Was er damals einsetzte, um die eigene Nominierung zu verhindern, brachte er später immer wieder geschickt ins Spiel, um ein Ziel erreichen zu können: sein Alter. Zu Pünder, dem er nur schwer verzeihen konnte, dass er sich den Briten als sein Nachfolger im Amt des Kölner Oberbürgermeisters zur Verfügung gestellt hatte, sagte er: »Aber, lieber Herr Pünder, wo denken Sie denn hin? Sie haben mir doch selber mit einer Kölner Delegation damals in Rhöndorf zum 70. Geburtstag gratuliert. Das ist nun schon Jahr und Tag her, und da wollen Sie mir zumuten, ich solle auf meine alten Tage unter den heutigen Verhältnissen einen so unangenehmen Posten übernehmen? Das kommt gar nicht in Frage, da müssen jüngere Leute ran, so wie Sie, der Sie ja ein gutes Dutzend Jahre jünger sind …« 5
Sein hohes Alter – ein Nachteil, den Adenauer zunehmend wirkungsvoller in einen Vorteil umzumünzen verstand. Gewiss, er schrieb drei Jahre vor seiner Wahl zum Kanzler an den Kölner Bibliotheksdirektor Leo Schwering, einen der Gründer der rheinischen CDU: »Ich bin 70 Jahre alt. Mit 70 muß man, auch wenn man rüstig ist, mit seinen Kräften haushalten.« 6Aber wer zwischen 1946 und 1949 beobachten konnte, wie Adenauer, der in dieser Zeit auch noch Witwer geworden war, die großen körperlichen und geistigen Belastungen, die vielen Reisen, Konferenzen, Diskussionen unter meist schwierigen, selten komfortablen Bedingungen überstanden und in seiner Ausdauer manch Jüngeren deutlich in den Schatten gestellt hatte, dem werden die außerordentlichen Kraftreserven dieses rheinischen Politikers schwerlich verborgen geblieben sein. Als es dann darum ging, die letzte Hürde zu nehmen, ins Kanzleramt einzuziehen, warf Adenauer ohne Zögern »das Prestige seines Alters« – wie in zahlreichen weiteren politischen Auseinandersetzungen später noch – »mit Schläue« in die Waagschale, verstand es zugleich klug, etwaige Befürchtungen seiner Parteifreunde zu zerstreuen, er sei künftigen körperlichen Anforderungen nicht gewachsen. 7Während der Rhöndorfer Konferenz im August 1949 sprach er bekanntlich das Problem ganz direkt und scheinbar naiv an, legte so etwas wie ein ärztliches Attest vor: »Ich habe mit Professor Martini, meinem Arzt, gesprochen, ob ich in meinem Alter dieses Amt wenigstens noch für ein Jahr übernehmen könne. Professor Martini hat keine Bedenken. Er meint, auch für zwei Jahre könne ich dieses Amt ausführen.« 8
Ob Adenauer damals tatsächlich selbst mit einer so kurzen Zeitspanne rechnete, lässt sich nicht mehr eindeutig klären. In der Union dachten damals allerdings nicht wenige so wie der 19-jährige Helmut Kohl, der 1949 als Saalordner bei einer CDU-Kundgebung in Ludwigshafen den Patriarchen aus Rhöndorf zum ersten Mal sah und sich sagte: »Groß, aber viel zu alt!« 9Wenn man aber das beträchtliche Alter des Kanzlers als wichtigen Faktor in Rechnung stellte, musste man konsequenterweise frühzeitig nach einem potentiellen Nachfolger Ausschau halten. So war es eigentlich eine natürliche Tatsache, dass die Nachfolgefrage vom ersten Tag der Kanzlerschaft Adenauers an eine gewisse Aktualität zu besitzen schien. Bereits 1949 soll es eine Absprache unter führenden Unionspolitikern gegeben haben, nach dem katholischen Kanzler Konrad Adenauer 1953 unbedingt einen Mann der evangelischen Seite mit der Leitung der Regierungsgeschäfte zu betrauen. 10Obwohl die Union auf ihrem Gründungsparteitag 1950 in Goslar die erste dezidiert überkonfessionelle christlich ausgerichtete Bundes- und bald schon Volkspartei in der deutschen Geschichte war, spielte der Konfessionsproporz lange Zeit eine herausragende Rolle bei allen personalpolitischen Entscheidungen, fühlten sich doch die Protestanten tendenziell unterrepräsentiert. 11Gerade deshalb gründete der damalige Bundestagspräsident Hermann Ehlers, wie sein ehemaliger Parteifreund Gustav Heinemann Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und in den Augen der Christdemokraten bald der protestantische Nachfolgekandidat Adenauers, denn auch 1952 einen evangelischen Arbeitskreis in der CDU. 12
Wie reagierte Adenauer, was konnte er überhaupt gegen diese latente Bedrohung seiner Stellung tun? Vor allem eines: Er musste sich in den Augen seiner Parteifreunde unersetzbar machen, durch rasche, überzeugende Erfolge, und so alle Nachfolgedebatten tunlichst schon im Keime ersticken. Das glückte ihm in den ersten Jahren seiner Amtszeit immer besser. Nicht nur aus sachlichen Erwägungen monopolisierte er rasch den Zugang zu den Hohen Kommissaren und zog die gesamten, zunächst ohnehin nur beschränkt möglichen außenpolitischen Entscheidungen an sich. Nach dem berühmten Antrittsbesuch des neuen Kabinetts auf dem Petersberg am 21. September 1949, wo er entgegen der alliierten Regieanweisung entschlossen auf den roten Teppich trat, auf dem die Hohen Kommissare eigentlich allein stehen sollten, ließ er sich nie wieder von einer Ministerrunde begleiten. So gelangte er als Einziger in den Besitz von wertvollem Herrschaftswissen, sicherte sich einen bedeutenden Informationsvorsprung und vertiefte auf diese Weise die Kluft zwischen sich und allen möglichen Nebenbuhlern weiter. 13
Adenauer, dessen Weg ins Kanzleramt bereits, wie der Politologe Rudolf Wildenmann in Anlehnung an Arnold Heidenheimer treffend bemerkte, »von gefallenen Rivalen gepflastert« gewesen war 14– man denke bloß an die kühle Ausschaltung von Heinrich Brüning, Karl Arnold oder Jakob Kaiser –, vermochte auch in der Anfangsphase seiner Kanzlerschaft wichtige Nebenfiguren im innerparteilichen Kräftespiel wirkungsvoll zu neutralisieren. Hermann Pünder zog gerade noch in den Bundestag ein, wurde jedoch ebenso wenig Minister wie Friedrich Holzapfel, der bald als Botschafter nach Bern weggelobt wurde, oder Hans Schlange-Schöningen, der die diplomatische Vertretung deutscher Interessen in London übernehmen musste. 15
Obwohl Konrad Adenauer natürlich nicht in der Lage war, alle Nachfolgeerörterungen abzublocken, gelang es ihm doch frühzeitig zu verhindern, dass seine Partei formale Richtlinien festlegte, die beim Eintreten des Erbfalles hätten befolgt werden müssen. 16Das sollte wohlweislich besser in der Schwebe bleiben. Wenigstens nach außen hin wurde so die Nachfolgefrage und alles, was damit zusammenhing, frühzeitig zu einem tabuisierten Bereich. Was Alexander und Margarete Mitscherlich als charakteristisch für ein Tabu hervorgehoben haben, nämlich die mit einem Verbot verknüpfte Denkhemmung 17, entwickelte sich tatsächlich. In einer Gesellschaft, die den Tod ohnehin immer stärker zu verdrängen begann – Philippe Ariès hat mit gutem Grund von der »Ausbürgerung des Todes« in der westlichen Welt des späten 20.Jahrhunderts gesprochen 18–, spielte die Möglichkeit, dass der Kanzler und CDU-Vorsitzende sterben könnte, eine immer geringere Rolle in der öffentlichen und auch in der innerparteilichen Diskussion. Während das Ereignis mit jedem Jahr unausweichlich näher rückte, man also Grund gehabt hätte, sich verstärkt damit auseinanderzusetzen, sprach man selbst in der Union nur noch heimlich darüber. Es wirkte einfach zu anrüchig, deplatziert, taktlos. Und Adenauer tat alles, solche Schuldgefühle noch zu verstärken. Wie Gerd Bucerius in diesem Zusammenhang salopp, aber durchaus treffend bemerkte: »Gedanken über seine Nachfolge fand Adenauer einfach ungezogen.« 19
Natürlich förderten die Gebote des Anstands und der Höflichkeit jene Tabuisierung. Außerdem floss Adenauer zweifellos durch sein hohes Alter, in Verbindung mit seiner umfassenden Sachkompetenz, Autorität zu. Selbst fünfzigjährige Politiker wie Ludwig Erhard kamen sich bisweilen klein und unwissend vor, wirkten befangen und unsicher, wenn sie mit dem hervorragend unterrichteten Kanzler Einzelfragen durchsprachen. Kaum einer wagte es, lange mit ihm die Klinge zu kreuzen; kaum einer konnte sich dem Eindruck seiner Persönlichkeit entziehen, in welcher sich die Würde des Alters auf so merkwürdige Weise mit Härte und Kraft mischte. 20
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