Als er dann aber das Messer abzog, was er an einem an der Wand hängenden Riemen tat, fragte er pfiffig, während seine wimperlosen Vogelaugen von einem zum andern gingen, wie lange die Herren hier zu bleiben gedächten und ob sie schon Unterkunft gefunden hätten. Es seien diesmal ein bisschen viel Passanten hier und daher die Gasthöfe überfüllt. Im „Bären“ könnten die Herren aber noch Platz finden. Das sei gar nicht so weit von hier, und da sei alles gut: Essen, Trinken, Betten und vor allem gute Bedienung. Saubere und hübsche Mädels aus München. Und preiswert sei es auch.
Nagel, der, die Serviette vor, mit total eingeseiftem Gesicht wie ein Zirkusclown in seiner Garderobe dasass und in dem Spiegel den tragischen Bewegungen des Barbier-Don Quichotes mit Vergnügen folgte, rief sofort laut: „Wo’s Diandl gibt, da gehen wir hin. Juchhe. Nicht wahr, Gabriel?“
Fortwährend dachte er an das Geld in der Tasche und daran, was Kreuz für Augen machen würde, wenn er ihn heute nach seiner Art freihielte. Und war ein ganz besonders hübsches Mädel da, dann wollte er es ebenfalls traktieren und allen Ernstes erwägen, ob man mit ihr nicht anbandeln könne. Denn kein Vergnügen ohne Damen, auch in Oberstdorf nicht.
Der Meister setzte mit gesuchter Eleganz das Messer an und schabte darauf los, dass man das Kratzen auf einer versandeten Mohrrübe zu hören glaubte, denn widerspenstige Klinge und rauhe Bartstoppeln begegneten sich hier zu einem intimen Kampfe. Und weil er das schiefgezogene Gesicht seines Opfers sah, so schaffte er Linderung durch unaufhörliches Schwatzen über Oberstdorf und seine Vorzüge. Unaufgefordert gab er sich ganz als Auskunftsbuch, das die schönsten Seiten von selbst aufschlug. Und dann fragte er nach dem Kaukasus, und ob dort auch ein grosser Fremdenverkehr sei und ob man dort wirklich so viel Bären schiessen könne, wie er gelesen habe.
„Sogar anbinden,“ warf Nagel ein und bat ihn dann, sein Gesicht doch nicht als eine Akazienhecke zu betrachten, an der man nach Belieben herumschnippern könne. Und als der Meister den rechten Ärmel zurückstreifte, als ginge es nun an eine besondere Operation, die Spinnefinger der Linken auf das Gesicht des Duldsamen legte, so dass das Opfer widerstandslos in seiner Gewalt war, und dann vorsichtig mit den kitzligen Strichen über die Kehle begann, da hatte Thomas Nagel einen merkwürdigen Einfall, wie schon öfters, wenn dunkle Vorstellungen von hässlichen Dingen sein Gemüt beschwerten.
„Sagen Sie mal,“ fragte er mit steinerner Ruhe, „haben Sie nie daran gedacht, einem Menschen die Kehle durchzuschneiden, wenn Sie grade diese Partie unterm Messer haben? Das muss doch geradezu Einladen. Ungefähr so, als wenn man durch die harte Rinde plötzlich ins weiche Brot kommt. Die Lösung dieser Frage interessiert mich schon lange. Es gibt doch Dinge, die uns mit Gewalt anziehen, gegen jede Vernunft zu handeln.“
Der Barbier, der nur den wohlfeilen Scherz darin erblickte, schabte ohne jede Erregung ruhig weiter, lachte aber aus Gefälligkeit und meinte, dass er sich schön hüten werde, an so etwas Polizeiwidriges zu denken. Erstens habe er gar keine Zeit dazu, und zweitens sehe er die Hälse gar nicht mehr, sondern nur die Stellen, wo es etwas zu rasieren gebe. Und dann habe er niemals in seinem Leben Mordgedanken gehabt, denn sein Vater sei Schneider gewesen, und davon sei auch etwas auf ihn übergegangen.
Gabriel Kreuz jedoch blickte überrascht auf, beinahe unangenehm berührt; und als er seinen Blick in den Spiegel richtete, begegnete er dort den Augen des Freundes, in denen sich wieder der schwefelgelbe Glanz zeigte. Es war gerade so, als hätte er dabei an ihn gedacht und zu dem andern nur gesprochen. Und als verhielte es sich so, nickte ihm nun Nagel vergnügt zu und sagte: „Wir sind niemals vor unsern schlimmsten Gedanken sicher, — willst du glauben, Gabriel? Das Gehirn des Menschen kann noch so klein sein, der Riese Korpus muss ihm doch gehorchen. Mach’ etwas dagegen.“ Als wäre mit dieser Belehrung die Sache abgetan, liess er sich auch noch die Haare stutzen und sonst schön machen, sächselte zum Vergnügen des Meisters und bereicherte dessen Anekdotenschatz mit der schönen Geschichte von dem redeseligen Vater und dem redeseligen Sohne, die einen Sommerspaziergang von „Dräsen nach Bärne“ machten. Als sie Dresden verlassen hatten, sagte der Vater: „De Gerste steht aber scheene.“ Und als sie in Pirna angelangt waren, ergänzte der Sohn: „Der Haber aber ooch.“
Der Barbier wieherte vor Lachen, soweit man die durch seine Zahnlücken kommenden Zischlaute wiehern nennen durfte, und auch Kreuz verlor durch seine Heiterkeit die nach Unheimlichkeit witternden, schwefelgelben Augen im Spiegelglas aus dem Gesicht.
Der Lehrling kam, ein breitschulteriges Bürschchen mit frischem Bauerngesicht, das, in einem schwarzen Jäckchen steckend, mit seinem pomadisierten Haar fast den Eindruck eines Hotelpikkolos machte. Bei schönem Wetter lief er deswegen auch immer barhäuptig zum Bahnhof, was für die Abzufangenden so nachbarlich einladend aussah.
„Jetzt gehst gleich amal, Xanderl, und führst die Herrschaften in’n „Bären“, schnauzte ihn der Meister mit drohenden Vogelaugen fast an, denn er hatte schon wiederholt nach ihm ausgeschaut und inzwischen die Fremden durch allerlei Redensarten zurückgehalten. Dann dienerte er vor ihnen, nachdem er Kreuz noch eine Schachtel Zigaretten und Nagel ein Stück Seife aufgeschwatzt hatte.
Xanderl, der den historischen Namen Alexander mit in die Wiege bekommen hatte, ohne zu wissen weshalb, plinkerte ein bisschen mit den Augen, als Zeichen, dass er diese Empfehlung zum Vorteile des Meisters zu würdigen wisse.
Barbier Meisel gab seinem Stift noch einen letzten Wink. „Die Herren kommen von weit her, aus de Karpathen, sag’s Herrn Oberbraier extra,“ tuschelte er durch die bekannte Zahnlücke und schubste ihn die zwei Stufen hinunter. (Kaukasus und Karpathen verwechselte er regelmässig.)
Xanderl nickte zwar pfiffig, aber man hätte ihn totschlagen können, bevor er beschworen haben würde, das Richtige verstanden zu haben. Erst als er, den beiden Fremden voranschreitend, sich den roten Kopf darüber zerbrach, wurde es ihm klar, dass die Herren gern „Tomaten“ ässen, und dass er das Herrn Oberbraier, der aus Gründen der Fremdenzufuhr sein besonderer Gönner war, im geheimen anvertrauen solle.
Der Weg bis zum Gasthof war nicht weit, aber doch immerhin lehrreich genug, um zu erfassen, dass Oberstdorf ein Luftkurort mit noch dörfischem Charakter war, in dem das liebe Vieh offen durch die Strassen getrieben wurde und sein natürliches Andenken zurücklassen durfte, ohne dass weder eine Wegereinigung von Amts wegen stattfand, noch die Erholungsgäste zu einer Beschwerde verleitet wurden. Dafür brauchte man auch keine Kurtaxe zu zahlen, keinen wenig helfenden Brunnen zu trinken und keine schlechte Musik zu hören, wie oftmals in ähnlichen kleinen Orten, wo das Idyll durch solche Dinge zu Grabe getragen wurde. Bauern tun bekanntlich nichts umsonst für andere, sie sehen in den Fremden lediglich die Luftschnapper, die ihnen die Wiesen zertreten und einer Kornblume wegen hundert schwere Ähren zum Knicken bringen. Und weil der Bauerngeist noch in der Gemeinde von Oberstdorf herrschte, so war die Parole ausgegeben worden, dass jeder nur vor seiner eigenen Tür kehren solle, was denn auch redlich befolgt wurde. Das alles aber konnte nicht verhindern, dass die Eingeborenen an Fremde vermieteten, soviel sie nur konnten, und aus ihren Dorfbaracken mit der Zeit Logishäuser und Villen machten, mit ganzer und mit halber Pension, manchmal mit elektrischem Lichtanschluss, manchmal auch nicht, jedenfalls aber immer mit der herrlichsten Aussicht auf das Gebirge, natürlich von einer Veranda aus, denn das wurde besonders hervorgehoben. Und führte das Haus dann noch einen schönen Namen, wie etwa „Villa zum Bergfrieden“, obwohl der Wasserfall in unmittelbarer Nähe den Schlaf während der ganzen Nacht störte, oder „Villa Erholung“, obgleich die Dampfsägemühle in der Nähe mit ihrem unaufhörlichen Kreischen und Knirschen zur Verzweiflung aller Nervösen wurde, dann durfte man sich dazu gratulieren, die Tafel mit der Aufschrift „Hier ist noch Logis zu haben“ selten heraushängen zu brauchen.
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