Einige Personen waren natürlich unumstritten. »Keine Diskussion gab es über Namen wie Fritz Schäffer von der CSU und natürlich Ludwig Erhard«, erinnerte sich Eugen Gerstenmaier später. 114Schäffer wurde Finanzminister, Erhard, wie abgesprochen, Bundeswirtschaftsminister.
Natürlich Ludwig Erhard. In seiner ersten Regierungserklärung, die der neue Bundeskanzler am 20. September 1949 in der umgebauten ehemaligen Pädagogischen Hochschule vortrug, trat Erhards Bedeutung für diese erste Regierungsbildung sehr deutlich hervor. Schon in den ersten Passagen sprach Adenauer die Frage der Kontinuität an. Woran sollte er anknüpfen? An das Dritte Reich? Unmöglich! An die letzten Reichskanzler vor Hitler, an Franz von Papen, Kurt von Schleicher? Etwa an seinen ehemaligen Partei-»Freund« aus der Zeit des Zentrums, an Heinrich Brüning, dem er selbst eine Rückkehr aus dem Exil in Harvard und damit alle Chancen auf ein Comeback vorsorglich verbaut hatte? Das schien nicht sinnvoll, der Graben zu tief, unüberbrückbar. Nein, Adenauer knüpfte an etwas viel Näherliegendes, an die jüngste Vergangenheit an – den Wirtschaftsrat in Frankfurt, an Erhards »Soziale Marktwirtschaft«. Er erklärte:
»Meine Wahl zum Bundeskanzler, meine Damen und Herren, und die Regierungsbildung sind eine logische Konsequenz der politischen Verhältnisse, wie sie sich in der Bizone infolge der Politik des Frankfurter Wirtschaftsrates herausgebildet hatten. Die Politik des Frankfurter Wirtschaftsrates, die Frage ›Soziale Marktwirtschaft‹ oder ›Planwirtschaft‹ hat so stark unsere ganzen Verhältnisse beherrscht, dass eine Abkehr von dem Programm der Mehrheit des Frankfurter Wirtschaftsrats unmöglich war. Die Frage: ›Planwirtschaft‹ oder ›Soziale Marktwirtschaft‹ hat im Wahlkampf eine überragende Rolle gespielt. Das deutsche Volk hat sich mit großer Mehrheit gegen die Planwirtschaft ausgesprochen. Eine Koalition zwischen den Parteien, die die Planwirtschaft verworfen, und denjenigen, die sie bejaht haben, würde dem Willen der Wähler geradezu entgegengerichtet sein …« 115
Da sich der SPD-Vorstand noch zwei Wochen nach der Bundestagswahl auf die sogenannten Dürkheimer 16 Punkte festgelegt hatte und darin erneut für »Planung und Lenkung der Kredite und Rohstoffe«, für »Politische und wirtschaftliche Entmachtung des großen Eigentums und der Manager durch Sozialisierung der Grundstoff- und Schlüsselindustrien« eingetreten war 116, wirkte Adenauers Argumentation durchaus stichhaltig. Die Gegensätze zwischen Regierung und Opposition waren gerade auf dem Sektor der Wirtschaftspolitik so krass, so unüberwindlich, dass eine Einigung hier vorerst gänzlich ausgeschlossen blieb.
Nach dieser Rede, überhaupt nach den Ereignissen vom Herbst 1949 gewann Ludwig Erhard – nicht zu Unrecht – immer stärker den Eindruck, er habe noch vor Gründung des westdeutschen Teilstaates und bevor Konrad Adenauer weithin sichtbar die nationale Szene dominierte, wichtige, ja grundlegende Schritte in eine richtige Richtung getan, dabei immer mehr Menschen überzeugen können und so die Geschicke Westdeutschlands, die wesentlichen Weichenstellungen, schließlich die Wahlentscheidung vom August mit all ihren Konsequenzen maßgeblich mit beeinflusst. Zweifelsohne setzte er darauf, dass der neue Bundeskanzler seine Leistung künftig honorieren, ihm ein väterlich-wohlgesinnter Freund sein werde. Erhard hoffte einmal mehr wie schon bei Vershofen, einen Partner gefunden zu haben, mit dem er als nahezu gleichwertiger, gleichrangiger Teilhaber würde erfolgreich zusammenarbeiten können. Alle diesbezüglichen Erwartungen sollten allerdings nach der Regierungsbildung rasch enttäuscht werden. Während für ihn die Verbindung mit dem Kanzler fast die Züge einer Liebesheirat besessen hatte, war sie für diesen allenfalls eine Vernunftehe gewesen. Die Zeit der reibungslosen Kooperation, der wirklichen oder scheinbaren Harmonie zwischen beiden währte nur kurz – von nun an sollten immer stärker interne Auseinandersetzungen, allmählich wachsende Spannungen das weitere Leben der beiden so unterschiedlichen Politiker prägen und ihre nach außen so ungemein erfolgreiche Zusammenarbeit bestimmen.
Ludwig Erhard war allerdings im Sommer und Herbst 1949 nicht allein mit dem aufreibenden Wahlkampf und der durchaus aufregenden Regierungsbildung beschäftigt gewesen, sondern hatte auch noch Zeit für den Versuch gefunden, einem bedrängten Freund zu helfen. Der Freund hieß Otto Zöllner und war einer der Geschäftsführer der 1879 gegründeten Rosenthal Porzellanmanufaktur im oberfränkischen Selb nahe der tschechischen Grenze. 1934/35 wurden der alte jüdische Gründer Philipp Rosenthal, seine 35 Jahre jüngere arische zweite Ehefrau Maria und ihr Sohn – der ebenfalls Philip hieß, den sie in die Ehe mitbrachte und der von einem jüdischen Vater abstammte – in einem schmutzigen Arisierungsprozess, bei dem auch mit dem Einzug der Pässe durch die Gestapo operiert worden war, um ihre Firmenanteile gebracht und aus der Firmenleitung gedrängt. 117Adalbert Zöllner wurde allerdings 1936 vom Bayreuther Gauleiter Fritz Wächtler »wegen politischer Unzuverlässigkeit und angeblicher halbarischer Eigenschaften als Vorstand der Rosenthalfabrik entlassen«, während sein Bruder Otto zum Vorstand und technischen Direktor aufstieg. 118
Der hochbetagte Philipp starb darüber, der junge Philip ging nach England und war im Foreign Office in der Propagandaabteilung tätig, die Mutter zog nach Frankreich und heiratete einen Comte de Beurges, mit dem sie während der Vichy-Regierung zeitweilig versteckt an der Côte d’Azur lebte, wo der Graf 1945 starb. Nach dem Krieg strengte sie zusammen mit ihrem Sohn, dem jungen Philip Rosenthal, ein Rückerstattungsverfahren gemäß Militärregierungsgesetz Nr. 59 an. Der Historiker Jürgen Lillteicher, ehemaliger Leiter des Willy Brandt-Hauses in Lübeck und seit 2018 Leiter des Alliierten Museums in Berlin, hat die ganze Entwicklung bis in die Nachkriegszeit in seiner Studie Raub, Recht, Restitution ausführlich nachgezeichnet, sodass hier eine kurze Skizze genügt. Die Rolle von Ludwig Erhard wird hier allerdings etwas intensiver und anders beleuchtet, als das Lillteicher getan hat, wir kommen darüber – mit Blick auf das Ende der Geschichte, das bei Lillteicher nicht aufscheint – auch zu einem etwas anderen und weniger abwertenden Urteil. 119
Ludwig Erhard war, wie bereits deutlich geworden ist, der Porzellanindustrie seit seinen Nürnberger Institutszeiten und keineswegs allein seit Elsass-Lothringen eng verbunden. Sie war für ihn eine der Schlüsselindustrien, denn gutes Geschirr mit schönem Design gehörte für ihn zur bürgerlichen Lebensqualität eines jeden Konsumenten. Zu Beginn des Krieges hatte er im Auftrag der deutschen Porzellanhersteller mehrere Berichte und Gutachten über den Zustand und die Marktchancen dieser Branche angefertigt. Nur ein Hersteller hatte sich anfangs geweigert, ihn zu beauftragen – die Rosenthal Porzellanwerke. Sie wurden von ihren Kollegen überstimmt. Nachdem seine Studien vorlagen, erhielt er im März 1941 ein Schreiben, worin stand: »Wir haben inzwischen Ihre Berichte gelesen. Diese sind mit einer außerordentlichen Klarheit abgefaßt und geben uns wertvollstes Material für die Führung unserer Betriebe. Wir möchten Ihnen bei dieser Gelegenheit für die Arbeit unsere volle Anerkennung aussprechen; wir werden gern von den in den Berichten gegebenen Anregungen im weiten Umfang Gebrauch machen.« Am 13. März berichtet Erhard in einem Brief spürbar erfreut Vershofen von der positiven Stellungnahme des Rosenthal-Vorstands: »Nachdem der ursprüngliche Widerstand ja bekanntlich von dieser, der Rosenthal-Gruppe ausging, ist diese positive Einstellung doch mehr als beachtlich.« 120
Das war der Beginn einer intensiveren Zusammenarbeit und vermutlich auch der einer persönlichen Freundschaft mit einem der wichtigsten Köpfe des Unternehmens, mit Otto Zöllner. An dem Arisierungsgeschehen waren entscheidend beteiligt Erich Köhler, der Präsident der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken, zugleich SS-Hauptsturmführer – der uns schon im Ohlendorf-Kapitel begegnet ist –, dem 1935 wichtige Stimmrechte übertragen worden waren, sowie Dr. Karl Krämer von der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, der dem verdrängten Rosenthal im Aufsichtsrat nachfolgte, sowie Adalbert und Otto Zöllner als neue Manager in der Geschäftsführung des Unternehmens. Vom Porzellangeschäft verstand vor allem Otto Zöllner etwas, ihm galt seine ganze Passion.
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