Schweigend gingen sie weiter inmitten finsterer Fichten, deren gekrümmte Wurzelausläufer über den ausgetretenen Fusssteg liefen und natürliche Treppenstufen schufen, die hinaufführten und dann wieder hinunter. Eine Weile schritten sie wie auf schwankendem Grunde, denn dieses ungeheure Wurzellabyrinth trug hier den Erdboden, so dass man den Fuss auf nachgiebigen Gummi zu setzen glaubte. Rechts stieg der Wald hinan und hüllte sich in dämmeriges Dunkel, in dem die graubemoosten Findlinge wie unförmliche Ungeheuer zwischen den schwarzen Stämmen lagen; von links jedoch winkte das lachende Tal mit seinem gleissenden Sonnenschein, der alles in grünes Licht tauchte und das Auge fast blendete. Das Gebirge drüben zog wie ein schmaler blauer Streifen mit, der sich hin und wieder verlor, dann wieder durch die Lichtlucken mächtig anwuchs, bis man plötzlich, wenn die Fernsicht es gestattete, einen blauen Kegel in die Wolken ragen sah.
Diesmal regte sich in Gabriel der Widerspruch, und so fühlte er sich versucht, ein Wortgefecht über die brutalste aller Weltanschauungen zu beginnen. Denn je mehr in seinen Augen der Lebensgigant vor ihm wuchs, der sicher dereinst sein Ziel mit eisernem Beharren erreichen würde, je tiefer bemitleidete er ihn, weil er den Wert des Lebens immer nur auf der Wage der Rücksichtslosigkeit wog. Manch’ guten Zug, den er barg, hätte Gabriel zu gerne aus ihm herausgeholt, und als Kämpfer für das Höchste wollte er nichts unversucht lassen, ihn umzuformen nach dem alten Rezept von Güte und Geduld.
Thomas aber hatte seine schlechte Stunde, wo ihm alles nicht schnell genug ging und er am liebsten die ganze Menschheit massakriert hätte, weil sie seinen Höhenflug noch nicht kannte, ihm keine Millionen zur Erreichung seines Zieles vor die Füsse legte und bisher so wenig Notiz von seiner geliebten Person genommen hatte.
Wie? Was? muckte er gehörig auf. Er habe nicht recht mit seiner Ansicht, obwohl sie der ganzen natürlichen Schöpfungsgeschichte entspreche? Was habe denn Darwin gelehrt, he? Sei der vielleicht ein Dummkopf gewesen? Er habe die Überbibel geschaffen, das wissenschaftliche Abc des gesunden Menschenverstandes, wonach jedes grosse Kind im Buche der Natur lesen lernen könne. Dja! . . . Nun gar erst Haeckel, dieser Finder im unermesslichen Reiche natürlicher Entwicklung. Dieser göttliche Weise auf Erden! Niemand habe reiner aus dem Quell der Wahrheit geschöpft, als er.
„Was ist Wahrheit?“ wagte Kreuz mit abgeklärtem Spotte einzuwenden. „Wo ist sie zu finden? Nicht bei dir und nicht bei mir. Auf alle Fälle ist die Wahrheit ein Begriff, den sich die liebe Menschheit zurechtgemacht hat, um mit Willkür damit umzugehen. Vielleicht, weisst du, ist sie auch nur eine grosse Einbildung, eine Selbstlüge, eine geistige Blindheit, die uns Dinge sehen lässt, die gar nicht vorhanden sind. Wahr allein ist der Glaube, denn er führt ins Grenzenlose, also ins Ewige. Und die Ewigkeit allein steht fest. Also hat auch der Glaube etwas unbedingt Wahres und etwas unbedingt Unerschütterliches. Nach dem Gesetze der Logik sogar.“
Da blieb Nagel mit einem Rucke stehen und wandte sich heftig nach ihm um. „Soll ich dir sagen, was Wahrheit ist?“ Dann höre es, du unverbesserlicher Erdensohn, Säulenheiliger und Rückständiger. Wahrheit ist, meinen neuesten Forschungen nach (er lachte über diesen Witz), dass die erbitterte Menge dem gekreuzigten Christus nicht den bekannten Hohn: „Bist Du Gottes Sohn, so hilf Dir selber“ ins Antlitz schleuderte, sondern dass sie ihm vielmehr einfach hundertstimmig das soziale Vernichtungswort zurief: „Stirb Du, damit ich lebe!“ Denn es wäre ja nicht auszudenken, wenn die allgemeine Menschenverbrüderung damals schon den berechtigten Egoismus des Einzelnen unterbunden hätte. Denn siehst du, mein lieber Sohn, es gibt keinen grösseren Feind des Ichs mit seinem eigenen Sinn, als die Verallgemeinerung mit tausend Köpfen, die immer nur Verwirrung anrichtet. Ich bin ich und weiss, was ich will, die Menge jedoch weiss nie, was sie will. Glaube mir. Mein Ziel führt geradeaus, das Ziel der Menge aber geht nach allen Himmelsrichtungen. Dja. Zwei Beine sind persönlich. Tausend Beine jedoch sind höchst unpersönlich, — sie folgen höchstens dem Drill. Und der Drill ist Maschine, ein aufgesetzter Kopf mit eingesetzten Gedanken. Mit einem Worte: der mit Gas gefüllte Luftballon, der sich treiben lässt. Der fliegende Mensch aber, oder wie man die lebende Luftbalance später mal nennen mag, — der, siehst du, ist rein persönlich. Ist Herr der Lüfte über sein Leben und seinen Tod, untersteht meinetwegen auch ungeschriebenen Gesetzen. Und deshalb will ich mein liebes Ich anmassungsvoll aus Persönlichkeitsgefühl dem Himmel entgegen tragen und meine Seele meinetwegen dem Teufel verschreiben, wenn meine Berechnungen nicht stimmen sollten. Der Wille ist da, und Wille, verstehst du, ist ungehobene Kraft. Heben wir also die Kraft. Wie es der kleine Vogel vorhin bewiesen hat, der trotz der Schnabelladung von seinen Flügeln getragen wurde. Ein winziges Beispiel nur, aber eine elementare Grundlage zur Berechnung des Verhältnisses der Schwere von Körper und Luft . . . Nun sei so gut und gib mir etwas Feuer, denn ich habe meine sämtlichen Streichhölzer aufgefressen. Wenn ich dich belehren muss, geht mir jedesmal die Zigarre aus.“
Kreuz hatte schon das Wort Profanation auf den Lippen, als ihn die tändelnde Art des andern, mit den tiefsten Fragen dieser Welt gleichsam zu jonglieren, wieder mitfortriss und besänftigte. Und so erfüllte er ihm den Wunsch, indem er das alte Steinfeuerzeug, das er noch von seinem Vater geerbt hatte, aus der Tasche holte, den Zunder zum Glühen brachte und ihm hinhielt. Und was er dabei sagte, war nur: „Ich kann dir nur deine eigenen Worte zurückgeben: Es ist nicht an dich heranzukommen.“
Nagel, die Zigarre, wie gewöhnlich, mehr zwischen den Lippen haltend als mit den Zähnen, sog mühselig den Rauch ein, bevor er den nötigen Dampf weghatte, wobei er nochmals den Zunder anblies. Die schweren Lider wölbten sich kugelrund über die Augen, so dass sich gleichsam die ganze Offenheit des Menschen unter ihnen verkroch. Unter diesem nach unten gerichteten Blick brütete gewöhnlich ein verschleierter Gedanke, der die Worte nur als Schild gebrauchte.
„Ich bin doch eigentlich ein Kerl, der in die Welt passt, wie?“ sagte er dabei unentwegt, die Zigarre nun schon im Mundwinkel. „Du natürlich auch,“ ergänzte er seine Meinung, wobei die Augenritze sich etwas erweiterte. Es war aber nur eine Anstandsformel, denn eigentlich meinte er nur sich selbst.
„Sehr gnädig von dir, aber es hätte auch wegbleiben können,“ gab Kreuz mit einer gemachten Verbeugung zurück. „Denn eigentlich passe ich ganz und gar nicht in diese Welt der ewigen Missverständnisse.“
„Na siehst du, — das wollte ich eigentlich auch sagen. Nimm es mir nicht übel, aber in mancher Beziehung bist du rückständig wie dein Feuerzeug. Ebenso umständlich natürlich. Man muss dich immer erst gehörig anblasen, um das Feuer der Zeit aus dir herauszuschlagen. Du weisst, dass ich darin komisch bin: beim ärgsten Föhn ist mir das zehnte brennende Streichholz lieber, das unter dem Loden endlich Feuer fängt, als dieser Zunder-Quark. . . . Du, ist das übrigens Silber?“
Er wog das schwere Feuerzeug in der Hand, wonach denn Gabriel Kreuz der Versuchung nicht widerstehen konnte, es sich mit einem raschen Griff wieder anzueignen; denn schliesslich hätte dieses wertvolle Andenken auch den Weg des Geldes nehmen können, vorläufig wenigstens. Es hatte ihm, trotz der Schmähung des andern, schon so manchen guten Dienst auf der Wanderschaft, besonders bei nassem Wetter, getan, dass er hoffte, diesem Nieversagen auch in Zukunft dankbar sein zu können.
Dann wusste er gar nicht, wie es geschah, dass er von kaltem Schauer erfasst wurde, als Thomas ganz unvermittelt sagte: „Hier könnte doch einer abgemurkst werden, ohne dass ein Hahn danach krähte.“
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