Seht das Haus, dort seht —
Verflucht! das nicht! Nicht wieder in die Leichenkiste. Die Schwester? Kleine Alice, schweig! Er flüstert es zärtlich. Er ist jung, ein junger Mann und verliebt; denn Alice Rennold ist blond wie Wiener Tafelbrot. Die Schiffe hüpfen über den Strom. Er schleicht ihr nach. Hinter die Rhododendron, den Schneckenweg entlang. Das weisse Boot hängt in den Davits, sie baden im kühlen Wasser. Er verdurstet noch. Der Mund schwebt vor ihm, zum Küssen lüstern, aber er kann nicht damit trinken, er kann keinen Mund mehr küssen. Es ist keine Zeit. Sie müssen auf die Pferde! Über die Grenze! Es ist Krieg! Sie sind abgesandt! Das Heimweh ist gelacht! Gelacht! Es regnet, ein Fluch, dieser Sumpf! Alles ist durchweicht, das Fleisch, das Brot, die Leichen, der Admiral selbst, selbst die Granaten. Die Mäntel sind weiss von Schimmel, man rupft es ab, es sind ja die Körner, man hätte es längst wissen sollen, Platin auf nassen Ärmeln. Die Maschinen dröhnen über seinem Schädel, über den Wolken, dort in der Zahnplombe. Bagger, he! Bagger, he! Hinein mit ihm! Der Mongole ist wie Gummi. Unversehrt steht er da. Er schiesst! Aber man rutscht einfach fünfhundert Meter ab ins Nebelhafte, man lässt sich einfach los.
Tinser schrickt zusammen, vom Fall betäubt. Er blinzelt um sich, sein Vater ragt schief unter der Pritsche hervor, ein alter Mann, vertuffsteint sozusagen, gelb, quittengelb. Stoierkennt ihn: Der Mann da in der Bahn — ohne Bart — er ist es!
Der Tod verspritzt mein Blut —
Tinser schreit gellend auf. Männer treten herein und heben ihn empor, er wehrt sich nicht. Er wird auf eine Bahre gelegt. Kühl sagt er sich, jetzt wird es geschehen. Nicht in den Nacken! flüstert er. In den Mund! Macht ihn nicht entzwei, den Mund! Er winkt mit der Hand. Ade, ade! Seine Augen sind geschlossen. Viele Tage liegt er schon hier. Er lächelt. Die Bilder der Heimat spielen um sein mageres, von Leiden und Fieber verschattetes Gesicht. Die Wärter setzen ihn nieder. Er reisst den Blick auf, starrt die Wand des Hofes an. Klar kommandiert seine Stimme:
„Legt an! Feuer!“
Im gleichen Augenblick knattert der Motor des Lazarettautos los. Tinser sinkt bewusstlos zurück, die Hand auf der Brust verkrallt.
Dann liegt er in der Klinik, zwei, drei Wochen.
Der deutsche Gesandtschaftssekretär besucht ihn, spricht den Dank des Vaterlandes aus wegen der Brüder dort oben im Ural. Die Moskauer Regierung hätte die Zusicherung bestätigt.
„Und die Stasja Antonowna?“ fragt Tinser.
Der Sekretär zwinkert mit dem Kneifer in der Annahme einer rosigen Herzenssache.
„Die Stasja? Ja, ja!“ lächelt er, um dem Kranken weitere Erklärungen zu ersparen.
„Ja, die Baryschnja!“ nickt Tinser kummervoll und sinkt wieder in sich hinein.
Der Sekretär hat indes noch etwas zu sagen und bringt es heiter und vorsichtig an.
„Sie haben der Sowjetregierung einen grossen Dienst erwiesen. Die Syrjänen-Autonomie hat dort irgendeine Agentin ermorden lassen und macht den Versuch, die Schuld auf zwei ‚weisse‘ Offiziere abzuwälzen. Erklärlich; denn als Sühne wird von Moskau eben jene Platingrube verlangt, die Sie ja gut genug kennen.“
Tinser starrt erschöpft vor sich hin. Die streng-gefügten Turbinen des Geschehens drehen sich und überkreiseln ihn.
Der Sekretär fährt fort: „Ich hab Ihrer Familie gedrahtet. Nur mit Mühe haben wir Sie aus der Gefängnis-Irrenanstalt herausholen können, und nur mit unserer hier beigefügten Erklärung, dass auch wir Sie für unheilbar, jedoch nicht gemeingefährlich krank halten. Beruhigen Sie sich, es ist Formsache. Die Tscheka wird zufällig an Ihnen beweisen wollen, dass sie harmlos, gutmütig und sozusagen gar nicht vorhanden ist. Hier sind Ihre Pässe und Fahrkarten. Unser Agent wird Sie heimlich bis zur Grenze begleiten und Ihnen bei Vorkommnissen zur Seite sein.“
Tinser fragt nicht. Nachmittags kommt ein Telegramm von zu Haus, von seinen Schwestern unterzeichnet. Und er fährt schon denselben Abend.
Heimat
Seine jüngste Schwester wird ihm bis zur Grenzstation entgegenfahren. Die kleine Emely, denkt er, das Kind, in ihrem kurzen Kinderkleid, ungelenk, hanseatisch, wie will sie den weiten Weg ungefährdet zurücklegen. Immerhin wird sie inzwischen ja etwas erwachsen sein.
Er entsteigt dem Zug, gefasst und aufgeräumt. Für sein letztes Geld hat er sich eine schwarze Litewka gekauft und ein Paar kleinfüssige, weisse, hohe Stiefel mit roteingesetztem Lederzierat. Das heisst, letztere will er seiner Schwester mitbringen. Er ist auf nichts Besseres verfallen. Nun steht er da auf dem säuberlichen Bahnsteig. Ein wenig angegriffen und schwindelig noch vom langen Fieber. Es wird auch die Luftveränderung sein. Dies ist schon Deutschland. Die Menge verläuft sich, er sieht sich benommen um. Ein grosses, schönes Mädchen steht in einiger Entfernung, eine strenge, saubere Erscheinung in Grau. Er ahnt, oder möchte wohl ahnen, es wäre seine Schwester. Sie sieht ihn an. Belustigt geht er auf sie zu. Sie wirft die Arme hoch und um seinen Hals, ehe er Zeit hat, seine Fellmütze vom Kopf zu reissen.
„Jonke!“
Er bringt kein Wort heraus. Als zuckte er zusammen unter dem leichten Schlag ihrer Handtasche auf seinem Rücken, so ist es. Sie nennt ihn mit dem Namen, den er seit der Kindheit nicht mehr gehört hat. Alle die Jahre hat er nicht weinen können, an der Leiche jener russischen Schwester nicht und auch nicht in Moskau, als Stoi tot war. Nun steht er da, den Kopf gesenkt, und über seine Wangen laufen haltlos die Tränen, von seinem Kindernamen aufgeschlossen.
„Ach, Joachim!“ sagt sie, und er geniesst unsäglich gerührt den nordischen Klang in ihrer Stimme. Sie nimmt ihr Spitzentuch aus der Handtasche und tupft die feuchten Stellen ab, die auf ihrer Jacke entstanden sind. Sie schluckt auch an etwas, aber sie lässt es nicht hochkommen.
„Schöne Grüsse von Hanna, und sie wäre gern mitgefahren, aber bei dem Haushalt, und da wir nur ein Mädchen haben und Papa so eigen ist —“
„Ja, so, verzeih! Wie gehts euch denn?“
„Ach, so lala!“
„Und der Alte?“
„Ach, Pa ist noch immer der alte. Nun komm, Joachim! Hast du gar kein Gepäck?“
„Nein, nur dies!“
Und er wagt nicht, ihr die lächerlichen Stiefel zu geben. Er geht dahin neben dem schlanken und gutgekleideten Mädchen, sein Sinn ist noch ein wenig wirr. Er war lange fort. Nun ist er auf einmal in Deutschland.
„Du bist sehr gross geworden,“ sagt er bewundernd, und er hofft, sie würde ihn noch einmal Jonke nennen.
„Ja, das kommt mit den Jahren, ich bin nun bald uralt, darum, pass mal auf, wir sind im Auto hier, ist das nicht fein? — Ich bin nämlich verlobt.“
Ein langer Mensch kommt ihnen entgegen, elegant, gewandt und mit einem Monokel blitzend.
„Ubskill!“ sagt er, als stiesse er auf. Das Einglas fällt, er fängt es geschickt und steckt es in die Weste.
„Mein Bruder Joachim!“
Ubskill zieht die Lippen gewinnend voneinander:
„Gruss der Heimat, Kamerad! Leutnant, was? Hier: Balte, Baron, Olaf von, Oberleutnant, gewesen aktiv, elftes zu Fuss, sonst harm- und bodenlos. Wollte noch mal Luft der Väter über Irenze jelehnt beschniefen.“
Tinser lacht gehörig, denn es klingt wahrhaft komisch. Der Baron scheint darauf durchaus erbaut von ihm zu sein. Aber Emely kräust die Nase.
„Du quasselst, Olaf!“ sagt sie glatt.
„Erlaube Täubchen, werte Stimme der Braut! Famoses Schwesterchen, wie? Herr Leutnant werden es vielleicht feenhafter in östlicher Brust bewegt haben. Warte nur, wenn knusprige Fittiche erst mit diversen Kochlöffeln umgürtet sind!“
Sie lachen, sie setzen sich lachend vor das Eydtkuhner Frühstück, vor das Dutzend Spiegeleier mit dem halbpfündigen Speck und vor die Riesenflasche Korn. Tinser ist beglückt und bedrückt zugleich. Die Muttersprache umhüpft ihn so ungewohnt. Man ist hier fröhlich. Sogar der Zollbeamte hat ohne Feierlichkeit durch die Zähne geflötet: ‚Ein Jäger aus Kurpfalz —‘.
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