In den Düsseldorfer Leitsätzen lehnte die CDU jede Planung und Lenkung von Produkten, Arbeitskraft und Absatz ab 75– das war, in knappen Worten, der Kern von Erhards Konzeption und zugleich so etwas wie »eine programmatische Plattform für das Zusammengehen mit der FDP« bei einem entsprechenden Wahlergebnis im Herbst. 76Auch mit den weiteren Ausführungen konnten sich die Liberalen gewiss anfreunden. Der Verbraucher sollte als Schiedsrichter über Verlust und Gewinn, über Wohl und Wehe der Unternehmen entscheiden, nicht der Staat. 77Das ungebrochene Vertrauen von Erhard und seinen Anhängern in die regulierende Kraft eines freien Marktes prägte das Programm – und die tiefe Skepsis gegenüber allen planwirtschaftlichen Konzepten: »Die Planwirtschaft kann weder das Problem der höchstmöglichen Produktion noch das Problem einer gerechten, zugleich effizienten Verteilung der Rohstoffe und Erzeugnisse meistern. Sie kann letzten Endes nicht auf die staatliche Lenkung des Absatzes verzichten und beschränkt damit den Verbraucher in der freien Bestimmung über sein Einkommen. Statt einer freiheitlichen Ordnung entsteht mit zwingender Folgerichtigkeit die Diktatur oder das Chaos.« 78
Diktatur oder Chaos – die düsteren Begleiter der Planwirtschaft. War dies nicht eine ungemein geschickte Diskreditierung der sozialdemokratischen Wirtschaftsvorstellungen? Wurde die SPD nicht auf diese Weise in die Nähe der verabscheuten stalinistischen wie der nationalsozialistischen Diktatur gerückt beziehungsweise mit dem Chaos des Schwarzen Marktes in Verbindung gebracht? Mit der Verabschiedung ihrer »Düsseldorfer Leitsätze«, die weit über die CDU der britischen Zone hinauswirkten, und mit ihrer Wahlkampfparole »Planwirtschaft oder Marktwirtschaft?« legte die Union den Schwerpunkt ihres Wahlkampfs jedenfalls ganz eindeutig auf wirtschaftspolitische Themen. In zahlreichen Reden gingen ihre Politiker die Sozialdemokraten, mit denen sie auf Landesebene in etlichen Koalitionen einträchtig zusammengearbeitet hatten oder noch zusammenarbeiteten, scharf an, versprachen zugleich, dass eine Regierung unter christdemokratischer Führung die vorhandene Not weiter tatkräftig lindern, den Vertriebenen helfen, den Wohnungsmangel beseitigen und den privaten Wohlstand mehren werde. 79Warum diese verbale Aggressivität, diese Versprechungen? War man denn im Sommer 1949 noch nicht über den Berg? Nein, davon konnte wirklich nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil.
Zunächst war es nämlich keineswegs so, dass die weitere wirtschaftliche Entwicklung nach Überwindung der ersten schweren Anpassungskrise im November/Dezember 1948 Erhard als Initiator der Wirtschaftsreform unmittelbar recht gegeben hätte. Vor allem ein Problem ließ sich nur schwer in den Griff bekommen und belastete die Wahlkampagne der Union erheblich: Ein Jahr nach der Währungsreform, im Juni 1949, gab es 1,23 Millionen registrierte Arbeitslose, und dieser Strom schwoll immer noch an, weil heimkehrende Kriegsgefangene sowie Flüchtlinge und Vertriebene das Heer der Arbeitsuchenden ständig vergrößerten. 80Da blieb nur übrig, an den Mut zur Zukunft zu appellieren, den Bürgern Zuversicht zu vermitteln. Und gerade darin war Ludwig Erhard in den Sommerwochen 1949 so erfolgreich wie kein anderer Parteipolitiker neben ihm. Erhard – und nicht Adenauer – entwickelte sich zum begehrtesten Redner im Wahlkampf 1949. Wo immer er auftrat – damals noch nicht so füllig, aber mit dem unverwechselbaren rundlichen Gesicht, schon mit glimmender Zigarre, jenem später so zugkräftigen Symbol, das an rauchende Schornsteine, an Prosperität und damit an heimeligen Wohlstand erinnerte –, zog er die Massen an. Stets verkündete er: »Nicht eine gleichmäßige Verteilung der Armut des deutschen Volkes steht zur Debatte, sondern die Frage: Wie führt man das deutsche Volk aus seiner Armut heraus?« 81Und er ließ niemand im Unklaren darüber, dass er den Weg kenne. Offenbar glaubte man ihm.
Seine Popularität wuchs rasch. In einer Meinungsumfrage des Bielefelder Emnid-Instituts vom Juni 1949 in allen drei Westzonen hatten zwar nur 35 Prozent der rund 3000 Befragten einen Politiker mit Namen genannt, den sie in der kommenden Bundesregierung zu sehen wünschten; in dieser Gruppe aber rangierte der Name Ludwig Erhards ganz oben, direkt hinter Kurt Schumacher und deutlich vor Konrad Adenauer. Ob dies den Alten von Rhöndorf berührte oder ihm gleichgültig war, wissen wir nicht. Sicher ist, dass nun mit einem Schlag eine unterschwellig ja schon früh vorhandene Spannung sein Verhältnis zu Erhard zu belasten begann. Erhard erinnerte sich später: »Ich weiß nicht, ob die Einstufung Konrad Adenauers auf den dritten Platz mit eine Ursache dafür war, daß sich unser Verhältnis offensichtlich etwas komplizierte. Dies ging aber während des Wahlkampfes und der Bildung der ersten Bundesregierung nie so weit, daß die Öffentlichkeit davon Kenntnis erhielt.« 82
Allerdings ließ Erhard nicht den geringsten parteipolitischen Ehrgeiz erkennen, war tatsächlich kein ernsthafter Rivale, den Adenauer hätte beachten, gar eifersüchtig überwachen müssen. Andererseits ließ sich Erhard aber auch nicht parteipolitisch einbinden. Obwohl er sich in Königswinter zur Union bekannt hatte, sie im Wahlkampf tatkräftig unterstützte – nicht umsonst führte die SPD ihren Wahlkampf unter der Parole »Prof. Erhard – CDU ruiniert die Wirtschaft. Wer SPD wählt, wählt den Aufbau« 83–, wurde er nicht formell Mitglied der Partei. 84Verblüffenderweise verband Erhard die Übernahme einer Kandidatur für die CDU im Wahlkreis Ulm-Heidenheim gerade nicht mit einem Parteieintritt. Das Parteibuch war für ihn zweitrangig. 85Dass er nicht in Bayern antrat, hing wohl mit seinen unerquicklichen Erfahrungen während der dortigen Ministerzeit zusammen.
Außerdem stand er ursprünglich der FDP ja auch viel näher als der Union; das mag dabei ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Auf Vorschlag der Liberalen war er zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft gewählt worden – sie hatten ihn immer unterstützt. Mit dem damaligen FDP-Vorsitzenden Theodor Heuss – und seiner Frau Elly Heuss-Knapp und deren Freundin Toni Stolper – war er befreundet, mit dem Vorsitzenden der bayerischen FDP Thomas Dehler gut bekannt. Kurz vor der endgültigen Annahme seiner Bundestagskandidatur für die CDU in Ulm-Heidenheim hatte sich Erhard im Juni 1949 in Stuttgart mit führenden Vertretern der FDP, mit Heuss, Reinhold Maier, Wolfgang Haußmann getroffen, ihnen etwas verschämt seine Überlegungen erläutert. Wie Thomas Dehler später – 1965 – dem Journalisten Alfred Rapp schrieb, habe Erhard damals erklärt, »er müsse zur CDU, um ihr liberale Korsettstangen einzuziehen, der Unterstützung der FDP in seiner Wirtschaftspolitik sei er an sich gewiß …« 86Nur mit den stärksten Bataillonen, mit der CDU im Rücken würde sich – wie Erhard klar erkannte und kurz vor Eröffnung des Bundestagswahlkampfes recht offen Reinhold Maier, Thomas Dehler, Theodor Heuss in handschriftlichen Briefen schrieb – seine Wirtschaftskonzeption gegen den anhaltenden, massiven Widerstand der SPD durchsetzen lassen. Das kleine Fähnlein der Liberalen allein wäre dazu niemals in der Lage gewesen. Also musste er sich, so unwohl er sich dabei fühlte, von den Freien Demokraten distanzieren, die dort in ihn gesetzten Erwartungen enttäuschen. Nach der klärenden Aussprache mit Heuss – beide versprachen, sich im Wahlkampf in Württemberg wechselseitig in einer Art Lobekartell zu unterstützen –, mit Maier und Haußmann konnte Erhard sich nun verstärkt darum bemühen, vor den Wählern die Soziale Marktwirtschaft, seine Person und die Union als Einheit darzustellen. Vermutlich ist ihm das gelungen, wie er rückblickend feststellte:
»Im Wahlkampf 1949 war ich wohl der ›Matador‹ der CDU, denn seinerzeit verfügte Adenauer noch nicht über die Geltung späterer Jahre. Der erste Wahlkampf ist praktisch nur um die Soziale Marktwirtschaft geführt worden und um die Probleme, die sich darum herumrankten, wie Preise, Selbständigkeit, Freiheit … In jenem ersten Wahlkampf waren ›Soziale Marktwirtschaft‹ und ›CDU‹ zu einer Identität geworden. Ich weiß gar nicht, ob ich den Namen CDU häufig verwandt hab. Jedermann wußte indessen, daß ich für die CDU spreche. Ich galt im Lande als der Verkünder der Sozialen Marktwirtschaft.« 87
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