Er bedauerte, daß er ihn nicht in seiner ehemaligen Muttersprache abkanzeln durfte, auf deutsch klang das alles recht farblos. Der junge Mann stürzte zum Apparat und bat irgendwen namens Jitka, ihm umgehend die Mannschaft zusammenzutrommeln. Nun war Buback allein hier. Er betrachtete den menschenähnlichen Gegenstand, der noch vor kurzem eine lebendige Frau war, und erschauerte. Wer hat das nur tun können? Ein Mensch? Vielleicht sollte man ihn lieber hier den Tschechen lebend als Zuchttier belassen ...
Flüsternd meldete er Ihr, wie er es ausgeführt hat, und vernahm erwartungsgemäß ein Lob. Aus der Kirche trat er als ein neuer Mensch, die unerträgliche Anspannung der letzten Tage war dahin. Er hat es geschafft! Er hat die Schande von Brünn getilgt. Er hat sich Ihres vertrauens würdig erwiesen, und das hieß, daß er fähig war, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen. Noch heute morgen zweifelte er wieder an sich, es schien ihm übermenschlich zu sein. Unglaublich, daß gerade dieses Weib seine Befürchtungen im Nu zerstreut hat! Sie hat in ihm ihren Richter erkannt.
Sein Geist stand also nach Jahren in voller Rüstung da. Er hatte jedoch eine neue Sorge: Ihm schien, als lasse sein Körper ihn immer öfter im Stich. Mochte er auch noch so lange ausruhen, ihm war, als habe er einen Gewaltmarsch hinter sich. Doch selbst Dabei mußte er nicht einmal Widerstand überwinden. Woher dann dieser Schwächezustand, warum zog ihn selbst das leichte Gepäck zu Boden?
Die Erklärung, die sich sogleich einstellte, war so einfach, daß er lachen mußte. Aus dem Torweg eines Hauses führte eine Frau ein Rad, im Gehen in eine Brotkante beißend, und sogleich krampfte sich schmerzhaft sein Magen zusammen. Ja! wurde ihm bewußt, er hat seit gestern vor Aufregung weder gegessen noch getrunken!
Er setzte die Last auf dem Gehsteig ab und zog ein altmodisches Portemonnaie aus der Gesäßtasche seiner Arbeitshose. Aber ja doch, Lebensmittelmarken hat er selbst jetzt, in der Monatsmitte, noch reichlich, in den letzten Tagen hat er sich ja kaum um sich gekümmert. Damit muß Schluß sein! Wenn er bestehen und die Höchste aufgabe weiterhin erfüllen soll, braucht er Kraft!
Er sah sich auf der unbekannten Straße um und war keineswegs überrascht, als er auf der anderen Seite, gleich gegenüber, ein Restaurant erblickte. «Zum Engel»? Wie passend! Sein Körper war sofort wieder da, das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
Hauptkommissar Beran hatte ein hervorragendes Alibi. Bei einem Haus im Vorstadtviertel Pankrác, unter dessen Schuttmassen zumeist Angehörige von Männern verschiedener deutscher Dienststellen begraben lagen, war er auf den Konvoi von Karl Hermann Frank gestoßen, dem ewig zweiten Mann im Protektorat, der dafür alle Ersten gesund und munter überlebte. Der befahl ihm, ihn über die ganze Trasse des Luftangriffs zu begleiten. Als ein Beauftragter von Polizeipräsident Rajner Beran ausfindig gemacht hatte, um ihm Standartenführer Meckerles Befehl zu überbringen, schüttelte Frank nur kurz den Kopf.
Der Bericht der Gestapo, der eine Stunde später eintraf, sorgte jedoch dafür, daß der knochige Mann mit dem steinernen Gesicht zum erstenmal außer sich geriet.
«Ekelhafte Schweinerei!» schrie er den Hauptkommissar an, als habe er in ihm soeben den Schuldigen für den Luftangriff entdeckt, «ich erwarte, daß Sie den Täter unverzüglich dingfest machen lassen! Und ich wünsche Ihren Landsleuten, daß er ein Perverser ist und nicht so ein beschissener Widerständler, der versucht hat, den Prager Deutschen Angst einzujagen. Sonst würde ich rasch dafür sorgen, daß die Tschechen bis zum Jüngsten Tag nicht mehr aus dem Schlottern rauskommen!»
Beran fuhr stracks zum Tatort, fand dort aber nur einen Polizisten vor verschlossenem Haus, der gerade im Aufbruch war. Die Einsatzgruppe habe soeben Schluß gemacht, meldete er, und die Überreste seien in die Pathologie geschafft worden. Was denn für Überreste? Der Wachmann hatte sie selber nicht gesehen, und seine Schilderung aus zweiter Hand mutete wie die Ausgeburt einer kranken Phantasie an. Der Hauptkommissar begab sich also weiter zur Bartolomějská-Gasse und zerbrach sich den Kopf, wen er auf den Fall ansetzen sollte. Seinen besten Mordfachmann hatte man während der Heydrich-Affäre erschossen, Billigung des Attentats! und seine beiden ältesten Experten lagen mit Grippe darnieder. Froh war er, daß gerade der eifrige Morava in der Not eingesprungen war, er hoffte nur, der habe mit seiner mährischen Sturheit kein Malheur heraufbeschworen.
Der Kriminaladjunkt saß ihm dann am Schreibtisch gegenüber und las, da die Fotos noch nicht vorlagen, aus seinem Heft Dinge vor, die den an alles gewöhnten Verstand des Chefs offensichtlich stocken ließen.
«Zu a: Das Opfer, eine Frau, fünfundvierzig Jahre alt, sehr gepflegt und gut erhalten, hat ihrem Mörder offenbar nicht den geringsten Widerstand entgegengesetzt, abgesehen von den weiter unten genannten Verstümmelungen weist sie weder Abschürfungen auf noch unter ihren Fingernägeln Kampfspuren von seiner Haut;
zu b: Der Täter hat ihr mit mehreren breiten Klebestreifen, wie sie jetzt zur Sicherung von Fensterscheiben gegen Druckwellen verwendet werden, nicht nur den Mund, sondern auch die Vagina verklebt; dem ersten ärztlichen Augenschein nach wurde sie nicht vergewaltigt;
zu c: Der Täter, den Hautabschürfungen nach zu schließen, fesselte das Opfer mit Riemen rücklings auf dem Eßtisch, so daß der Kopf über den Rand ragte; unter der Tischplatte schnürte er ihr an den Knöcheln Hände und Füße zusammen;
zu d: Der Täter trennte beide Brüste unmittelbar am Brustkorb ab und legte sie neben dem Opfer auf eine ovale Servierplatte, die er dem verglasten Geschirrschrank entnahm;
zu e: Der Täter schlitzte dem Opfer den Bauch von der Brust bis zur Scheide auf, holte den kompletten Dünndarm heraus, rollte ihn geschickt zu einem Knäuel und legte ihn in eine Suppenschüssel;
zu f: Der Täter schnitt dem Opfer den Hals bis zum Rückenmark durch, durchtrennte ihn aber nicht ganz, so daß der Kopf unter der Leiche hängenblieb und das Blut in ein Messinggefäß lief, aus dem der Täter zuvor einen Blumentopf samt Gummibaum entfernt hatte;
und schließlich zu g: Auch der Arzt konnte bei der ersten Leichenschau nicht ermitteln, in welcher Phase der Folter das Opfer gestorben war. Dessen aufgerissene Augen», fügte Morava, sein Heft zuklappend, hinzu, «brachten uns jedoch zu der gemeinsamen Vermutung, daß dies leider nicht sofort geschah!»
Der Chef reagierte ähnlich wie Morava am Tatort.
«No servus! Der Traum eines wahnsinnigen Metzgers?»
«Beziehungsweise eines Chirurgen ...»
«Und die Deutschen kamen auf die Idee, das wäre ein Werk des Widerstands?»
«Denen genügte, daß der Täter ein Tscheche war.»
Der Hauptkommissar begann, die stenografischen Notizen durchzugehen, die er sich während des Referats gemacht hatte.
«Wird etwas vermißt?»
«Die wertvollen Schmuckstücke an den Händen und am Hals des Opfers sind alle da. Weitere Wertgegenstände und eine große Summe Bargeld wurden in der Handtasche der Frau und in ihrem Luftschutzgepäck an der Wohnungstür sichergestellt.»
«Wie ist der Mörder in die Wohnung gelangt?»
«Sie muß ihm selbst aufgemacht haben. Die Schlüssel steckten von innen im Schloß, beim Weggehen hat er die Tür einen Spalt offengelassen.»
Gespannt sah Morava zu, wie Beran seine gefürchteten Fragezeichen wegstrich. Alle richtig zu beantworten, das war die ganze lange Zeit in diesem Haus das Ziel seines Ehrgeizes gewesen. Bis jetzt hatte er es nie geschafft, heute fühlte er sich diesem Ziel am nächsten. Er nahm sich vor: Wenn es ihm gelingt, wird er sich heute auch Jitka offenbaren, bevor irgendein anderer mit ihr anbandelt!
«Wird das Haus nicht abgeschlossen?»
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