„Es ist“, flüstert Adam schließlich, „es ist etwas passiert.“
Jens nickt.
„Es ist etwas Merkwürdiges passiert.“
Kopfnicken des „jungen Barons“. Apfelknirschen.
Adam, einen Schritt näher und noch leiser:
„Der Herr Baron ist im Land.“
Jens dreht sich langsam um. Fährt mit seinem Finger durch den Scheitel, dreht zurück.
„Natürlich ist er im Land“, sagt er, und seine Stimme schlägt nach oben um. „In Magersdorf, Hellwigsche Heilanstalten.“
Adam, kopfschüttelnd, dicht hinter Jens: „Nein, ein Telegramm ist gekommen. Er ist fort. Er ist unterwegs.“
Er deutet auf die Tür, als ob der Baron dahinter wartet. Stief Dahl springt (unverkennbar ist er in dieser Bewegung der Sohn seines Vaters) mit einem Ruck auf: „Der Toast verbrennt“, sagt er und sieht den Diener vorwurfsvoll an.
Adam fährt zurück, zieht die verkohlten Brote aus dem Röster. „Da liegt das Telegramm“, fiept er beleidigt, „Herr Baron können ja lesen.“
Stief schüttelt den Kopf. Er liest keine fremden Briefe. Das überläßt er der Mutter und der Großmutter. Aber Adam sagt es ihm auch schon mit vorgehaltener Hand ins Ohr: „Baron Dahl unbekannt wohin abgereist. Erbitte Nachricht und Hinhalten, falls dort auftaucht.“
Jens P. wird weiß wie sein Kragen. Er starrt krampfhaft geradeaus. „Was für Mäntel trug mein Vater?“ flüstert er, und als der erstaunte Adam nicht antwortet: „Waren das vielleicht so ganz, ganz lange, so merkwürdig lange?“
Der Diener kann keine Auskunft geben. Der Baron trug natürlich verschiedene Mäntel. Er ärgert sich auch, daß Jens nichts anderes fragt. Er würde gern von den Tränen der gnädigen Frau sprechen, und daß sie nach Hirschberg will, um den Mann zu suchen. Er klingelt und übergibt dem eintretenden Stubenmädchen ein fertig gerichtetes Frühstückstablett. Es ist höchste Zeit. Die Baronin pflegt um acht Uhr aufzuwachen und, wenn sie nicht sofort Frühstück bekommt, vor Hunger zu weinen.
Jens aber läuft hinaus, bindet die Bücher an sein Rad und fährt los. Aber nicht nach Hirschberg zu, sondern nach Jedelbach. Er ist nach fünzehn Minuten am Dorf, nach zwanzig Minuten an der Pappelallee, biegt kurz vor dem Schloß in einen Fußpfad ein, läßt das Rad in einem Brombeergestrüpp, rennt den kleinen Hohlweg hinauf, außen an der Mauer entlang bis zu der Linde gegenüber dem Schloß, ist mit drei Schwüngen im Geäst, im Wipfel und pfeift den Regenvogelpfiff. Er bindet seine Jacke mit umgekrempelten weißen Ärmeln an die Spitze eines großen Astes und fährt damit eifrig hin und her. „Es eilt!“ signalisiert er. „Wichtig! Höchst wichtig!“
Alice Dahl erscheint am Fenster, noch im Pyjama. Sie winkt und hängt ein Handtuch heraus. Das heißt: „Ich habe verstanden und komme.“
Fünf Minuten später läuft sie quer über den Hof, in einem weiten weißen Kleid. Die Haare hat sie noch nicht gebändigt. Die Locken stehen wirbelig und aufrecht. Jens P. bekommt mit dem Begrüßungskuß etwas Zahnpasta ab.
„Stief“, lacht Alice, „mein lieber guter Stief!“ Dann muß sie schnell ein wenig weinen. Sie macht das leise und, nach Stiefs Aussage, sanft wie eine Handbrause. „Es ist zuviel“, sagt sie inzwischen ein paarmal. „Italien und nachher Jedelbach. Wolf — ach, du kennst ihn ja nicht, und nachher Großvater und ...“
Natürlich — der langmantelige Nachtpfeifer ist der Vater gewesen. Alice erinnert sich. Kennt auch Fotografien aus der letzten Zeit vor dem Krieg. Sie sehen sich scheu und erschrocken an. Ihre Wünsche haben sich erfüllt. Dahl ist frei. Nun liegt auf ihnen die Verantwortung für ihn. Denn den Großen ist nicht zu trauen.
Alice und Stief sitzen lange oben in den Ästen und beraten. Die Sonne bekommt Kraft. Über den Wirtschaftshof stolpern Menschen, poltern Wagen. Die Kartoffelernte hat begonnen. Sie sehen den alten Jens Dahl wegreiten. Ein Diener kommt aus dem Schloß, der Hausmeister Mohr. Tante Jellas Stimme schrillt und erlischt. Sie suchen Alice. Ihr Frühstück ist nicht gegessen worden. Keiner sieht, wie die Linde ab und zu zittert, wie ein weißes Kleid durchs Laub scheint.
Um halb elf endlich kommt Alice herunter. Fünf Minuten später Stief. Er rennt den Weg zurück, unten am Schluchtweg hört er Pferdetrappeln, er kann sich gerade noch in den Graben rollen lassen. Der alte Jens Dahl kommt zurück mit Inspektor v. Viersen. „Sie können sich auf mich verlassen“, brüllt Viersen, der aus Prinzip alle alten Leute für stocktaub nimmt, „es geht ohne Polizei.“
Jens Peter kriecht hochrot vor Wut aus dem Graben, rennt, was die Beine hergeben, zum Brombeergebüsch, springt aufs Rad und saust ab. Er will nach Hirschberg, obwohl er die Schule geschwänzt hat und sicher einem Lehrer in die Arme laufen wird. Aber dort, so hat er mit Alice herausberaten, kann er den Vater am ehesten finden.
Die Sonne scheint auf Kagens Bahnwärterhaus. Dort, wo sie am meisten hinbrennt, am Südhang des Bahndammes, riecht es nach heißem Kies, nach Gras, Tomatenkraut und nasser Wolle. Denn der Mantel Alfred Dahls hängt da, der grüne Hut, die braune Joppe und die breiten melangefarbenen Hosen. Um zehn Uhr kommt Kagen, nimmt Joppe und Hose, die getrocknet sind, und verschwindet im Haus. Kurz vor halb elf erscheint Alfred Dahl im Freien, er ist ausgeschlafen, aber unrasiert, der Anzug ungebügelt, das Hemd nicht frisch. Er hat eine lange Unterredung mit Richard Kagen, das heißt, er redet, und Kagen nickt dazu, wenn es ihm zu stimmen scheint, oder sieht starr vor sich hin, wenn er anderer Meinung ist. Er mag weder den Kopf schütteln noch dagegen reden. Er hat während dieser ganzen schweren Jahre festgestellt, daß Herren und Nichtherren wohl dieselben Menschen sind — das sagt er seiner Frau, so oft er sie sieht —, aber eine verschiedene Sprache sprechen.
Ob Dahl sich verteidigen möchte oder nur reden will, bleibt unklar. Er spricht jedenfalls deutlich von seiner Schuld Henriette Kagen gegenüber: Wie er glaubte, durch die Heirat alles in Ordnung zu bringen, und nun alles in Unordnung gebracht hat. Er berichtet sachlich, wie erst seine Mutter, die doch ein bißchen auf seiner Seite stand, dann seine Frau über der „Affäre“ wegstarb, wie der alte Jens schon damals ein Gutachten Hellwigs in der Tasche hatte, daß Alfred Dahl ausgesprochen manisch wäre. Er verschweigt nicht sein Entsetzen über das imitierte Jedelbach, das sich Henriette in Rödeln eingerichtet hat, mit dem diebischen alten Adam als Diener und ihrer Mutter als Hofmeisterin (dafür, zum Teufel, soviel Aufregung und Opfer, soviel Kampf), und es bleibt sogar noch ein Bedauern übrig für das große Unglück mit Wolfgang, das nur mit Mord und Totschlag enden konnte. Denn wenn er, Dahl, auch viel Unrecht und Ehebruch getrieben hatte und gewissermaßen im Glashaus saß, so glaubte er damals doch, ihm sei etwas ganz Unerhörtes zugefügt und es bliebe eine gewaltige Rechnung mit Henriette und Wolfgang Dahl auszugleichen, die nur mit Blut bezahlt werden konnte. Daß er dann auch bezahlen mußte, daß man ihn internierte, hielt er zunächst für ein schreiendes Unrecht, jetzt freilich weiß er das besser.
Hier hält er endlich ein. Aber vielleicht auch nur, weil der Zug von Jedelbach durchfährt und Kagen mit Mütze und Fahnenstock an der Barriere stehen muß und nun doch ein Bahnwärter ist, mit dem man so vertrauliche Gespräche nicht führt. So sagt er auch nichts weiter von seinen Plänen und daß er nun sein Leben ganz zu Ende verantworten will, sondern bittet den Alten nur, ihm ein, zwei Tage Quartier zu geben und seine Anwesenheit niemandem zu verraten. Danach fährt er auf Kagens Rad ab.
Zwanzig Minuten später kommt Jens P. schwitzend den Waldweg von der Chaussee heraufgefahren, sieht einen langen Mantel und einen grünen Hut an den Tomaten hängen, liest die Buchstaben A. D. mit der Krone in den Mantel eingenäht, rennt zu seinem Großvater hinüber, findet ihn im Dienstzimmer eingeschlafen und schreit ihn an, wo der Vater ist. Kagen gesteht schlaftrunken, er sei nach Hirschberg unterwegs, und braucht sich mit dem Verheimlichen auch sonst keine Mühe zu geben, denn Jens P. ist bereits weitergesaust.
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