Anfangs war es zugegebenermaßen gar nicht so schlecht. Wir flanierten über den Deutschen Markt und zum Turnierplatz und stellten uns zur Schau. Natürlich wurde vor allem Maira von den Jungs angemacht: Zu ihrem mittelalterlichen Gewand trug sie alte Nikesportschuhe – ein geschickter Schachzug, weil interessierte Jungs dann jederzeit das Gespräch mit der intelligenten Beobachtung eröffnen konnten, im Mittelalter hätte es aber noch keine Turnschuhe gegeben.
Maira war ziemlich wählerisch, wenn es um Jungs ging, daher wunderte ich mich etwas, als sie plötzlich Krethi und Plethi zu der Fete einlud, die wir fürs kommende Wochenende geplant hatten. Dann würden ihre Eltern zu Freunden nach Farö fahren und wir würden das Haus für uns allein haben. Zum Beispiel lud sie ein paar Angeber ein, die sie erst seit kurzem kannte und die Dudelsack und Trommel spielten, und dann noch zwei, drei unförmige Mädchen in Lodengewändern, wahrscheinlich nur, weil die garantiert hässlicher waren als sie selbst. »Bringt ruhig noch jemanden mit!«, forderte sie alle großzügig auf. »Und auch was zum Essen und Trinken!«
Am Abend dieses ersten Tages wurden wir selbst von einer Gruppe mittelalterlicher Handwerker dazu eingeladen, auf einer eiskalten Wolldecke zu sitzen und sauren Rotwein zu trinken. Ich brachte keinen Ton heraus, hockte bloß da und starrte wie eine großäugige Ratte einen der schönsten Jungen an, die ich je gesehen hatte, einen Zauberkünstler und Jongleur mit langen blonden Locken und spöttischem Gesicht. Leider sah ich auch, wie sich zwischen ihm und einer Wikingertochter von natürlicher Schönheit eine Romanze entspann. Die Wikingertochter hatte eine Haarmähne so dicht wie die von Berenike und ein Lachen so klangvoll wie Harfenspiel.
Schließlich ging ich einfach weg, mein schwarzes Herz übernahm die Kontrolle über meine halb erfrorenen Füße. In der Dunkelheit sah ich allerdings kaum, wohin ich Letztere setzte. Alle waren betrunken, überall. Auf der Brücke über dem Wallgraben standen Pagen, die übers Geländer spien. Ich spürte deutlich, wie sehr ich die Menschheit verabscheute.
Dass ein gedunsener, sternhagelvoller Typ mich mit »Goth« anpflaumte, machte die Sache auch nicht besser. »He, du Goth-Tussi«, lallte er daher.
Ich trage ja nicht deshalb Schwarz, weil ich in eine dieser Kategorien gehöre (oder überhaupt in irgendeine Kategorie!), ich finde Schwarz einfach gut. Darum muss man noch lange kein Gothic-Fan sein.
Aber wo sollte ich hin? Es war Mitternacht. Mairas Eltern würden es bestimmt nicht schätzen, dass ich Maira auf dem Turnierplatz zurückgelassen hatte, allein im Finstern auf der Decke, umgeben von schwankenden, lallenden Pagen und Rittern und selbst sauren Wein trinkend (nach dem ich bestimmt ebenfalls stank). Das Handy – das in einem extra angefertigten Samtbeutel lag, da Aucassin und Nicolette sich wohl kaum per Handy verständigt hatten – hatte inzwischen einen leeren Akku. Ich glaubte eine beginnende Blasenentzündung zu spüren. Im Holzschuppen fand ich eine stark mottenzerfressene Wolldecke, in die ich mich einwickelte, während ich auf Maira wartete.
Als sie um zwei Uhr ankam, befand sie sich in einer anderen Welt. Sie hatte einen Elben getroffen, der sie zum Abschlussfest eines Life-Rollenspiel-Camps eingeladen hatte, das weit außerhalb der Stadt lag. Das Fest fand ausgerechnet an dem Tag statt, an dem wir unsere Fete geplant hatten. Was jetzt?
»Du kannst unmöglich in Nikeschuhen zu dem Life-Camp rausfahren, die ziehen dir die Haut ab und werfen dich den Trollen zum Fraß vor«, bemerkte ich.
»Dann kaufe ich mir eben Schuhe auf dem Markt«, sagte Maira hektisch. »Oder ich geh barfuß.«
»Übrigens gab’s früher auch keinen Synthetiksamt«, bemerkte ich.
»Jetzt hör doch auf zu meckern! Dieser Junge ist ein Elbe, ich sag’s dir! Mit oder ohne Ohren!«
»Na klar doch.«
»Sei doch nicht ständig so negativ!«, beharrte sie und versprach, ich dürfe auch mitkommen.
»Ich denk ja nicht daran, in irgendwelchen Zelten rumzuliegen, Met zu trinken und peinliche Lieder zu singen. Und was ist mit dem Fest, zu dem du halb Visby eingeladen hast?«
»Aber Arri, das hier KANN ich einfach nicht verpassen, lieber schneid ich mir den Hals ab!«
»Dann musst du deine Fete eben absagen.«
»Mensch, sei doch nicht so supernegativ! Diese Sache im Camp fängt erst ziemlich spät an. Um zehn würden ein paar Gaukler mich . . . uns hinfahren. Also können wir bis dahin bei uns feiern. Und anschließend wissen die meisten bestimmt noch andere Feten, wo sie hinkönnen. Das klappt schon!«
Also überredete sie mich. Zuerst wollten wir mit diesen Krethi und Plethi, die sie eingeladen hatte, feiern, danach würden bestimmt viele zu dem Life-Camp mitkommen. Ich musste versprechen sie auf jeden Fall dorthin zu begleiten und dafür wollte sie mir ihre Original Loreena-McKennitt-Platte schenken plus den Choker mit den schwarzen Steinen und vielleicht ihre Strumpfhose aus London, die mit dem Drachenmuster. Aufräumen und sauber machen könnten wir dann am nächsten Tag, irgendwie würden wir garantiert in die Stadt zurückkommen. Der ohrenlose Elbe wohnte normalerweise in Halmstad, dies sei also die letzte Chance, am Sonntag würde er nämlich nach Hause fahren.
Doch dann passierte Folgendes: Als die Gäste im Laufe des Abends ins Haus zu tröpfeln begannen, erwartete mich der größte Schock der Woche: Der Zauberkünstler mit den langen blonden Locken tauchte auf. Ohne die Wikingertochter. Und ER SPRACH MIT MIR. (»Arri, was ist das denn für ein Name?« – »Eine Abkürzung von Arwen.« – »Aha, aber wie heißt du tatsächlich?« – »Ich heiße so.« – »Das ist doch wohl ein Pseudonym?« – »Nein, ich bin so getauft.« – »No kidding! Krass!«)
Dies vergrößerte meine Abneigung dem Camp gegenüber, zumal inzwischen Regen eingesetzt hatte. Außer Personen, die lächerlich geil auf ohrenlose Elbenknaben sind, fährt doch kein Mensch freiwillig bei Regen in durchweichte Life-Rollenspiel-Camps, die weit draußen in der Dunkelheit liegen.
»Okay«, sagte Maira beherrscht, als wir uns auf der Toilette darüber unterhielten, »du bleibst hier und sorgst dafür, dass alle sich menschlich aufführen und das Haus nicht demolieren, und ich fahr zum Camp. Der mit dem Auto wollte uns um zehn beim Kapitelhaus einsammeln.«
Unter dem großen schwarzen (mittelalterlichen?) Schirm ihres Vaters machte sie sich auf den Weg und mir wurde plötzlich mit einem gewissen Schauder klar, dass ich jetzt eine Verantwortung für das Haus trug. Und falls ich alle zum Gehen aufforderte, würde der Zauberkünstler ebenfalls verschwinden. Ich konnte ihn ja schlecht bitten zu bleiben, wenn alle andern sich verabschieden mussten; so weit war es dann doch noch nicht gediehen.
Nun hatten aber die infernalischen Weber am Webstuhl des Schicksals noch eine Überraschung für mich parat: Simsalabim – und plötzlich steht die Wikingertochter da und will zu ihrem Zauberkünstler eingelassen werden! Sie hat nämlich bis jetzt an einer Tanzaufführung teilgenommen! In ihr goldenes Haar hat sie Rosen gesteckt. Ich lächle liebenswürdig und lasse sie eintreten, während ich mich auf der Stelle in einen Mutanten verwandle, zu gleichen Teilen aus enttäuschtem Kleinkind und Pitbullterrier bestehend. Die Wikingertochter marschiert schnurstracks auf den schönen Zauberkünstler zu und führt den Beginn der Schlafzimmerszene aus Romeo und Julia auf.
Und was tue ich, Arri, die Tüchtige? Nun, alles verflüchtigt sich aus dem Kopf der tüchtigen Arri, alles bis auf die große Trauer (an die ich mich eigentlich schon gewöhnt haben müsste, weil alles immer in ihr zu münden scheint).
Ich hätte erwähnen müssen, dass sich in dem Haus eine gewisse Anzahl Flaschen mit alkoholhaltigem (in mehreren Fällen sehr alkoholhaltigem!) Inhalt befand. Schau an, Arri trinkt Schnaps! Schau an, Arri trinkt noch mehr Schnaps! Schau an, Arri schert sich den Teufel um den ganzen Quatsch und schläft stockbesoffen auf dem groß geblümten Bettüberwurf im Bett von Mairas Eltern ein! Und, schau an, schau an, natürlich wacht Arri am Vormittag in einem leeren, unverschlossenen Haus auf und ihr ist speiübel!
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