Der fränkische Wirtschaftsdirektor konnte also gestärkt – wie versprochen – zum Parteitag der CDU der britischen Zone am 28. und 29. August nach Recklinghausen fahren. Adenauer hatte ihn in der schwierigen Zeit zuvor in einem persönlichen Brief vom 9. August ermutigt, den Attacken der SPD entschlossen entgegenzutreten: »Der Feldzug der Sozialdemokratie gegen Frankfurt setzt auf breitester Front ein. Als wirksamstes Gegenargument gegen Frankfurt werden Preissteigerungen ins Feld geführt. Denken Sie bitte an diese Gefahr und tun Sie Ihr Möglichstes, sie auszuräumen.« 48
In Recklinghausen hielt Ludwig Erhard seine erste programmatische Rede vor einem CDU-Parteitag. Erstmals bot sich ihm die Gelegenheit, Gegnern und Kritikern seiner Wirtschaftspolitik in den Reihen der CDU zu antworten, überhaupt größere Kreise der Christlichen Demokraten mit seinen Gedanken vertraut zu machen und um Unterstützung zu werben. Schon die ersten Sätze lassen jenes charakteristische Sendungsbewusstsein, jene Aufbruchsstimmung erkennen, die ihn erfüllte:
»Mit der wirtschaftspolitischen Wendung von der Zwangswirtschaft hin zur Marktwirtschaft haben wir mehr getan, als nur eine engere wirtschaftliche Maßnahme in die Wege geleitet, wir haben damit unser wirtschaftliches und soziales Leben auf eine neue Grundlage und vor einen neuen Anfang gestellt. Wir mußten abschwören der Intoleranz, die über geistige Unfreiheit zur Tyrannei und zum Totalitarismus führt. Wir mußten hin zu einer Ordnung, die durch freiwillige Einordnung, durch Verantwortungsbewußtsein in einer sinnvoll organischen Weise zum Ganzen strebt. Anstelle eines seelenlosen Kollektivismus, der unser Volk in die Not und in das Elend der Vermassung brachte, mußten wir hin zu einem organisch verantwortungsbewußten Staatsgedanken.« 49
Jede Form von Sozialismus, ob national oder international geprägt, ging für ihn zwangsläufig und unabwendbar mit Intoleranz einher, die unvermeidlich in Unfreiheit, Tyrannei und totalitäre Strukturen münden musste – eine zentrale Grundüberzeugung von ihm, die vielen seiner Zeitgenossen, die Hitler und Stalin noch erlebt hatten, stärker und unmittelbarer einleuchtete als den Nachgeborenen, die zunehmend die in seiner Botschaft enthaltene Mahnung zu überhören und zu vergessen bereit waren. Dabei konnte er bei seinen Warnungen durchaus pathetisch werden, wie sein Schluss in Recklinghausen beweist: »Entweder wir verlieren die Nerven und geben dieser gehässigen und demagogischen Kritik nach, dann sinken wir zurück in den Zustand der Sklaverei … Dann kommen wir wieder zurück in die Planwirtschaft, die stufenweise sicher zur Zwangswirtschaft, zur Behördenwirtschaft bis zum Totalitarismus führt.« 50
Mit diesen Worten konnte sich gewiss auch Konrad Adenauer identifizieren. Der antitotalitäre Konsens war ein früh verbindendes Element zwischen beiden. Galt es nicht gemeinsam zu verhindern, dass auch noch der westliche Teil Deutschlands zum Exerzierfeld irgendwelcher sozialistisch-marxistischer Experimente gemacht würde? Aber auch den skeptischen Anhängern des linken CDU-Flügels, die den sozialen Frieden durch einen liberalen Marktegoismus bedroht sahen, kam Erhard in Recklinghausen entgegen: »Nicht die freie Marktwirtschaft des liberalistischen Freibeutertums, sondern die sozial verpflichtete Marktwirtschaft, die das einzelne Individuum wieder zur Geltung kommen und der Leistung dann aber auch den verdienten Erfolg zugute kommen läßt, das ist die Marktwirtschaft moderner Prägung.«
Sozial verpflichtete Marktwirtschaft, das war fortan das Zauberwort, unter dem jeder sich vorstellen durfte, was er wollte. Wo Erhard sich vom manchesterkapitalistischen Ausbeutungs-Freibeutertum abgrenzen wollte, sahen andere darin die Chance, mittels staatlichen Konjunktur- und Sozialprogrammen soziale Notlagen und Benachteiligungen auszugleichen. Immerhin, die Rede kam gut an. Das Protokoll verzeichnete gelegentliche »Bravo-Rufe«, und auch Johannes Albers, der Chef der CDU-Sozialausschüsse, war angetan. In der Resolution am Ende des von Adenauer unauffällig moderierten Parteitages wurde »die konsequente Fortsetzung des von der CDU im Wirtschaftsrat eingeschlagenen Kurses« verlangt. Das war der Kurs von Ludwig Erhard. Die Partei begann auf ihn einzuschwenken. Das Ahlener Programm wirkte demgegenüber überholt und nicht mehr zeitgemäß. 51
Nach dem eindrucksvollen Auftritt verstärkte Adenauer, der am 15. September 1948 in Bonn zum Präsidenten des Parlamentarischen Rates, der neuen verfassunggebenden Versammlung, gewählt worden war, den Kontakt mit Erhard, arrangierte weitere Treffen. 52Hermann Hesse schrieb einmal, jedem Anfang wohne ein Zauber inne – das mag für den Beginn der Beziehung zwischen Adenauer und Erhard durchaus zugetroffen haben. Jedenfalls empfand das Ludwig Erhard so. Der Rheinländer Adenauer zeigte sich von seiner liebenswürdigsten Seite – ganz wie es sein sozialdemokratischer Widerpart aus den Zwanzigerjahren, Robert Görlinger, dem Adenauer-Biographen Paul Weymar berichtet hat: »Seine Stärke war immer die Beeinflussung des einzelnen gewesen … Der Mann gilt allgemein als kalt. Das stimmt nicht. Adenauer hat vielmehr – und das halte ich für das Geheimnis seiner Erfolge! – die bemerkenswerte Fähigkeit, in Richtung seines Vorteils Gefühle zu entwickeln. Leute, die er gebrauchen kann, sind ihm sympathisch. Doch diese Sympathie erlischt sofort, wenn diese Leute ihre Funktion erfüllt haben.« 53
Was seine Beziehung zu Ludwig Erhard anlangt, folgte sie exakt diesem Muster. Aber noch sind wir in der Werbungsphase. In diesen Monaten zog Adenauer »alle Register und verwendete seinen ganzen Einfallsreichtum darauf, Erhard zu sich herüberzuziehen – wer sich gerade des Wohlwollens dieses Menschenfängers erfreute, der hatte in ihm den besten Chef und den wärmsten Verteidiger.« 54
Erhard stand mit Adenauer im Herbst 1948 und im folgenden Winter tatsächlich ein beredter, geschickter Förderer – aber auch Verteidiger – zur Seite. Den hatte der Wirtschaftsexperte bald bitter nötig. Die neue Wirtschaftsordnung sah sich schon kurz nach ihrer Einführung einer extrem harten Belastungsprobe ausgesetzt; sie geriet in heftige Turbulenzen. Zwar stieg das Marktangebot ziemlich rasch, aber es schossen eben auch die Preise weiter in die Höhe, während die Löhne noch bis zum November 1948 eingefroren blieben. Selbst in der Union gab es jetzt immer mehr kritische Stimmen von nervösen Christdemokraten. Paul Bausch, der Vorsitzende der nordwürttembergischen CDU, forderte schon Ende August einen baldigen Kurswechsel und einen Abschied von Erhards »blutleeren« Theorien. Ende September schlug sich in Frankfurt Hans Schlange-Schöningen, der Direktor für Landwirtschaft und Forsten von der CDU, der als Einziger der sechs Frankfurter Ressortchefs sich nicht eindeutig hinter das Leitsätzegesetz gestellt hatte, auf die Seite der sozialistischen Opposition und verlangte die Einrichtung einer neutralen »Obersten Preisbehörde«, die Erhards Konzept massiv konterkariert hätte. Während im Wirtschaftsrat die Mehrheit weiter zu ihm hielt und den zweiten Misstrauensantrag von KPD und SPD in einer besonders kritischen Woche am 10. November mit 51 zu 43 Stimmen abschmetterte, kam aus den Ländern sehr viel Zustimmung für die Position von Schlange-Schöningen. Anfang Oktober forderte der wirtschaftspolitische Ausschuss der CSU – einstimmig! – den Rücktritt Erhards. In den damals schon angewendeten Meinungsumfragen vom Oktober waren nur noch etwa 10 Prozent der Befragten der Meinung, dass Erhard seine Arbeit gut mache – ein wahrlich niederschmetternder Wert. 55
Kein Zweifel, an der Parteibasis begann es heftig zu rumoren. Und in der Bevölkerung nahm der Unmut über die schwindende Kaufkraft der Einkommen weiter zu. »Tausche gesamte britische Militärregierung gegen deutsches Naziregime«, stand in jenem Herbst des Missvergnügens an Häuserwänden in Köln. Für den 12. November 1948 riefen die Gewerkschaften zum ersten und bislang einzigen Generalstreik in der westdeutschen Geschichte auf, gegen die Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards – und über 9 Millionen Arbeitnehmer legten für 24 Stunden die Arbeit nieder, eine später niemals wieder erreichte, wahrlich »exorbitante« Streikbeteiligung und eindrucksvolle Demonstration des Protests gegen einen einzigen Mann, gegen den Frankfurter Wirtschaftsdirektor. 56Selbst in seiner Vaterstadt Fürth gingen die Menschen auf die Straße und trugen Transparente mit der Aufschrift »Weg mit Erhard und seiner bankrotten Wirtschaftspolitik« oder »Wir fordern Planung und Lenkung der Wirtschaft«. An anderen Orten stand gleich »Erhard an den Galgen« auf den Schildern der Aufgebrachten.
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