotten tritt der linke, kämpferische Flügel des Protestantismus, der Calvinismus, in die europäische Geschichte. Von ihm geht auch neue Unordnung in Deutschland aus, da er in Augsburg nicht berücksichtigt wurde. Häufige Religionswechsel mit gewaltsamen Auseinandersetzungen auch zwischen Lutheranern und Calvinisten sind die Folge. Schließlich sammeln sich die Calvinisten in der protestantischen Union, der die Katholiken wie in Frankreich eine Liga entgegenstellen.
Der Dreißigjährige Krieg beginnt in Böhmen, im Herzland der Habsburger, das die Calvinisten und ihr Führer, der Pfalzgraf, nach dem Tod des kinderlosen Kaisers Matthias dem alten Glauben entreißen und damit die katholische Mehrheit im Kurfürstenkollegium brechen wollen. Es sind eigentlich mehrere Kriege, immer wieder unterbrochen von Perioden relativer Ruhe. Zu Beginn geht es um Böhmen, später um Deutschland, am Ende um Europa. Den von den protestantischen böhmischen Ständen erwählten Pfalzgrafen besiegt ein kaiserliches Heer in der Schlacht am Weißen Berge. Um die Überwältigung des Protestantismus zu verhindern, tritt Dänemark an die Spitze der deutschen calvinistischen Protestanten. Als seine Kraft zu erlahmen droht, rettet Schweden die sogenannte protestantische Sache auch gegen den Willen der protestantischen Brandenburger und Sachsen, und als auch dessen Kraft nachlässt, greift das wieder erstarkte Frankreich unter Richelieu an der Seite Schwedens in den Krieg ein, während auf der Seite Habsburgs die Spanier durch Deutschland ziehen.
Je länger der Krieg dauert, desto europäischer wird er und desto weniger geht es um Religion und Glaubensfreiheit. Mochte das für Gustav Adolf, den frommen Lutheraner, noch der Hauptantrieb sein, so zählt für Kardinal Richelieu nach dem Tode des Königs bei Lützen allein die französische Staatsraison, und die ist antihabsburgisch und deshalb an der evangelischen Freiheit nur insoweit interessiert, wie diese den Interessen der katholischen französischen Monarchie nützt. Der Krieg, der am Ende in eine allgemeine Schlächterei ausartet, der in Deutschland ein Drittel der Bevölkerung, in manchen Gebieten wie der Mark Brandenburg sogar mehr als die Hälfte zum Opfer fällt, hat nichts Heroisches, kennt keine großen Taten, nur Mordbrennerei, Raub und Plünderungen wie die Zerstörung Magdeburgs. Die Schweden allein sollen fast zweitausend Schlösser, achtzehnhundert Dörfer und über fünfzehnhundert Städte zerstört haben. Böhmen verlor fünf Sechstel seiner Dörfer und drei Viertel seiner Bevölkerung. Die Bevölkerung von Colmar sank auf die Hälfte, die von Wolfenbüttel auf ein Achtel, die von Magdeburg auf ein Zehntel, die von Hagenau auf ein Fünftel und die von Olmütz auf weniger als ein Fünfzehntel. Auch wenn manche Historiker die Exaktheit dieser Zahlen bezweifeln, der Aderlass war gewaltig. Die Bevölkerung Marburgs, das zwölf Mal besetzt war, schrumpfte auf die Hälfte zusammen, die städtischen Schulden vergrößerten sich auf das Siebenfache; zweihundert Jahre später zahlten die Bürger noch immer Zinsen für die während des Krieges aufgelegten Anleihen. Bis zu zweihundert Schiffe waren vor 1621 jährlich aus den Häfen Ostfrieslands über den Sund gesegelt; im letzten Jahrzehnt des Krieges war der Jahresdurchschnitt zehn.
Zwar bringt auch dieser Krieg einige große Gestalten hervor, so den von den Protestanten als Licht des Nordens verehrten Schwedenkönig oder den düster-melancholischen Glücksritter Wallenstein, dessen Palais in Prag noch heute von seinem erlesenen Geschmack zeugt und dessen undurchsichtiges, von Sterndeutern beeinflusstes Verhalten vor und nach seinem Tod Anlass bot für allerlei Spekulationen über einen dritten Weg zwischen Habsburg und französischem Geld, über ein deutsches Nationalkönigtum mit ihm als dem ersten einer neuen Dynastie. Doch für die leidenden Menschen ist der Krieg so grausam und sinnlos wie ihn Grimmelshausen in seinem Simplicissimus geschildert hat oder später mit neuen, aber ganz ähnlichen Erfahrungen Bertolt Brecht in seiner Mutter Courage . Zu guter letzt wird Frieden geschlossen, weil die Erschöpfung allgemein ist, weil nichts mehr da ist zu plündern, weil nicht bestellte Felder und verlassene Dörfer die Soldaten nicht ernähren können.
Am Ende dieses gnadenlosen Ringens steht ein Friede, der die Verfassung des Reiches zu einer von Frankreich und Schweden garantierten europäischen Angelegenheit macht. Im Inneren erhalten die Fürsten die volle Landeshoheit und können Bündnisse untereinander und mit ausländischen Mächten schließen. Die Reichsinstitutionen werden paritätisch von Katholiken und Protestanten besetzt, die getrennt über die Reichsangelegenheiten beraten und folglich nicht mehr majorisiert werden können. Das Reich – so hat es der schwedische Kanzler Oxenstierna, einer der Architekten der neuen Ordnung, ausgedrückt – ist künftig eine Anarchie, die durch die Hand des Herren erhalten wird. Es ist der weiche Kern des europäischen Staatensystems, dessen Glieder wie die Gewichte auf der Waage das Gleichgewicht zwischen den Flügelmächten England, Frankreich, Schweden, Russland und dem Osmanischen Reich ausbalancieren.
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