Gabriel Kreuz brach einen langen Grashalm ab und zog ihn spielend durch die Lippen, dabei immer an seinen Traum denkend. Etwas Schönes lag doch in dieser plötzlich entstandenen Scheinwelt, trotz des Grauens, das der Freude vorhergegangen war und sie dann wieder beschlossen hatte. Denn er war seinen Eltern wieder nahe gewesen, hatte sie in all ihrer rührenden Lebendigkeit um sich gehabt und hatte seinem guten Bruder, der nun schon zehn Jahre auf dem Meeresgrund lag, die harte Matrosenhand schütteln dürfen. Vielleicht war das Träumen, diese Fata morgana der Seele, eine tiefsinnige Deutung, sich der Verstorbenen wieder zu erinnern, indem man körperlich greifbar mit ihnen im Schlafe verkehrte!
Thomas Nagel schien sich zu regen, und so rüttelte nun Kreuz an ihm: „Du, hör’ mal, es wird Zeit, dass wir losgehen. Auf, auf!“
Nagel brummte etwas Unverständliches, tat erst so, als wollte er sich noch auf die andere Seite legen, reckte sich dann aber ganz gewaltig und wischte sich den Schlaf aus den Augen. Und dabei gähnte er laut und anhaltend. „So? Ist es schon so weit? Donnerwetter, ich glaube wirklich, ich habe fest geschlafen.“
„Das soll wohl sein,“ sagte Kreuz lachend. „Du hast sogar geschnarcht, als wenn eine schlechte Säge durch einen trockenen Ast ginge.“
Nagel log nicht, denn den Reichtum in der Tasche, hatte er sich wieder der dickfelligen Sorglosigkeit überlassen. Zwar hatte er erst gehorcht, ob der Freund gleich nach der Tat munter werden würde, dann aber, als er die gleichmässigen Atemzüge hörte, kämpfte er nicht länger gegen die Müdigkeit. Er hatte ja die personifizierte Weckuhr zur Seite, und die würde sicher gehörig zu schnarren beginnen, wenn sie vorzeitig, durch Schreck aufgerüttelt, ablaufen würde.
„Man hätte dich berauben können bis auf die Kleider,“ fuhr Kreuz fort.
„Das hättest du nur tun sollen, ich war schon lange für ein Sonnenbad.“ Und listig fügte er hinzu: „Dich vielleicht nicht? Mir war’s doch, als hättest du mir beim Schnarchen Konkurrenz gemacht.“ Danach richtete er sich ebenfalls auf und blickte ihn ganz harmlos an.
Kreuz blieb heiter. „Ja, du, ich musste es dir nachmachen, ob ich wollte oder nicht . . Hat dir etwas geträumt?“
„Du weisst, ich träume grundsätzlich nie, und das erlauben mir meine gesunden Nerven. Die zittern weder beim Wachen noch beim Schlafen. Träume sind nur die Folgen aufgescheuchter Nerven, die das vernünftige und klare Denken in Grübelsucht verwandeln . . in ungesunde natürlich. Und alles ungesunde Grübeln ist mir zuwider. Ich beschäftige mich nur mit realen Dingen. Und deshalb werde ich mir erst einen Tobak anstecken.“
Er rauchte unmenschlich viel Zigarren, und wo es nur anging, qualmte er, selbst auf hohem Bergesgipfel, so dass Kreuz nicht begreifen konnte, wie man stetig Dampf statt Ozon schlucken könne. Nagel jedoch, der die Zigarren fast „frass“, schüttelte bedauernd seinen dicken Kopf und meinte, dass er nun einmal ohne Zigarren nicht leben könne, weil ihr Genuss sein Denkvermögen bereichere. Andere bekämen ihre Ideen beim Weissbier, beim Sekt, beim reinen Alkohol, oder bei faulen Äpfeln, wie man von Schiller behaupte, — er müsse seine Zigarren paffen, um den Gehirnsprudel in Fluss zu halten. Danach biss er die Spitze der hervorgeholten Zigarre einfach ab, spuckte sie aus, wie es seine Gewohnheit war, und gab dem trockenen Kraut Feuer. Alsdann gähnte er noch einmal sehr unmelodisch, wodurch Kreuz angesteckt wurde.
„Du warst natürlich wieder im Paradies, wie ich dich kenne,“ sprach Nagel behaglich weiter. Seine Worte kamen immer aus schiefgezogenem Munde, was ihm stets etwas Aufsässiges gab.
„So halb und halb,“ erwiderte Gabriel mit einem Seufzer. Und ohne weiteres erzählte er seinen Traum.
„Du denkst eben zu sehr an das Vergangene und zu wenig an die Zukunft, lieber Sohn,“ warf Nagel ein. „Ich denke nur an die Zukunft, das ist die einzige Dame, mit der ich ständig verheiratet bin. Und je fetter sie wird, desto verlockender erscheint sie mir. Eure solche Gedankenehe lobe ich mir, weisst du. Denn sie kostet nichts, spornt aber an. Einmal wird mir das fette Weib doch aus dem Dalles helfen, glaubst du? Dann lasse ich die Illusionsdame natürlich sitzen und nehme mir ein frisches Mädel mit greifbaren Reizen. Mit all den Tugenden ausgestattet, die ich nicht besitze . . . Hörst du zu, Gabriel?“
Er hatte sich wieder niedergelassen, seinen vollbäuchigen Rucksack aber vor sich aufgestellt, so dass er sich nun mit dem Ellbogen auf ihn stützen konnte.
Gabriel sann nach. Dann sagte er: „Wir können unsere Lehren immer nur aus der Vergangenheit ziehen, meine ich. Sie ist die Mutter, und die Gegenwart ist ihre Tochter, die die Zukunft als ihr Kind noch unter dem Herzen trägt. Mit Bangen, denn sie weiss nicht, was werden wird.“
Thomas Nagel quetschte die Worte unter der Zigarre hervor. „Sehr geistreich gesagt, lieber Sohn. Dann hätte ich ja recht. Denn siehst du, ein Kind kann man noch erziehen, aus dem kann man noch etwas machen; das ist der Ton, den man kneten kann . . . sich gefügig machen kann. Du bist eben der Mann von gestern, und ich bin der Mann von heute. Du träumst und ich erlebe. Das haben wir schon in München gesehen bei der Resi. Wieder mal hübsch getroffen, nicht?“
Gabriel Kreuz lachte ohne Neid. „Ja, du bist der Mann des Augenblicks, wenig wählerisch und ohne Skrupel, — das heisst, das soll keine Beleidigung sein.“
Thomas blieb unbeweglich. „I, wo werden wir uns denn beleidigen! Wir sezieren uns nur gegenseitig, und das macht Spass. Gute Freunde können sich alles sagen . . . Aber weisst du, mein lieber Gabriel, ich hab mir über den Genuss dieser Welt meine Theorie aufgestellt. Denk’ mal, ich finde auf der Landstrasse eine schöne, duftige Rose einsam stehen. Soll ich vielleicht erst warten, bis der Kerl hinter mir sie in seine schmutzigen Hände nimmt? Nein, mein Sohn, da breche ich sie schon lieber selber. Was du Skrupellosigkeit nennst, ist wohlerwogenes Handeln.“
„Oder auch Selbstsucht?“
„Kann sein. Dann aber nur aus ganz natürlichen Gründen. Zuerst komme ich, und dann kommt der andere.“
„Der andere hätte die Rose aber vielleicht stehen lassen und sich an ihrem Dufte berauscht. Und dann hätten seine Mitmenschen wohl auch etwas davon gehabt.“
Thomas Nagel paffte ruhig weiter. „Der andere wärest du natürlich, mein lieber Gabriel. Das sähe dir ähnlich. Und dein Hintermann lacht dich aus, weil du ihm die schöne Sache aufgehoben hast. Denn Sache ist doch eigentlich alles im Leben. Auch die Menschen, sonst würden sie sich nicht nach Belieben schieben lassen. Zu drollig, dass wir uns immer noch darüber streiten . . . Ich erwarte nun übrigens deinen Vortrag über Träume . . . ich sehe es dir an, dass du da wieder etwas in petto hast. Schiess nur los, — du weisst, dass ich dir gern ins Mystische folge, wenn ich auch keinen Pfennig dafür gebe. Aber du machst die Sache immer so geistreich, lieber Sohn, dass ich mein Vergnügen daran habe. Und dann lerne ich auch dabei — man kann damit so schön imponieren, wenn man gläubige Toren findet.“
Gabriel Kreuz nahm das gar nicht übel auf; er lachte und sagte: „Du bist doch ein Gelegenheitsdieb, wie er im Buche steht.“
Nagel zeigte sich unruhig, denn er wusste nicht recht, was aus den grossen, hellen Augen des andern sprach, die so mutig auf ihn gerichtet waren. Er schnellte gewissermassen empor, im unklaren, ob sein Trick nicht bereits durchschaut sei und dieser unheilbare Idealist ihm die Wirkung der Komödie nicht vorwegnehmen wolle. Aber nein, so blickte keiner drein, der seine Verstellungskunst treiben wollte. Und in diesem Bewusstsein bog er sich wieder zurück und legte dem Worte eine harmlose Bedeutung bei.
„Was heisst Gelegenheitsdieb,“ sagte er pomadig. „Aufpassen, aufpassen heisst die Parole der Gegensünder. Im Kleinen wie im Grossen. Dann würden auch nicht ganze Länder gestohlen werden, was ja nach dem Völkerrecht erlaubt sein soll. Und dein lieber Gott duldet das.“
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