„Oho!“ Frau Agnes setzte sich in Positur. „Sagen Sie das nicht! Grässlich, wenn die Frau auf ihre Geldsäcke pocht! Eine reiche Frau hat stets im Hause die Hosen an! Die kommandiert und schikaniert und lässt bei jeder Gelegenheit den Mann merken, dass sie die Musikanten hat! Eine arme Frau ist viel bequemer! Die muss sich ducken, sich fügen, fein demütig gehorchen und dem Mann alle zehn Finger küssen, dass er sie durchfuttert! Solch eine arbeitsame, stille, gefügige Frau ist ein Glück — während ein Geldprotz immer ein Unglück ist!“ —
Der Amtsrichter sah plötzlich ganz nachdenklich aus. „In dieser Beleuchtung, allerdings — —! Hm ... Die Sache hat etwas für sich — — Sie haben vielleicht recht, Frau Hauser ...“
„Prosit! Darauf trinken Sie mal aus! Magret, schenken Sie dem Herrn Hettstädt ein!“
Das junge Mädchen war viel zu ahnungslos und harmlos, um sich bei diesem Gespräch das mindeste zu denken.
In ihrer frohen Stimmung sah sie die Welt durch rosafarbene Schleier an und dachte nicht darüber nach, ob dieselben das Auge täuschten. Sie wusste, dass kein ernsthafter Freier auf meilenweit für sie in Sicht war, darum lachte sie arglos über den Traum der Alten und über die Heiratsgedanken, mit denen man sie neckte.
Und weil sie gern in den heiteren Ton einstimmte und wieder necken wollte, so dachte sie daran, dass der Amtsrichter mit Doktors Lina verlobt gesagt wurde, hob ihr Glas und lachte ihm schalkhaft zu: „Gehen Sie nur mit gutem Beispiel voran, was das Heiraten anbetrifft, an mir wird’s dann auch schon nicht fehlen!“
Er nickte ihr mit wahrhaftem Gönnerblick zu. „Wer weiss, — wer weiss! Manch Mädel hat schon durch Kochkünste sein Glück gemacht!“ —
Und dann rückte er wiederum die Brille gravitätisch auf der Nase zurecht und begann zu erzählen, was für enorme Schwierigkeiten er mal wieder in der letzten Zeit in seiner einflussreichen Stellung überwunden habe, wie seine Vorgesetzten ihn gar nicht genug loben und rühmen könnten, wie man ihm eine ganz enorme Karriere voraussage!
Der Weihrauch, den er mit immer volleren Händen auf den Altar seiner eigenen Herrlichkeit streute, qualmte wie ein Fabrikschornstein, und die hagere, engbrüstige Gestalt des Herrn Amtsrichters schimmerte immer sagenhafter und göttergleicher aus den dichten Wolken, und Frau Agnes faltete die Hände über dem dicken Magen und starrte bewundernd auf den Mann der Zukunft, vor dem selbst alle Exzellenzen und Reichskanzler zusammenschrumpften wie Schatten vor der Sonne. Welch ein Mensch! —
Auch der Professor versagte ihm nicht die schuldige Hochachtung, nur Margret sass und blickte an dem salbadernden, hochbedeutenden Mann vorbei durch das Fenster, vor dem die volle, sonnengoldene Pracht des Frühlings flutete, und es zog wie eine stille, heisse Sehnsucht durch ihr Herz, nach Maienglück und junger Liebe ...
„Ja, ein geistig hochbedeutender Mann gebraucht eine Frau, die als demütiger, wesenloser. Schatten neben ihm herschreitet, — eine Verkörperung strengsten Pflichtgefühls, ein Wesen, das nur dient, nur gibt — und opfert — ohne für sich das mindeste zu verlangen, — eine Magd und Dienerin, eine Krankenpflegerin und bescheidene Dulderin, ein Weib — das nur sein Glück in der Sorge für den teuren Gatten findet!“ — Herr Hettstädt sagte es mit viel Pathos und Anmassung, und Frau Agnes nickte eifrig Beifall, — Margret aber hörte kaum, was er sprach, — sie sehnte sich hinaus in das Duften und Blühen goldener Lenzespracht, die so wundersame, wonnige Märchen von süsser Liebe und idealen Träumen in das Ohr junger Mädchen haucht ...
Sie seufzt leise auf. —
Der Amtsrichter kam wieder, — und kam immer öfter, aufs dringlichste und schmeichelhafteste von Frau Agnes geladen!
Anfänglich war Margret noch völlig unbefangen, ja sie freute sich sogar auf die Besuche, weil sie alsdann jedesmal in der Küche helfen, etliche Speisen sogar selbständig kochen durfte.
Die kleinen Anspielungen und Scherze der Frau Hauser verstand sie nicht, — ebensowenig legte sie den mindesten Wert auf die paar süsslichen Redensarten des Herrn Hettstädt, die ihr sogar unsympathisch und fatal waren. Dass sie dieselben als „Courmacherei“ aufzufassen habe, kam ihr gar nicht in den Sinn. Es lag eine so trockene, nüchterne Art und Weise in dem ganzen Amtsrichter, eine so grenzenlose Selbstüberhebung und herablassende Huld, dass Margret nur den ältlichen, kränkelnden Mann in ihm sah, den Egoisten und eingefleischten Bureaukraten, der dem Frühling und der Liebe so fern stand, wie die Nacht dem Tage. In welch anderer Weise huldigten ihr die jungen Offiziere!
Vor allen Dingen Olmütz!
Aber auch dieses war nicht nach ihrem Geschmack. Das feurig leidenschaftliche Werben des jungen Leutnants ängstigte und erschreckte sie. Sein Blick, seine verstohlenen Händedrücke, seine Worte, die er mit heissem Atem oft in ihr Ohr flüsterte, entsprachen nicht ihrem holden, schüchternen Mädchentraum von heilig ernster, himmelhochtragender Liebe! Was bei dem Amtsrichter zuwenig war, tiefinniges, zärtliches Empfinden, das war bei Olmütz zuviel; — was bei jenem fehlte, schäumte bei diesem über, was bei dem einen kaum als armseliges Fünkchen glimmte, drohte bei dem andern als verderblicher Brand in wilden Gluten emporzulodern. Und das eine gefiel Margret so wenig wie das andere.
Sie schuf sich selber in stillen Träumen die Idealgestalt ihres Glückes, und weil dieselbe so hoch, ach so unerreichbar hoch in den Wolken schwebte, kam es ihr gar nicht in den Sinn, dass sich auf niederer Erde eine barbarische Hand finden könne, die ihr das süsse Zauberbild in Stücke schlagen könne!
Sie war dem Amtsrichter gegenüber völlig unbefangen, bis eines Tages zum erstenmal an dieser Harmlosigkeit gerüttelt ward. Sie begegnete auf der Strasse Doktors Lina, wollte sie freundlich begrüssen und ihr die Hand reichen, — zu ihrer grossen Bestürzung jedoch funkelte das alternde Fräulein sie hasserfüllten Blickes an und wandte ihr, ohne den Gruss zu erwidern, den Rücken. Ganz betroffen von dem Unerwartenen fragte Margret eine just des Weges kommende, ihr befreundete Dame, was dies beleidigende Benehmen Linas bedeuten solle.
Die andere lachte ein wenig ironisch auf. „Aber meine Beste, Sie können doch nicht verlangen, dass man einem Mädchen, das einem den Freier abspenstig macht, noch um den Hals fliegen soll?“
„Den Freier abspenstig macht?!“
„Himmel, was können Sie kleiner Schalk für erstaunte Augen machen!! Glauben Sie denn, es bliebe in Rügenfurt unbemerkt und unbesprochen, wenn ein junger Herr plötzlich fahnenflüchtig wird? Früher war Hettstädt das tägliche Brot bei Doktors! Die Damen stickten sogar schon die Ausstattung, und nun plötzlich betritt er nicht mehr ihre Schwelle, sondern ist beinahe ein um den andern Tag bei Ihnen!“
„Bei mir?!“ Wie ein Schrei der Entrüstung klang es von den erbleichten Lippen Margrets.
„Nun — bei Ihnen oder in dem Hause Ihres Onkels, das ist doch gleichviel! Wegen des Herrn Professors oder der dicken Agnes wird er doch nicht kommen!“
„Doch tut er’s! Nur um des Onkels willen!“ stiess Fräulein von Uttenhofen mit bebender Stimme hervor. „Der Amtsrichter ist mir völlig gleichgültig — o, ich versichere Ihnen ...“
„Na, na! Diese Versicherungen kennt man!“ — ein Achselzucken und Auflachen — „das hat schon manche gesagt! Aber nun adieu, Kleine! Möchten Sie den besten Erfolg haben!!“
Schwarze Schatten schwirrten vor Margrets Augen. Wie gehetzt stürmte sie heim.
„Agnes! Agnes! — Wissen Sie, was man sagt?“ und sie berichtete mit entsetzten Augen das soeben Erlebte.
Die Alte zuckte gelassen die vollen Schultern. „Na, einmal muss es ja doch bekannt werden! In solch kleiner Stadt kann man nun mal nicht mit Verlobungen überraschen!“
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