Spätestens jetzt hatte Adenauer erkannt, welch ansehnlicher Fisch da im bürgerlichen Parteienteich noch gänzlich frei und ungebunden herumschwamm. Er tat nun alles, um ihn ins Netz zu holen und ans christdemokratische Ufer zu ziehen. Daher signalisierte er allen Anwesenden: Er, Konrad Adenauer, und der Wirtschaftsfachmann Ludwig Erhard, sie waren sich einig, sie zogen am selben Strang. Und Adenauer sparte nicht mit Komplimenten. Wann hat Erhard später jemals wieder zu hören bekommen, dass seine große Begabung darin liege, komplexe Zusammenhänge einfach und verständlich darzustellen? Das Lob der einfachen Formeln und Begriffe ist für Adenauer ungemein charakteristisch. Noch Jahre später wird er, den man als »simplificateur« von hohen Graden bezeichnen könnte, die Gabe, Dinge in ihrem Wesenskern zu erfassen, als wichtigste politische Fähigkeit bezeichnen, weil das Wirkliche in der Tiefe »immer einfach« sei. 65Er selbst war ein Meister darin, sich die Dinge so zurechtzulegen, dass er zu klaren Alternativen gelangte. Das galt auch für den Wahlkampf 1949. Für ihn und für Erhard gab es von jetzt an keinen Zweifel. Die kommende Bundestagswahl würde durch die Wirtschaftspolitik entschieden werden.
Aber würde sich die Union, würde sich erst einmal die CDU der britischen Zone auf eine Wirtschaftskonzeption, wie sie Erhard skizziert hatte, festlegen können? Anfänglich schien das in Königswinter noch keineswegs sicher – deshalb unterstützte Adenauer seinen neuen »Schützling« so nachdrücklich. Erhard sah sich nämlich mit mancherlei Vorwürfen konfrontiert. So äußerte etwa der aus Köln stammende Delegierte Johannes Albers, ein Mitglied der Sozialausschüsse, den Einwand, bei Erhard handele es sich um einen verkappten Liberalen, einen Fremdkörper im Gefüge der Union, dem es lediglich darum gehe, das Ahlener Programm vollständig aufzuheben. 66Darauf reagierte Adenauer rasch und geschickt. Er antwortete: »Akut ist beim kommenden Wahlkampf die Frage: Planwirtschaft oder Marktwirtschaft. Darum dreht es sich jetzt hier. Das hat, Herr Albers, mit dem Ahlener Programm, zu dem ich restlos stehe, nichts zu tun.«
Natürlich stand die Frage nach einer Umwandlung des Ahlener Programms im Raum, aber indem Adenauer hier apodiktisch erklärte, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, verhinderte er den Ausbruch einer Grundsatzdiskussion, deren Ausgang ungewiss sein mochte. Kurz entschlossen verkündete er außerdem, den Text von Erhards Vortrag für den Wahlkampf drucken lassen zu wollen. Generell verhielt er sich auf dieser Sitzung ausgesprochen zuvorkommend gegenüber Erhard, umschmeichelte ihn nach allen Regeln der Kunst, etwa als er sagte: »Ich mache Ihnen, Herr Erhard, ein aufrichtiges Kompliment. Bisher habe ich Sie noch nicht so klar und gut Ihre Grundsätze entwickeln gehört. Sie haben schon sehr hinreißend gesprochen, aber so klar habe ich es noch nicht gehört.«
Aber es war wohl nicht allein Schmeichelei. Die Rede Erhards muss den meisten Zuhörern imponiert haben. Schließlich verzichtete sogar Franz Etzel, der sich zu Erhard damals in einer Art Idealkonkurrenz befand, darauf, sein angekündigtes Korreferat auch tatsächlich zu halten, und ließ sein Manuskript in der Aktentasche. Nach seiner Auffassung sollte die Programmkommission vielmehr die Gedankengänge Erhards als Basis für ein geschlossenes Wirtschaftskonzept betrachten und darauf aufbauen, denn: »Wir haben, wenn ich es glatt heraussagen darf, ja gar keine Wirtschaftspolitik der CDU, sondern die Wirtschaftspolitik von Prof. Erhard gemacht, und von der CDU her haben wir sie sanktioniert.«
Tatsächlich, so war es. Und der parteilose fränkische Wirtschaftsexperte hatte mit seinem Vortrag, seinem klaren Bekenntnis zur Union nun auch skeptische Zuhörer wie Etzel zu überzeugen vermocht. Er gewann noch mehr Sympathien, flößte zunehmend Vertrauen ein. Eugen Gerstenmaier meinte später, unter den vielen Ansprachen Erhards sei diejenige vom Februar 1949 »eine seiner erfolgreichsten« gewesen 67, weil er die im wirtschaftspolitischen Bereich noch uneinige Union endgültig von der Richtigkeit seines Weges habe überzeugen, sich die Zustimmung der überwiegenden Mehrheit habe sichern können und weil es ihm gelungen sei, dabei einen besonders hohen Grad der Übereinstimmung mit Konrad Adenauer zu erreichen oder zumindest den Eindruck davon zu vermitteln. 68
Erhard war vermutlich nach der Tagung in Königswinter in der Überzeugung bestärkt worden, dass ihn der wichtigste Mann in der Union von nun an bedingungslos unterstützen und verteidigen werde. Es sei, so berichtete er später, in diesen Monaten eine »gewisse Verehrung für Adenauer« in ihm entstanden; er habe sich getragen gefühlt von einer »zart entwickelten Gläubigkeit, daß man vielleicht doch (gemeinsam) eine neue Welt bauen könnte« 69– Worte der Verehrung, die wir schon aus seiner Vershofen-Zeit kennen. Oder, wie er ebenfalls rückblickend über jene Wochen im Frühjahr und Sommer 1949 sagte: »Seinerzeit waren ja auch Adenauer und ich noch ein Herz und eine Seele; ich wußte, was er politisch bedeutet, aber er wußte wohl auch, was er an mir hatte«. 70
Kurz, Erhard hoffte damals, es werde eine lange Phase der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem über zwei Jahrzehnte Älteren beginnen. So kehrte der Wirtschaftsfachmann im Mai und Juni 1949 nach gemeinsamen Besprechungen in Bonn, erfüllt von der Bewunderung für den ehemaligen Kölner Oberbürgermeister, in sein Arbeitszimmer in der von Amerikanern freigegebenen McNair-Kaserne nach Frankfurt-Hoechst zurück und ließ es jeden wissen: »Ja, der Adenauer ist schon ein Mann!« 71Hätte er den Brief gekannt, den Adenauer kurz nach seinen Elogen von Königswinter am 12. Februar an den Frankfurter CDU-Fraktionsvorsitzenden Holzapfel geschrieben hatte, wäre er wohl etwas weniger euphorisch gewesen. Dort stand zu lesen: »Ich darf ganz offen sein und Ihnen sagen, daß Herr Erhard sicher vorzügliche Eigenschaften hat, daß er aber gern dazu neigt, sich etwas schnell neuen Aufgaben zuzuwenden … Sie müssen ihn mit eisernen Ketten an seine Aufgabe während der nächsten Monate festbinden.« 72Adenauers Erhard-Bild war also längst nicht so ungetrübt, wie der Wirtschaftsprofessor glaubte. Die Ketten würde ihm allerdings nicht Holzapfel anzulegen suchen, sondern Adenauer selbst – aber noch war es nicht so weit.
Beide verband damals ja auch eine tiefe Grundüberzeugung: Der Wahlkampf gegen die SPD musste gewonnen werden, die Sozialdemokraten durften nicht die Regierungsgeschäfte übernehmen. Mithilfe der Erhard’schen Wirtschaftskonzeption würde sich dieses Ziel erreichen lassen. Sie wirkte auf die Wähler polarisierend und mobilisierend zugleich, gerade weil sie die Sozialdemokraten zusammen mit den Kommunisten so erbittert bekämpften. Kurt Schumacher meinte giftig, dieses Wirtschaftsprogramm sei doch bloß »ein dicker Propaganda-Ballon des Unternehmertums«, gefüllt mit den »Abgasen des weiter verwesenden Liberalismus«. 73Adenauer rieb sich vermutlich die Hände. Wenn sich die Union jetzt geschlossen hinter Erhard stellte, dann bekam sie ein Wahlkampfthema frei Haus geliefert, mit dem sich die SPD ausmanövrieren ließ; dachten die Menschen in diesem Sommer 1949 doch ohnehin kaum an etwas anderes als an die notdürftige Sicherung der materiellen Existenz. Planwirtschaft? Staatliche Wirtschaftslenkung? Die hatten versagt, da musste man nicht nur an Hitler oder Stalin denken, sondern allein – und ganz in der Nähe – auf die sowjetisch besetzte Zone schauen. Die Marktwirtschaft bot demgegenüber eine neue Chance, eine klare Alternative. Da gab es doch wirklich nur Rot oder Schwarz.
Die Union schwenkte auf diese Linie ein. In den Düsseldorfer Leitsätzen, die eine Gruppe von CDU-Politikern um Franz Etzel, Karl Müller, Johannes Albers, Hugo Scharnberg und am Ende sehr intensiv auch noch Ludwig Erhard selbst formuliert und am 15. Juli 1949 der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, war das Bekenntnis der Partei zur Sozialen Marktwirtschaft festgeschrieben worden. Es bewahrheitete sich, was Adenauer schon im Februar 1949 nach dem Vortrag von Erhard verkündet hatte: »Herr Professor Erhard hat die Grundprinzipien so klar herausgestellt, daß wir … unsere Leitsätze sehr schnell daraus entnehmen können.« 74
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