MARKTWIRTSCHAFTLICHER URKNALL – DIE ZUSAMMENARBEIT MIT KONRAD ADENAUER BEGINNT
So viel war nach den ersten öffentlichen Auftritten von Ludwig Erhard als Direktor der Verwaltung für Wirtschaft in jedem Fall klar – seine Vision unterschied sich fundamental von kommunistischen und sozialdemokratischen Wirtschaftsvorstellungen. Im Kräftespiel innerhalb der heterogenen, zwischen linken und marktliberalen Positionen oszillierenden Union konnte er möglicherweise zu einem entscheidenden Trumpf werden. War ihm nicht zuzutrauen, hier die konkurrierenden, teilweise diffusen wirtschaftspolitischen Vorstellungen – die Bandbreite reichte vom christlichen Sozialismus über Sozialisierungskonzepte beinahe marxistischer Prägung bis zu kartellistischen Grundmodellen 1– zu vereinheitlichen und für mehr Klarheit zu sorgen?
Konrad Adenauer, der sich nach dem Tod seiner Frau nur eine kurzen Zeit des Rückzugs, der Trauer und Stille gestattete – für März 1948 sind keine nennenswerten Aktivitäten und Interventionen von ihm überliefert –, stürzte sich anschließend regelrecht in die politische Auseinandersetzung und war nach Erhards großer programmatischer Rede auf ihn aufmerksam geworden. Es war jedenfalls kein Zufall, dass der Vorsitzende der CDU der britischen Zone wenige Tage danach in Frankfurt anrief und den Wunsch nach einer baldigen Zusammenkunft äußerte. 2
Wusste der parteilose Wirtschaftsexperte, mit wem er es da zu tun bekam? Einige Lebensdaten mögen ihm wohl bekannt gewesen sein, mehr nicht. Adenauer, 1876 geboren, in der Bismarck-Ära des Kaiserreichs aufgewachsen, trennte beinahe eine ganze Generation von seinem zukünftigen Partner. Wie Erhard entstammte er eher bescheidenen, kleinbürgerlichen Verhältnissen. Der Großvater war Bäcker in Bonn gewesen, der Vater Sekretär des Oberlandesgerichts, zuletzt Kanzleirat in Köln, also Beamter des mittleren Dienstes. 1906 wurde Konrad Adenauer zum Beigeordneten der Stadt Köln gewählt; 1917, mit 41 Jahren, hatte er es bereits zum Oberbürgermeister gebracht, dem jüngsten im Wilhelminischen Reich und eine der letzten Ernennungen, die Kaiser Wilhelm II. noch persönlich abzeichnete. Verwandtschaftliche Beziehungen, insbesondere die Heirat mit der aus einer angesehenen und vermögenden Kölner Familie stammenden Emma Weyer, aber auch seine erwiesene Tüchtigkeit hatten diesen Aufstieg nachhaltig gefördert. 16 Jahre lang, in Kriegs-, in Nachkriegswirren und so lange die Weimarer Republik dauerte, leitete Adenauer die Geschicke Kölns, von 1918 bis 1926 unter britischer Besatzung, sammelte als Oberbürgermeister, als angesehener, einflussreicher Repräsentant der Zentrumspartei, seit 1921 als Mitglied und Präsident des preußischen Staatsrates umfassende verwaltungstechnische und politische Erfahrungen. Stets stellte er sein hohes Talent im Umgang mit Menschen und Institutionen zum Wohle eines – überschaubaren – Ganzen unter Beweis. Zweimal, 1921 und 1926, war er zudem als Kandidat des Zentrums für das Amt des Reichskanzlers im Gespräch, doch daraus wurde nichts. Die Umstände waren nicht danach. Adenauer selbst auch nicht? Gewiss ist, dass sich sein Wirkungskreis damals auf das Rheinland beschränkte, seine Popularität kaum sehr viel weiter reichte. Nicht von ungefähr hatte er zwischen 1918 und 1923 zu denjenigen gehört, die für eine Loslösung des Rheinlandes von Preußen, für eine »Westdeutsche Republik«, einen neuen Bundesstaat im Reichsverband eingetreten waren – hier, fern von Berlin, fühlte sich Adenauer wohl, ruhten seine Wurzeln, bezog er seine Kraft, rheinischer Antäus, der er war. 3
Ein neuer Lebensabschnitt Konrad Adenauers begann am 13. März 1933. An diesem Tag wurde er, der sich bis dahin allen nationalsozialistischen Übergriffen mutig entgegengestellt hatte, vom zuständigen Gauleiter als Oberbürgermeister von Köln abgesetzt, weil er zur Ankunft des »Führers« keine Flaggen hatte hissen lassen. Seines Amtes, all seiner Machtmittel und Einflussmöglichkeiten beraubt, war er nun Persona non grata geworden, wurde verfolgt, gedemütigt, immer wieder gezwungen, den Wohnort zu wechseln. Neubabelsberg bei Potsdam, das Benediktinerkloster Maria Laach, Unkel, schließlich Rhöndorf, wo er 1937 seinen Neubau am Zennigsweg beziehen konnte, waren die Stationen. Die Mittel für das unprätentiöse Haus unterhalb der romantischen Ruine der Burg Drachenfels mit seinem weitläufigen Terrassengarten, das überhaupt nur über eine Treppe mit mehr als 50 Stufen erreicht werden konnte, hatte er sich in einem aufsehenerregenden Prozess gegen das NS-Regime erstritten. An dessen Ende war ihm tatsächlich seine von den Nationalsozialisten aberkannte Altersversorgung wieder zuerkannt und eine Entschädigung für die enteignete Villa in Köln zugesprochen worden. Das belegt einerseits seine Unerschrockenheit und Zähigkeit, andererseits aber auch das partielle Weiterfunktionieren von deutscher Rechtsprechung und BGB in der Zeit der braunen Diktatur.
Eine politische Tätigkeit kam in jenen Jahren natürlich nicht mehr infrage. Lesen, Spazierengehen, Rosenschneiden – gezüchtet hat er sie nie, das war selbst ihm zu mühsam und zeitaufwendig –, überleben und abwarten, bis das Dritte Reich von außen besiegt wurde, hieß es jetzt. Eine aktive Beteiligung am Widerstand lehnte Adenauer ab. Von Goerdeler hatte er – im Gegensatz zu Erhard – keine hohe Meinung, hielt ihn für leichtsinnig, für »indiskret«, weigerte sich, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Nicht allein, dass er die Erfolgschancen der Widerstandsbewegung als gering einschätzte, er hatte wohl auch an seine große Familie gedacht, wollte sie nicht in Gefahr bringen. 4Nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er dennoch verhaftet. Unter abenteuerlichen Umständen glückte ihm die Flucht. Erst nachdem seine zweite Frau Gussie, für Leib und Leben ihrer Tochter fürchtend, sein Versteck in der Nister Mühle im Westerwald bei einem Gestapoverhör preisgegeben hatte, gelang den NS-Schergen die erneute Festnahme. Adenauer selbst kam verhältnismäßig glimpflich davon, wurde am 26. November 1944 aus dem Gefängnis Brauweiler nach Rhöndorf entlassen – seine Frau jedoch, die, von Schuldgefühlen überwältigt, unter dem Eindruck, ihren Mann »verraten« zu haben, einen Selbstmordversuch unternommen hatte, trug bleibende Schäden davon, starb, wie bereits erwähnt, schließlich an den Spätfolgen ihrer Vergiftung vier Jahre später. Ihr langes Leiden überschattete das Familienleben in der Nachkriegszeit. 5Wer aber angenommen hatte, Konrad Adenauers Kräfte seien durch diese Umstände, diese Ereignisse aufgezehrt worden, sollte bald eines Besseren belehrt werden.
Am 4. Mai 1945 setzte ihn die amerikanische Militärregierung wieder in sein altes Amt ein. Mit großer Entschlossenheit und Energie machte er sich an die schwierige Aufgabe, den Wiederaufbau der schwer zerstörten Stadt in Gang zu setzen, noch einmal wie 1918/19 die Versorgung der Bevölkerung mit dem Allernotwendigsten zu organisieren. Die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Besatzungsmacht gestaltete sich dabei weitgehend konfliktfrei, mit der britischen dagegen, die im Juni Köln übernommen hatte, immer spannungsreicher. Nur ungern ließ sich der erfahrene Kommunalpolitiker von der Siegermacht in seine Amtsführung dreinreden – und erst recht mochte er nicht darauf verzichten, neue Fäden zu seinen alten Freunden, den Franzosen, zu spinnen. Sich gängeln zu lassen war Adenauer nun einmal fremd.
Fremd war aber auch dem britischen Militärgouverneur der Nordrhein-Provinz, Sir John Ashworth Barraclough, einem altgedienten Kolonialoffizier, ein derart selbstbewusstes Auftreten ihm unterstellter Personen. Am 6. Oktober 1945 ließ er den Bürgermeister zu sich zitieren und teilte ihm seine Entlassung – wegen Unfähigkeit – in kältestem Tone mit. »In my opinion you have failed in your duty to the people of COLOGNE«, hieß es in dem scharf formulierten Schreiben. 6Jeder politischen Tätigkeit sollte er sich in Zukunft enthalten, ja sogar den Regierungsbezirk Köln nicht mehr betreten dürfen. Das war hart. Kaum war das lange Stillhalten vorüber, sah er sich erneut zur politischen Untätigkeit verurteilt.
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