Immerhin lud Adenauer ihn am Ende, etwaige Bedenken des Verwaltungsjuristen über Bord werfend, ein, im August auf dem Parteitag der CDU der britischen Zone in Recklinghausen zu sprechen – und der Wirtschaftsdirektor akzeptierte. Damit begann eine zunächst weitgehend harmonische, dann zunehmend spannungsreiche, für die Geschicke der Union, die Geschichte Westdeutschlands dagegen ungemein fruchtbare Zusammenarbeit. Am 31. Mai 1948 setzte Adenauer daraufhin während einer Sitzung des Zonenausschusses in Bad Meinberg die Überarbeitung des Ahlener Programmes offiziell durch. Es ist gewiss nicht gänzlich unangebracht, zwischen diesem Schritt und der Kontaktaufnahme mit Ludwig Erhard einen Zusammenhang herzustellen 22, denn bei der angestrebten Neufassung des CDU-Wirtschaftsprogrammes sollte – so der Hamburger Delegierte Hugo Scharnberg, der zusammen mit dem späteren Bundesfinanzminister Franz Etzel und anderen die Umarbeitung vornehmen würde – »eine Abkehr von der zentral gelenkten Verwaltungswirtschaft und eine Rückkehr zur Marktwirtschaft unter starker Betonung des Leistungswettbewerbs« erreicht werden. 23Der Name Erhards fiel während dieser Tagung zwar noch nicht, aber seine Begriffe, seine Vorstellungen waren schon präsent.
Die Entwicklung im Sommer 1948 wird Adenauer vermutlich in seiner Überzeugung bestärkt haben, dass er in Erhard tatsächlich den entscheidenden Verbündeten finden konnte, um einen Kurs durchzusetzen, der demjenigen der Sozialdemokraten und Gewerkschaften diametral zuwiderlief, und dass er ihn daher trotz etwaiger Schwachstellen auf jeden Fall für die Sache der CDU einnehmen musste. Zunächst war ihm erstaunlicherweise nicht wirklich aufgefallen, welche Weichenstellung sich im Juni anbahnte, obwohl er an der Fraktionssitzung vom 4. Juni in Frankfurt teilnahm, als Ludwig Erhard sein berühmtes »Leitsätzegesetz« den christdemokratischen Abgeordneten vorstellte. Drei Tage später schrieb Adenauer jedenfalls an Dr. Edmund Kaufmann, den Stellvertreter Erhards, »keinen besonders günstigen Eindruck von der Fraktionssitzung am 4 d. Mts.« nach Rhöndorf mitgenommen zu haben. 24Ob er das schrieb, weil er vorzeitig gegangen war oder aber, weil ihn die wenig strukturierte Debattenführung des Fraktionsvorsitzenden Holzapfel Sorgen bereitete oder ihn Erhards Konzept nicht überzeugt hatte, wissen wir nicht.
Am 20. Juni 1948 trat die Währungsreform in Kraft. Es war dies »die einschneidendste Maßnahme der westalliierten Politik zwischen 1945 und 1949, weil sie sowohl die deutsche Teilung besiegelte als auch das wirtschaftliche … System der Bundesrepublik weitgehend vorstrukturierte«. 25Alte Reichsmarkguthaben und Verbindlichkeiten wurden im Verhältnis 10 zu 1 abgewertet, Reichsmarknoten mit dem gleichen Satz umgetauscht. Jeder Bewohner der drei Westzonen erhielt zunächst einmal 40 Deutsche Mark (DM) als »Kopfgeld« ausbezahlt. Der drastische, ja brutale Währungsschnitt, der zweite nach 1923/24, begünstigte einmal mehr alle Besitzer von Sachwerten, von bereits produzierten Gütern, von Grund und Boden, von Firmenbeteiligungen, auch von Aktien, Gold, Fremdwährungen wie Dollars und Schweizer Franken, während alle Sparer und Rentner, alle einfachen Besitzer von Bankkonten neunzig Prozent weggestrichen bekamen. Allerdings verschwanden die Zigarettenpseudowährung und der Schwarzmarkt schlagartig über Nacht.
War diese Währungsreform weitgehend durch die Alliierten, vorwiegend die Amerikaner, geplant und vorbereitet worden, so ging die an die Währungsreform gekoppelte Wirtschaftsreform wesentlich auf die Initiative eines deutschen Politikers zurück: auf Ludwig Erhard. Eigenmächtig hatte er seinen Pressesprecher Kuno Ockhardt angewiesen, am Tag der Währungsreform die gleichzeitige Aufhebung eines Großteils der Bewirtschaftungsmaßnahmen und Preisbindungen anzukündigen – allerdings keine vollständige Aufhebung, wie häufig zu lesen ist. 26Gesetzliche Mietobergrenzen und Mietenstopps, die noch zu Hitlers Zeiten kurz vor dem Krieg – am 20. April 1939 – als nationalsozialistische Wohltat eingeführt worden waren, wurden noch beibehalten und erst in den Fünfzigerjahren sukzessive abgeschafft.
Die zeitlich eng gekoppelte Doppelreform, die gleichzeitige Einführung der D-Mark und die Hinwendung zur Marktwirtschaft im Sommer 1948 markierte die wirtschaftliche Stunde Null und damit den marktwirtschaftlichen Urknall der deutschen Nachkriegsgeschichte. Erst jetzt war das Dritte Reich vollständig, nämlich auch auf dem Gebiet der Ökonomie, untergegangen – ab jetzt begann eine vollständig neue Zeit. Zugleich trat ein, was in der Geschichte höchst selten geschieht, es gab einen »Lichtschaltereffekt«. Mit der Doppelreform wurde ein Schalter umgelegt, und urplötzlich, über Nacht, veränderte sich das Straßenbild und damit der Alltag der Menschen fundamental. Das ist im 20. Jahrhundert in Deutschland nur noch einmal passiert, nämlich am 9. November 1989, nachdem Günter Schabowski in der legendären Pressekonferenz – unzureichend vorinformiert – erklärt hatte, die neue Reiseregelung des SED-Staates trete »sofort, unverzüglich« in Kraft. So wie diese zwei Worte sich in Windeseile über alle Sender verbreiteten und über Nacht Deutschland fundamental verändern und den Untergang der ostdeutschen Diktatur mit ihrer sozialistischen Wirtschaftsordnung einleiten sollten, hatte sich die Ankündigung von Erhards Pressesprecher in Windeseile über alle Sender verbreitet und Westdeutschland über Nacht vollständig verändert und den Untergang der NS-Diktatur endgültig besiegelt. Am Montag, dem 21. Juni 1948 waren jedenfalls alle zuvor gähnend leeren Schaufenster plötzlich_rappelvoll. Sie quollen regelrecht über vor Waren, die die Kaufleute zuvor in den Kellern und Lagern gehortet hatten und jetzt gegen gutes Geld zu verkaufen bereit waren.
Am Montag, dem 21. Juni 1948, rieben sich die Menschen in den Westzonen verblüfft die Augen: Über Nacht hatten sich die Schaufenster nach dem marktwirtschaftlichen Urknall mit Waren gefüllt und quollen regelrecht über .
Der marktwirtschaftliche Urknall ereignete sich wohl nicht zufällig wenige Tage bevor die westalliierten Militärgouverneure den Ministerpräsidenten am 1. Juli die Frankfurter Dokumente überreichten und damit den Auftrag zur Weststaatsgründung erteilten. Vor den politischen sollten die ökonomischen Grundlagen gelegt werden – und daran war ein Deutscher zentral beteiligt gewesen: der Direktor der Verwaltung für Wirtschaft. Zugleich war diese Doppelreform ein wirkungsmächtiger Treibsatz für den Zerfall der Siegerkoalition des Weltkriegs. Stalin wollte weder die neue D-Mark, also eine Währung, die er nicht steuern und kontrollieren konnte, in seinem Machtbereich dulden, noch eine kapitalistische Revitalisierungsspritze, wie sie nach den Marshallplan-Geldern auch die Aufhebung der Bewirtschaftung darstellte. Deshalb ließ er am 23. Juni die Verkehrsverbindungen von und nach Westberlin unterbrechen. Sie waren plötzlich allesamt »chaputt«, allein die 1944 vereinbarten drei Luftkorridore blieben unangetastet. Mit dieser Berliner Blockade begann die erste große Krise der Nachkriegszeit – und diese wurde wiederum zum zentralen psychologischen Wendepunkt. Über die fast ein Jahr andauernde Luftbrücke wurden die Sowjets zu bedrohlichen Feinden und die westlichen Besatzungsmächte allmählich zu Schutzmächten und Freunden – besonders natürlich die Amerikaner. Berlin war fortan nicht mehr die Reichshauptstadt Hitlers, sondern der bedrohte und bedrängte Vorposten der westlichen Freiheit und Demokratie im »Roten Meer«.
Wie war es Erhard gelungen, seine Konzeption, seine Rezeptur für den marktwirtschaftlichen Urknall in die Tat umzusetzen? Unterstützt von einigen wenigen engen Vertrauten – von Walter Strauss, Leonhard Miksch, einem engagierten Ordoliberalen und »Zufalls-Sozialdemokraten« 27, sowie von Alfred Müller-Armack 28–, hatte er im Frühsommer 1948 energisch begonnen, die radikale und folgenreiche Umschaltung des Wirtschaftssystems zum Zeitpunkt der Währungsreform vorzubereiten. In der ringsum herrschenden Verwirrung erwies sich ein Gutachten seines wissenschaftlichen Beirats mit dem ihm wohlgesinnten Walter Eucken an der Spitze (ungeachtet mehrerer Minderheitsvoten) als wichtige Stütze. Es trug mit dazu bei, vorhandene Bedenken bei CDU/CSU- und FDP-Abgeordneten im Wirtschaftsrat zu überwinden und Erhards Gesetzesvorlage im Juni 1948 zu einer Mehrheit zu verhelfen.
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