«Der Herr Standartenführer wollte wissen, ob Sie darin irgend jemandes Handschrift erkennen?»
Morava blickte wieder auf die Leiche. Die Übung hatte gesiegt, er war in der Lage, in ihr das bloße Objekt einer Amtshandlung zu sehen. Die bizarre Art, in der der Mörder mit ihr umgegangen war, erinnerte ihn an nichts, was er in seinen wenigen Lehrjahren gelesen oder erfahren hatte. Er schüttelte den Kopf. Der Mann fragte weiter.
«Hat es hier eine Sekte gegeben, die zu so einer Tat fähig wäre?»
Zu dumm, daß er darauf nicht gekommen war. Ja, dahinter konnte sich ein Ritus verbergen, aber welcher? Aus der nationalen Geschichte war ihm nichts Derartiges bekannt.
«Ist mir nicht bewußt.»
«Wo steckt Ihr Chef überhaupt?» tobte der Vierschrot ungeduldig los.
Früher, als Morava noch unter Brüllen litt, hatte er immer versucht, sich die Schreiaffen ohne Kleider vorzustellen. Das klappte auch jetzt. Vor ihm stand ein gemästetes Schwein, das ihm keine Angst einflößte.
«Mit allen anderen Kollegen auf Besichtigung», erklärte er ihm, «die Stadt ist zum erstenmal bombardiert worden.»
«Ach nein!» der SS-Mann wurde wieder giftig, «das haben wir kaum bemerkt! Wissen Sie, was Bombardieren heißt, Mensch? Schauen Sie sich Dresden an!»
Er wirkte plötzlich fast beleidigt. Morava vergegenwärtigte sich die Waschbecken und Klosettschüsseln, die aus der Wand des Eckhauses ragten und kurz zuvor noch von den Bewohnern benutzt worden waren. Die haben es bestimmt bemerkt! Die wächserne Leiche auf dem Tisch, dieser ganze panoptikumähnliche Altar holte ihn in die Gegenwart zurück.
«Der Herr Polizeipräsident hat Weisung erteilt, nach dem Hauptkommissar suchen zu lassen, er wird bestimmt bald zur Stelle sein.»
Wiederum schaltete sich der Sachliche ein. Schlank, mittleren Alters und schon mit ergrauten Schläfen, sah er am besten von allen aus und unterschied sich von ihnen nachdrücklich in Benehmen und Tonfall.
«Werden Sie ihn abwarten oder die Fahndung selbst einleiten? Wie schnell werden Sie eine Gruppe beisammenhaben?»
Klar, ein Kollege! Noch einmal versuchte Morava, ihm die Sachlage zu erläutern.
«Laut Instruktionen ist unsere Polizei nur berechtigt, die Straftaten von Tschechen zu untersuchen ...»
«Die hier wird sie übernehmen.»
«Aber das Opfer», wandte er ein, «ist doch eine Deutsche!»
«Leider. Nur ist der Mörder ein Tscheche. Der Hausmeister ist ihm begegnet.»
Morava stand sprachlos da. Instinktiv hatte er auf einen deutschen Flüchtling oder Deserteur getippt, der seiner Landsmännin durch Folter Geld und Schmuck hatte abpressen wollen. Eine derartige Fleischhackerei hatte hierzulande keine Wurzeln.
«No nazdar!» seufzte er.
Oberkriminalrat Buback war für seine neue Wirkungsstätte in Prag, wohin man ihn im Verlauf des Krieges von Antwerpen über Straßburg abkommandiert hatte, nicht nur mit langjährigen Erfahrungen auf seinem Gebiet, sondern auch mit perfekten Tschechischkenntnissen gerüstet.
Der unwillkürliche Stoßseufzer des jungen Tschechen belustigte ihn. Er stellte sich vor, was ihm in nächster Zukunft alles zu hören beschieden sein würde. Daß Standartenführer Mekkerle diesen Fall der tschechischen Protektoratspolizei aufhalste, war einer seiner meisterhaften Schachzüge, derentwegen er sich höchster Gunst erfreute.
Den Anlaß für dieses Vorgehen lieferte beileibe nicht die Nationalität von Täter und Opfer. Die Familie von Pommeren stand in einem zwielichtigen Ruf: Neben der allgemeinen Vorsicht dem zumeist hochnäsigen Adel gegenüber, gab es berechtigte Zweifel an ihrer Loyalität zum Führer.
In den Augen der Tschechen stellte die Baronin jedoch logischerweise die deutsche Elite dar, ihre Ermordung war dazu angetan, neue blutige Vergeltung heraufzubeschwören. Das kam freilich nicht in Betracht, es war nicht klug, die einheimische Bevölkerung eines Raumes zu reizen, der bald zum Schauplatz des entscheidenden Zusammenstoßes Deutschlands mit seinen Feinden werden sollte.
Gerade vor dem Einsatz der kriegsentscheidenden Vernichtungswaffe, die sich im letzten Teststadium befand, wußte Meckerle, war es notwendig, in diesem Gebiet unter allen Umständen die Ordnung aufrechtzuerhalten. Und dazu gehörte die vollständige Kontrolle der hiesigen Polizei, die nach der Auflösung des kleinen, aber unzuverlässigen tschechischen Protektoratheeres nicht nur über ein gewisses Waffenarsenal – das spielte keine ernsthafte Rolle –, sondern vor allem über ein gutes Kommunikationsnetz verfügte.
Die Aufklärung dieses Mordfalls wird ihr als Aufgabe von allerhöchstem Interesse übertragen werden. Möge sie sich selbst als Geisel fühlen! Einen Täter dieser Art sucht man wie eine Stecknadel im Heuhafen, hatte Meckerle sich von Buback versichern lassen. Im Nacken werden wir ihnen sitzen! Die Sporen werden wir ihnen geben und zugleich die Zügel straff ziehen! Und durch Sie, so hatte er es zuvor Buback vor der verunstalteten Leiche wie an der Schultafel dargelegt, werden wir sie dabei ins Visier kriegen!
«Frau Elisabeth von Pommeren», belehrte jetzt der Oberkriminalrat die Tschechen, «war nicht nur Angehörige des ältesten deutschen Adels, sondern auch die Witwe eines Generals der Wehrmacht, dem posthum das Ritterkreuz verliehen wurde. Deswegen machen wir von der Verordnung über die Sicherheit im Protektorat Böhmen und Mähren vom 1. September 1939 Gebrauch, Teil zwo, Paragraph 12, nach der, ich zitiere, ‹die Polizeibehörden des Protektorats den fachlichen Weisungen der deutschen Kriminalpolizei zu entsprechen haben›, Zitatende. Es steht zudem zu erwarten, daß der Herr Reichsprotektor auf die Ergreifung des Täters eine Belohnung aussetzt. Der Mörder muß ausfindig gemacht werden. Laschheit wird als Sabotage angesehen und kann unabsehbare Folgen zeitigen!»
Wie für Meckerle war auch für ihn dieser Grünschnabel kein Partner, der bei seiner emsigen Schreiberei fast die Zunge herausstreckte, dabei war Buback aber überzeugt, daß er alles genau nach oben weiterleiten würde. Vor dreiunddreißig Monaten hatten hier Tausende von Geiseln mit ihrem Kopf für den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich bezahlt, der bei einem Attentat getötet worden war. Ein Tscheche konnte sich bestimmt vorstellen, was für ein Gemetzel dieses Massaker da hervorzurufen vermochte, falls man ihm politische Motivation beimaß.
«Wünschen Sie, daß Ihre Leute die Spuren sichern?» fragte der junge Mann überraschend sachlich.
«Wir wünschen», polterte Meckerle von neuem los, «daß Sie diese Bestie rasch unters Beil bekommen, wie, das ist Ihre Sache! Oberkriminalrat Buback wird Ihnen dabei auf die Finger schauen. Fehler oder Verschleppungen, für die er nicht verdammt gute Gründe findet, werde ich persönlich auf die Burg und nach Berlin melden!»
Des Standartenführers Ausbrüche brachten sogar dessen eigene Leute oft aus der Fassung. Buback hat es gereizt, daß dieser Knabe sich wieder nur räusperte.
«Ich verstehe. Darf ich das Telefon benutzen?»
Meckerle zog sich die Handschuhe an.
«Richten Sie Ihrem Vorgesetzten aus, daß ich seine Abwesenheit hier nur ganz ausnahmsweise entschuldige. Morgen Punkt acht null null erwarte ich in der Bredauergasse seinen persönlichen Rapport über den Stand der Fahndung. Und zwar», er vermochte seine Stimme noch zu steigern, «auch wenn der Donner kracht und Bomben fallen!»
Buback vergegenwärtigte sich, daß in diesem Augenblick vielleicht weitere Bomben auf sein geliebtes Dresden fielen. Ob die Wände noch stehen, in denen er so lange glücklich war? Kaum. Und eigentlich auch schon egal! Nachdem die anderen draußen waren, ließ er seine Gereiztheit an dem Tschechen aus.
«Was glotzen Sie hier herum? Das Telefon ist im Korridor, wetzen Sie hin und sorgen Sie dafür, daß die Sache in Gang kommt. Wir haben hier nichts angefaßt, nun geht es bereits um Ihren Hals!»
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