Gabriel nickte aus Gefälligkeit, während seine Gedanken wieder einen hohen Flug nahmen. „Was den Traumzustand anbetrifft, so habe ich soeben darüber nachgedacht,“ sagte er sinnend, ohne sich durch das eingeworfene „Also doch“ des Freundes beirren zu lassen. „Eigentlich ruht doch nur der Körper und liegt sozusagen in Fesseln, weisst du, der Geist bleibt fortwährend munter und verrichtet auch im Schlafe seine Arbeit. Er beschützt einfach den machtlosen Körper und bewacht ihn so lange, bis der Schlaf wieder geflohen ist. Und nur der Schlaf ist es, der den Eindruck erweckt, als ginge im menschlichen Geiste nichts vor. Der Geist arbeitet aber unaufhörlich, und der beste Beweis dafür sind die Träume. Woraus du also siehst, dass es auch im Denken keinen Stillstand gibt. Ruht überhaupt etwas in der Natur? Schläft der Wald da drüben in der Nacht? Nur die Dunkelheit täuscht uns den Stillstand vor. Denn sonst würden wir sehen, dass alles Leben weitergeht, alles weiter wächst und blüht.“
„Auch der Unsinn,“ warf Nagel brutal ein, „womit ich natürlich nicht deine höchst verständigen und geistreichen Erörterungen meine, sondern vielmehr unsere Bummelei. Denn ist es vielleicht kein Unsinn, dass wir uns über die Zubereitung von Luftklössen und Traumpasteten unterhalten, während uns irgendwo wahrhaftige Leberknödel mit bayrischem Kraut winken? Auf nach Valencia!“
Und um zu beweisen, dass er ein ganzer Kerl sei, sprang er mit einem Ruck auf, streckte die Arme in die Luft und reckte sich, so dass ihm die Glieder knackten und sein Gesicht braunrot wurde.
„Wenigstens habe ich dich endlich dadurch auf die Beine gebracht,“ sagte Kreuz lachend, der sich über derartige Plattheiten nicht mehr aufregte, sie im Gegenteil wie einen notwendigen Bestandteil des andern betrachtete, der zu seiner Natur gehörte wie der Dünger auf dem Felde, der doch nicht verhindern konnte, dass aus dem Korn schmackhaftes Brot wurde. Ein Schelm gab mehr als er konnte, und ein Weiser blieb derselbe, auch wenn man versuchte, ihn lächerlich zu machen. Und weil sich Gabriel Kreuz wieder als Sieger über den Unverstand des andern fühlte, so erhob er sich denn ebenfalls leichtbeschwingt und machte sich zum Weiterwandern bereit.
Die Freunde rafften die Lodenmäntel zusammen und brachten die verschiedenen Dinge, die sie während des Frühstücks den Rucksäcken entnommen hatten, in diesen wieder unter. Schon wollte sich jeder aufs neue mit seinem Pack beladen, als Thomas den grossen Augenblick für gekommen hielt, sich würdig als der Überlegene in Szene zu setzen. Zuerst holte er sich eine frische Zigarre hervor, die er sich an dem noch glühenden Stummel der alten anrauchte, wonach er dann diesen in einem weiten Bogen ins Gras warf. Alsdann tat er ein paar kräftige Züge und fragte, den Glimmstengel im Mundwinkel: „Nun sag’ mal, lieber Sohn, kannst du auch dafür garantieren, dass dich dein Geist ordentlich bewacht hat, während du schliefst? Frag’ mal deinen Korpus.“
Kreuz verstand ihn nicht gleich, denn natürlich glaubte er wieder, dass das eine neue Kritik an seiner Traumphilosophie sein solle. Unwillkürlich blickte er um sich, als könnte er etwas vergessen haben. Dann aber sagte er heiter: „Ach, lass uns gehen.“
„Nein, nein, du — es ist kein Scherz,“ zog ihn Nagel weiter auf. „Mir war’s vorhin so, als machte sich ein Kerl bei dir zu schaffen, der dann über alle Berge ging. Möglich, dass ich nur geträumt habe, — jedenfalls fühle mal in deiner Tasche.“ Und als er dann Kreuz, der ihm wiederum diesen Gefallen tat, schreckensbleich und wortlos vor sich stehen sah, weidete er sich mit Behagen an diesem Anblick und sagte ganz gemütlich: „Siehst du, mein lieber Kronensohn, du hast das Wolkenmänneken da oben so lange beschworen, bis es auf dich heruntergesegelt ist. Und die Folge davon: es hat dich gehörig geplündert. Nun können wir wirklich fechten gehen.“
Breit und massiv stand er da, den spitzen Tirolerhut mit der Hahnfeder wie einen Trichter auf den dicken Kopf gestülpt, unergründliche List in den versteckten Augen, die vor dem aufsteigenden Tabaksqualm in ihre tiefsten Winkel flohen. Sein Mienenspiel blieb unbeweglich, nur die schiefgezogenen Lippen über dem mächtigen Kinn sogen unaufhörlich an der Zigarre.
Gabriel Kreuz, der seine Possen kannte, fasste sich rasch. „Lass doch solchen Unsinn, du jagst mir ja unnütze Schrecken ein,“ sagte er erregt. Und er atmete tief auf, als er seine Vermutung, Nagel habe sich einen schlimmen Scherz mit ihm erlaubt, bestätigt fand. Denn gar zu fürchterlich wäre der Gedanke gewesen, eine ruchlose Hand hätte ihm das in einer Minute geraubt, was Mutterliebe jahrelang für ihn aufgespeichert hatte.
Thomas Nagel holte kaltblütig das Kuvert mit dem Gelde aus seiner Rocktasche, hielt es dem Freunde vor die Nase und sagte mit grausamem Spott: „Siehst du, mein lieber Gabriel, — ich wollte dir nur beweisen, dass all’ deine Philosophie ein Loch hat. Dein Geist hat sich den Teufel darum gekümmert, was inzwischen mit deinem Körper geschah. Obgleich er hübsch munter gewesen sein soll, als du wie ein Toter dalagst. Ich hätte dir auch noch deine Uhr mopsen können und den Siegelring von deinem seligen Alten, — du hättest absolut nichts gemerkt. Denk’ nur! Es heisst zwar sonst immer: der Geist ist willig, der Körper aber schwach, — diesmal aber scheint es umgekehrt der Fall zu sein. Deine Tasche, die doch auch beinahe einen Bestandteil deines Körpers bildet, gab willig alles her, und dein Geist fiel dabei vor Schwäche auf die Nase. Siehst du. Und weil dem so ist und du dich als ein ganz unsicherer Kantonist in punkto Geldaufbewahrung bewiesen hast, so werde ich von nun an die Kasse führen. Denn auf meinen Geist, glaube mir, darf ich mich mehr verlassen. Und das, lieber Sohn, ist die Moral von der Geschichte.“
Und als verstände es sich von selbst, und als duldete er gar keinen Widerspruch, brachte er das dicke Kuvert sorgsam in seiner Tasche unter.
Kreuz riss zwar die meerblauen Augen weit auf, liess ihn aber gewähren, denn schliesslich zeitigte ein Scherz den andern; und nahm er den einen nicht übel, durfte er es beim andern auch nicht tun. Später fand sich schon wieder Zeit, den Ernst hervorzukehren. Im übrigen hatte er nun den Beweis dafür bekommen, wie gut es dieser treue Wandergenosse mit ihm meinte, der sich diesen Witz doch nur erlaubt hatte, um ihn in seiner Weise zu belehren. Und so sagte er denn wie zur Anerkennung: „Ich wusste ja, dass dein Geist um so mehr für mich wachte, also konnte ich ruhig schlafen.“
„Aber wenn ich nun ausgerissen wäre, he!“ quetschte Nagel die Worte hervor.
Kreuz lachte sorglos auf. „Erstens trau’ ich dir das nicht zu, und zweitens hätte es nicht lange bei dir gereicht.“
„Erlaube mal, — mit siebzehntausend Mark lässt sich schon was anfangen. Mancher ist zum Millionär dadurch geworden. Das Geld nur immer haben, wenn man es zur rechten Zeit gebraucht, — das heisst, die Konjunktur auszunutzen.“
„Geld macht nicht glücklich,“ sagte Gabriel mit Überzeugung.
„Aber es macht den Dümmsten gescheit und gibt ihm Ansehen.“
„Und da du immer schon gescheit warst und bei mir in gutem Ansehen stehst, mein lieber Thomas, so scheidest du also bei dieser Frage völlig aus,“ sagte Kreuz bei bester Laune, worauf Nagel vor Verblüffung die Antwort schuldig blieb. „Im übrigen glaube mir: dein Gewissen hätte dich schon wieder zu mir zurückgeführt, wie ich dich kenne.“
„Und du hättest mich wieder mit offenen Armen empfangen, wie?“
„Welche Frage! Der Mensch ist am grössten im Verzeihen, und wer da Reue zeigt, der findet auch den Weg wieder zu sich selbst.“
„Es ist eigentlich niemals an dich herangekommen,“ sagte Nagel ärgerlich.
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