„Es regnet nicht einmal!“ sagt Tinser vergnügt.
Und sie lachen, dass der Tisch wackelt. Der Baron lacht wie ein Enterich in einer geraden Folge von knarrenden Geräuschen, Emely in hohen, steifen Arabesken, die sie mit der Hand zu dämpfen sucht, Tinser jedoch dunkel, ohne Linie, mehr im Innern rummelnd.
Sie steigen in den blanken, sandgelben Wagen. Man merkt es Tinser an, dass er derlei lange nicht gewohnt war. Wieder lacht der Balte und diesmal so, als zöge jemand mit einem Stock an einem Holzgitter entlang.
„Jenuss, bester Tinser! Jenussreiche Umstellung auf den Boden der Tatsachen! Entlassen Kamerad den abjestreiften Ur-Aal ins Meer der Vergessenheit! Hätte Sie gern von Moskwa geholt, aber sie lassen sich passenderweise meinen Mercedes wohl hinein, aber nicht hinaus. Und Eisenbahn-Massenplüsch bringe ich mir einfach nicht unter wertesten a propos. Komfort! Eleganz! Freuen Sie sich, dass Sie weder Einach noch Steinstein haben mitzubrauchen gemacht! Runter von der Leber mit gütigsten Abenteuern! Unerhört pyramidone sensatirische Welt-Clou-Atraktätchen: Heimkehr aus dem Höllenhemd, durch Ia-Jazzband gehoben, polizeilich verlängert. Oder sind Sie etwa noch unentziefert?“
„Doch, doch!“ antwortet Tinser ernsthaft, „aber man weiss nicht —“ und er wirft seine Lammfellmütze hinterrücks über das Polster auf die Strasse. Es tut ihm sofort leid, aber ein Köter schnappt sie und rast damit von dannen.
„Nun musst du dreimal ausspucken, die Finger in die Ohren stecken und sprechen: Glück, Glück, Glück! Das ist Sitte in Deutschland,“ sagt Emely.
Und sie lachen, und sie rauschen dahin. Und Tinser sitzt neben seiner Schwester, von ihrer gemessenen Herzlichkeit gerührt. Sie ist eine Dame geworden, von Überlegenheit und strenger Sauberkeit duftend, und ihre Beine strecken sich lang und kühl in sandheller Farbe, von der Fahrt bebend, über das grüne Wagenleder. Sie begegnet seinem verlorenen Blick und errötet leicht, die Hände über die Knie faltend.
„Papa ist eine Sache für sich. Übrigens ist es Mode so kurz, sie machen es alle mit.“ Ihre Stimme ist eifrig, etwas spröde. „Du musst nicht überrascht sein, wenn Pa nicht — überrascht ist. Seit Hugo gefallen ist, ist er sehr alt geworden und sehr unzugänglich. Es hat ihn mehr als Mutters Tod mitgenommen.“
„Und die Werft?“
„Es ist überall wenig zu tun!“
Tinser fühlt einen schwarzen Vorhang über die Landschaft fallen.
„Da hat es wohl wenig Sinn, nach Haus zu kommen!“
„Oh! Wir freuen uns doch so!“
„Ja, ihr! Hanna und du!“
„Er auch!“ — Sie deutet auf den Mann am Steuer, auf den freundlich aufrechten Nacken.
„Ich gratuliere dir übrigens, ich habe es bislang vergessen!“ sagt Tinser, und nach einer Weile: „Baut er noch Segelschiffe?“
„Nur!“
„Und niemand bestellt welche?“
„Leider! Und Galew —“
„Galew? Wer ist Galew?“
„Auf Galew reimt sich sozusagen alles. Früher Kohlenhändler, jetzt macht er alles, gründet alles, kauft alles, liefert alles.“
Tinser fragt nicht weiter. So steht es also. Tinsers Werft! Er spricht es leise vor sich hin. Besonnte Felder schwingen vorüber. Das Korn steht in Hocken. Es ist schon August. Er sieht in Gedanken die Hellinge darüber ragen, der Hafenqualm schwadet durch die leeren Gerüste, Tinser reckt sich auf.
„Ich werde es übernehmen!“
„Pa lässt niemanden heran!“
Tinser zieht den Nacken zusammen. Die Wunde am Hals wird dunkelrot. So war es doch die richtige Ahnung gewesen, die ihn solange zurückgehalten hat. Er beisst die Zähne aufeinander.
„Gut! Ich werde Professor!“
„Auch schön, ein Akademiker in unserer Familie!“ antwortet seine Schwester mit erzwungener Fröhlichkeit. „Übrigens Alice Rennold ist noch immer in Süd und soll sich da verlobt haben, bei den Verwandten von Rennolds neuer Frau, Halbblut, weisst du. Als sie wegging, Alice, weinte sie richtig, und ich sollte dich grüssen. Denn sie hat fast mehr als wir immer noch an deine Rückkehr geglaubt!“
Der Balte ruft vom Steuer zurück: „Was schäkert ihr da so tiefsinnig!“
„Wir sind Deutsche!“ lächelt sie ihn an. Oh, sie weiss sich zusammenzunehmen. Tinser fühlt es mit Stolz, und es hilft ihm gut, die blonde Erinnerung noch einmal zu begraben.
*
Dann sind sie in Königsberg, in der guten, giebelschönen Stadt. Gefestigt und reinlich legt der scheidende Tag Freude über die gepflegten Strassen. Ja, es ist Deutschland! Backfische kommen eilig aus einer Konditorei, die Münder noch süss von Sahne. Tinser hört es im Hineingehen, wie sie schnippisch von Schularbeiten sprechen, und sie haben Schillers Glocke zu morgen ganz auf. Er steht da und sieht ihnen mit halboffenen Lippen nach.
„Pschakreff!“ lässt der Balte sein Holzgitter errasseln. „Brüderliche Hoheit bringt den Geschmack der Gereiften mit nach Haus; Konfirmandinnen-Flaum auf die alten Stoppeln, das wirkt jeradezu wie Thomasschlacke!“
Emely lacht, sie lacht, fällt ihm ein, wie man in Hamburg lacht, mit dem sittlichen Vorbehalt des Nichtverstehens.
„Nein!“ sagt sie auf einmal. „Wie siehst du bloss mongolisch aus!“
„Nee, nee!“ rasselt der Baron. „Ne jelbe Mandarine am Tinserschen Fichtenast!“
„Es kommt vom Klima, vom Fieber,“ entgegnet Tinser unsicher, „es wird bald abziehen, wir haben oft nur Moos gegessen.“
Sie malen ein Erschauern in Stirnfalten und düsterem Nicken, erwähnen Rübenwinter, Margarine und Dörrgemüse, und er soll erzählen, erzählen. Aber er bringt nichts Rechtes heraus. Als sie weiter in den Abend gleiten, da sieht er auf einmal heftig zur Seite.
„Und dieser Galew?“ knirscht er.
Das Mädchen knickt vornüber, das zarte Tuch vorm Gesicht.
„Joachim!“ schluchzt sie, „vielleicht ist es doch gut, dass du gekommen bist!“
Dunkles Zimmer
Das Zimmer ist fast dunkel. Die Vorhänge sind zugezogen; denn draussen brennt die Nachmittagssonne.
„Nein, nein und nochmals nein!“ donnert sein Vater. Das alte Gesicht schwebt von der Beleuchtung abgeschnitten und blaugrün auf der Vorhemdplatte, die sich aufzuwölben scheint unter der brüchig tobenden Stimme. Der graue Stachel-Spitzbart erstarrt, böse gegen den Sohn gerichtet. Joachim Tinser ragt benommen darüber empor. Einen Augenblick hört man das dunkle Tack-tuck der englischen Uhr. Matt hebt er die gelbliche Hand, aber der alte Herr stösst ihm das Wort von den Lippen: „Tinsers Werft? Mein Junge, lass sie in Ehren sterben, für Leichenfledderer ist sie zu schade!“
„Vater!“
Doch der Alte fährt fort, grausam im eignen Blut wühlend: „Hugo! — Warum ist Hugo nicht wiedergekommen! Du bist nicht dein Bruder! Dich schickt mir das Vaterland zurück, verkommen, entnervt, ohne Kenntnisse und, wie blind ich auch sein will, viel zu spät!“
Der alte Herr sinkt stöhnend in die Tiefe seines Sessels. Tinser ringt sich zusammen: „Lass mich als Arbeiter beginnen, als Lehrling, als der dümmste Handlanger, nur lass mich auf unsere Werft! Ich hab gehört, es ist noch Arbeit da für zehn Mann!“
Sein Vater lacht. Es klingt, als zerberste eine Planke. „Zehn Mann! Gott! Es waren zweihundert! Es waren mal ihrer tausend! Da bauten wir die ‚Bayern‘, fünf Masten, ein Vollschiff, vor dem die Welt sich geneigt hat. Und was machen sie jetzt, die zehn Mann? Kanus machen sie, wie Wilde, wie blutige Wilde. Und wofür sind die? Für das hohle Getändel, ja, für die Dirnerei auf der Alster. Nein, mein Junge, Finger weg von Tinsers Erbe! Hier!“ Er zuckt auf, reisst einen weissen Bogen hervor: „Hier! Zeichne mir einen Fünfmaster, von der Pik bis zum Top, mit allen Spanten, allem stehenden und laufenden Gut, Massen und Berechnungen, in einer Stunde, so wie dein Bruder es konnte, so will ich sagen: Versuch es! — Du bist jetzt über dreissig? Und schon ein wenig grau an den Ohren? Bist du noch Offizier? Hast du deinen Doktor schon? Was willst du denn eigentlich!“
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