1 ...6 7 8 10 11 12 ...15 Sie waren in eine Waldmulde geraten, der die breiten Kronen der Kiefern das Licht des Himmels nahmen. Wetterschwarz türmten sich die Stämme zur Höhe hinauf und umlagerten gespensterhaft den Hohlweg, der in seinem geheimnisvollen Dunkel den Wanderer jenseits weiterführte. Es war die Nacht am Tage, die im öden Gebirgswald lagert und durch ihr Schweigen auf die aufgescheuchten Nerven des Einsamen doppelt schrecklich wirkt. Alles Tote belebt sich: Bäume und Felsen nehmen Gestalt an, versteckte Ungeheuer brüten einen heimlichen Überfall, blasse Geistergesichter mit grossen, drohenden Augen lugen um die schwarzen Stämme herum, flüsternde Stimmen, die sich beraten, dringen an das Ohr des Furchtsamen, und der Schall seiner eigenen Schritte wird zum Geräusch der Verfolger, die hinter ihm her sind und allmählich zu einer Armee anwachsen, die von allen Seiten aus dem Walde herausbricht, um ihr Mordwerk zu verrichten.
Nun war Gabriel Kreuz keiner von diesen Ängstlichen, und wenn er allein gewandert wäre, so würden ihm, wie immer, der frohe Mut und sein Lied der beste Begleiter gewesen sein. Jetzt aber, nach den Worten des Genossen, die so stahlhart durch die Stille klangen, eindringlich wie eine Warnung, floh ihn die Ruhe, er wusste kaum, weshalb. Vielleicht floh sie nur wie ein aufgescheuchter Vogel, der sich bald wieder mit Behaglichkeit niederlässt; aber sie schwirrte doch davon. Er fühlte es am Zittern seiner Glieder, verursacht durch die Schwächeanwandlung, die vom Herzen ausging. Eigentlich vom Blick des Freundes, der so seltsam auf ihm ruhte, mit einem Ausdruck, anders wie sonst: vielleicht nur fragend, forschend, tief ergründend, jedenfalls aber mit dem Erwägen eines Fremden, der plötzlich drohend aus der Erde auftaucht. So stand Thomas Nagel eine Minute lang vor ihm: blass, entgeistert, die Lippen über die Zigarre fest zusammengepresst, schwefelgelben Schimmer in den Augen, den Stock mit festem Griff umschlossen. Er stand da wie jemand, der mit einer Tat ringt, die er nicht begehen möchte. Gewalt in ihm kämpfte mit Gewalt, die Besonnenheit schlug die Gelegenheit tot, und der bequeme Gleichmut wurde alsdann zum Triumphator.
„Meinst du nicht auch, he? Manchmal überkommen mich solche Gedanken. Es ist der Ort, der sie gebiert.“ Das letztere rief er mit Pathos, wie einen Jambus, laut in den Wald hinein, während er schon weiterschritt, dem Freunde wieder voran. Und einmal im Zuge, begann er mit seiner unreinen Stimme laut zu singen: „Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben . . .“
Der unselige Spuk war vorüber, das Grauen floh in die Weite. Gabriel Kreuz fühlte es, aber er fühlte es wie ein Mensch, der einen Betäubungsanfall überwunden hat. Zugleich schämte er sich seiner, jedoch wiederum ohne Grund; nannte sich einen Narren, einen Verwirrten, der an Halluzination gelitten habe, und schliesslich einen Unwürdigen, der ein Pfui verdiene. Und als die helle, sonnendurchtränkte Landschaft vor seinen Blicken wieder auftauchte und der unverwüstliche Lebensbejaher vor ihm sie laut begrüsste, wäre er geneigt gewesen, ihm laut Abbitte zu leisten für unsinnige Gedanken.
In Oberstdorf, wo sie erst am späten Nachmittage eintrafen, wimmelte es noch von Fremden. Ein soeben eingelaufener Zug, von Immenstadt kommend, hatte eine neue Zufuhr gebracht, zur guten Hälfte Touristen beiderlei Geschlechts, deren verwetterten und versonnten Loden und sonstigem Aufzuge man es ansah, dass sie eigentlich mit Sehnsucht auf die grosse Reinigung in der Heimat warteten. Alle fragten sofort nach der Post, erstens der aufzugebenden Ansichtskarten wegen, die sie zum Teil im Eisenbahnwagen bereits geschrieben hatten und deren Absendung vor Seife und Kaffee ging, und zweitens der lagernden Briefe wegen. Im Nu war die alte Postbude gefüllt, und in der sich drängenden und fragenden Menge befanden sich auch die Freunde, die ihre Sendungen nach hier beordert hatten. Kreuz erwartete einen Brief von seiner Wirtin und Lebenszeichen von ein paar guten Bekannten, worüber er stets offen zu Nagel sprach. Dieser jedoch tat immer etwas geheimnisvoll, sobald er ein Schreiben in Empfang nahm, woraus Gabriel schloss, dass er vielleicht in Berlin eine heimliche Liebe habe, worüber er nicht gern sprechen wolle. In der Tat nahm er auch ein Schreiben mit derselben blautintigen Handschrift in Empfang, die Kreuz nach einem flüchtigen Blick bereits zu kennen glaubte. Und sofort trat der zukünftige grosse Erfinder beiseite und durchschnüffelte den Inhalt mit Behagen. So dünkte es wenigstens Kreuz, der diesmal nur eine Postkarte der Wirtin erhielt, der er rasch entnahm, dass nichts besonderes vorgefallen sei.
„Die Berliner haben natürlich wieder die grösste Schnauze,“ sagte dann Nagel ganz ungeniert, als ein dicker Mann mit einem roten Gesicht, der in seinem billigen Lodenanzug mit Wadenstrümpfen und grünem Kinderhut mit Riesenhahnfeder wie ein zum Alpenfest gehender Gutestubetourist aussah, über die Köpfe einiger Damen hinweg dem bayerischen Schalterbeamten mit seiner Kastratenstimme zurief, er warte hier schon „’ne janze halbe Stunde“. Was denn „det for ’ne Sache“ sei, „det de Leite hier nich von rechts nach links“ heranträten, „wie’s in Berlin schon seit Anno Tobak“ Mode sei. Er war zwar vor einer Minute erst hereingekommen, tat aber so, als hätte er sich schon die Beine abgestanden.
„Steht das in dem Brief?“ fragte Kreuz launig, um zugleich ein wenig auf den Busch zu klopfen.
„I wo, ich meine den Weissbierfalstaff da,“ erwiderte Nagel und brachte den Brief in seiner grossen, stark abgeschabten Brieftasche sorgfältig unter. „Es kann übrigens auch ein Bäckerprotz sein oder ein Bierverleger. Entschieden ist er bisher über den Kreuzberg nicht hinausgekommen, willst du glauben? Der postalische Glatzenonkel lässt ihn ruhig schimpfen, bei sich aber denkt er: Du Saupreiss kannst warten . . . Deshalb gebe ich mich in Bayern auch nie als Preusse aus, sondern als Polack, dieweil nämlich meine Mutter von Polen abstammte.“ Und er gebrauchte auch gleich ein paar polnische Worte, die als Einladung zu einer etwas starken Zumutung auch über Ostdeutschland hinaus Verbreitung gefunden haben.
Als sie aber den Barbier in der Nähe aufsuchten, weil Nagel zuvörderst ein glattes Gesicht haben wollte, hatte er den „Polacken“ bereits vergessen und machte einen Versuch, den Bajuvaren hervorzukehren. „Wann S’ mi a bissel rasieren wollten, nacha kriag’n S’ auch ’n Fünferl mehr,“ sagte er grossartig und liess sich auf einen der drei leeren Lehnstühle nieder. Sofort aber fügte er sächselnd hinzu: „Ei Herrcheses nee, aus Sachsen sind Se ooch?“ Denn der Meister vom Messer, ein spindeldürrer, nicht mehr junger Mann mit wirrem, einst fuchsrot gewesenem, aber stark ergrautem Haarbusch hatte in seiner Begrüssung den Dialekt des Sachsen nicht unterdrücken können.
„Ei freilich, aus Dräsen,“ erwiderte er gemütlich, den Schalk in den beweglichen, rötlich glänzenden Vogelaugen.
„Das dachte ich mir doch gleich,“ sagte Nagel. „Alles, was hervorragt in der edlen Frisierkunst, stammt aus Dresden.“
„Sehr schmeichelhaft, mein Herr,“ dienerte der Meister und schlug dabei schon kräftig den Schaum. Die Herren kommen wohl weit her?“ Er hatte sie sofort als Norddeutsche erkannt, die mit dem Radebrechen anderer Dialekte sich nur einen Jux machen wollten.
„Aus dem Kaukasus,“ log Nagel tapfer darauflos.
„Nu här’n Se mal, das is Sie aber doch ein bisschen sehre weit.“
„Für geniale Leute ist nichts zu weit auf der Welt. Seifen Sie mir bloss nicht die Nase ein vor Aufregung.“
Der Meister trieb sein Geschäft heute allein, denn der Gehilfe war in ein Hotel gerufen, und der Lehrling, genannt Stift, besorgte um diese Zeit, wo es nicht viel zu tun gab, Gepäckträgerdienste auf der Bahn, um erstens den Fremden bestimmte Gasthöfe zu empfehlen, und zweitens die Geschäftskasse seines Herrn und Gebieters auch auf diesem Wege zu füllen. Das alles, mit Ausnahme des letzteren Punktes, vertraute der Verschönerungsrat den Freunden nebenbei an, gewissermassen als Entschuldigung für sein Alleinsein, weil er annahm, dass er auch Kreuz werde bedienen müssen. Dieser vergnügte sich über die Unterhaltung, lachte nur mit, ohne etwas zu sagen, und vertrieb sich dann die Wartezeit, indem er nach den schon sehr zerlesenen Fliegenden Blättern griff, die auf einem Messinghaken an der Wand neben dem schwarzgestrichenen Parfümerieschrank hingen, und dann auf einem Rohrstuhle Platz nahm, der in der Ecke am schmalen Schaufenster stand. Der Laden war nur klein und eng. Wenn der Meister zu neuen Handreichungen in den Hintergrund ging, so übte er gewissermassen eine Tanzkunst aus, indem er sich in Drehungen an den Sesseln vorbeiwand, wobei er fast mehr hüpfte als ging. Niemals aber vergass er, einen Blick in einen der drei Wandspiegel zu werfen, die mit ihren üppigen, erblindeten Goldrahmen den Eindruck machten, als hätte die Gnade eines Fürsten sie hier an die kahle Wand gezaubert.
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