Allein, die Wahl sollte schon am 2. März stattfinden. Die Zeit bis dahin verrann schnell. Einen Tag vor der Wahl hatte man sich noch immer nicht auf einen Kandidaten verständigen können, von einer Grundsatzdebatte ganz zu schweigen. Die CSU, die den Posten nur ungern an eine andere Partei abtreten mochte, plädierte für Hanns Seidel. Bei den Christdemokraten favorisierte man dagegen den niedersächsischen Arbeitsminister Hans-Christoph Seebohm (DP), wäre aber auch mit einer kommissarischen Leitung der Amtsgeschäfte durch Semlers Stellvertreter, Staatssekretär Dr. Walter Strauss (CDU), einverstanden gewesen. Ausgerechnet jetzt war Adenauer nicht anwesend, um ordnend einzugreifen – abermals eine List der Geschichte, allerdings eine tragische. Denn in diesen letzten Februartagen des Jahres 1948 lag seine zweite Frau Gussie im Sterben; sie starb am 3. März in einem Bonner Krankenhaus an den Folgen eines Selbstmordversuchs. Diesen hatte sie aus Scham darüber unternommen, dass sie der Gestapo nach dem 20. Juli 1944 das Versteck ihres Mannes – angesichts einer Folterdrohung gegenüber der Tochter – verraten hatte. Adenauer konnte deshalb nicht nach Frankfurt kommen, sondern blieb in Rhöndorf.
In den gemeinsamen Beratungen von CDU/CSU und FDP schlugen die Liberalen, schlugen Viktor-Emanuel Preusker und Hans Wellhausen als Kompromisskandidaten Ludwig Erhard vor. Preusker und Franz Blücher hatten sich vorher mit dem Wirtschaftsprofessor mehrfach im Frankfurter Hotel Monopol-Metropol getroffen, wo Erhard seit dem 20. Februar weilte. Er war vermutlich eigens dorthin gekommen, um doch noch seine Chancen auf die Semler-Nachfolge zu sondieren. Nach den Gesprächen mit Blücher und Preusker durfte er annehmen, dass sie nicht ganz schlecht standen, denn beide waren hinterher nicht allein von seinen vorzüglichen Zigarren (damals regelrechte Raritäten), sondern mehr noch von seinen optimistischen Ausführungen beeindruckt.
An der Nachtsitzung der CDU/CSU-Fraktion vor der Wahl nahmen dann erstmals zwei FDP-Abgeordnete – Heinrich Faßbender und Fritz Oellers – teil und beharrten in der intensiven Debatte auf dem liberalen Personalvorschlag. Im Protokoll heißt es hinterher: »Zu Gunsten einer gedeihlichen zukünftigen Zusammenarbeit mit der FDP verzichtet die Fraktion auf die Nomination Dr. Seebohms. Obwohl dieser die einhellige Anerkennung der kleinen Auswahlkommission gefunden hat, beschließt die Fraktion mit 12 gegen 2 Stimmen, der Kandidatur Dr. Erhards zuzustimmen.« 31
Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Erhard nicht so einfach nominiert worden wäre, wenn Konrad Adenauer hätte in Frankfurt sein und den christdemokratischen Findungsprozess konzentriert steuern können. Telefonisch hatte er sich wohl gegenüber seinem Freund und Vertrauten Robert Pferdmenges für Hans-Christoph Seebohm – und den Kölner Oberbürgermeister Hermann Pünder, dessen Zusage er vorsorglich einholte – ausgesprochen. Auf den für die Union überraschenden FDP-Vorschlag in letzter Minute hatte er dann nicht mehr reagieren können. Dass der alte Fuchs, der sich so stark für Semlers Wahl eingesetzt hatte, sich jetzt mit einem Vorschlag der FDP, einen Parteilosen zu wählen und damit den Zugriff auf eine wichtige Schlüsselposition aufzugeben, einverstanden erklärt hätte, ist schwerlich anzunehmen. Außerdem wusste Adenauer mit ziemlicher Sicherheit, dass ein Untersuchungsausschuss in München wenige Monate zuvor ausgerechnet diesem Kandidaten bürokratische Unfähigkeit attestiert und die Eignung zum Ministeramt abgesprochen hatte.
Warum haben Vertreter aus Bayern wie Josef »Ochsensepp« Müller, der CSU-Chef, oder der junge, ehrgeizige Franz Josef Strauß, die beide natürlich nur zu genau vom Untersuchungsausschuss wussten, in Frankfurt so vornehm geschwiegen? Vermutlich weil sie zu den wenigen in der CSU gehörten, die Erhard schätzten, ja sich ihm freundschaftlich verbunden fühlten. Insgesamt bleibt jedenfalls bemerkenswert, dass die Vertreter der CDU und der CSU einen erklärten Liberalen – und als solcher galt Erhard damals schon – überhaupt akzeptierten. »Entweder«, so hat Gerold Ambrosius diese Tatsache zu erklären versucht, »bestand eine erhebliche Unkenntnis über die Persönlichkeit des neuen Wirtschaftsdirektors, oder man hielt den Handlungsspielraum für eine gezielte Wirtschaftspolitik schlichtweg noch für zu begrenzt.« 32
Schon sehr bald sollte Ludwig Erhard, der am 6. April 1948 den geschäftsführenden Walter Strauss ablöste, dem Wirtschaftsrat und der deutschen Öffentlichkeit die Grundzüge seiner wirtschaftspolitischen Vorstellungen offenlegen und damit alle eventuell noch vorhandenen Unsicherheiten bezüglich seiner Position beseitigen. Bevor er das aber tat, erklärte er den mehr als 3000 Beamten und Sachbearbeitern seiner Riesenbehörde zur Planung und Lenkung der bizonalen Wirtschaftspolitik, dass es das Hauptziel seines Handelns sei, die Bewirtschaftung abzuschaffen und den Großteil von ihnen damit leider überflüssig zu machen und in andere Aufgabengebiete zu entlassen. Der eine oder andere wird das gewiss mit leichtem Frösteln vernommen haben.
Mit seiner Konzeption vor den Wirtschaftsrat und damit vor die Öffentlichkeit trat er mit der berühmten Grundsatzrede vom 21. April. Nach seiner Wahl war er im Übrigen nicht bei den Fraktionssitzungen der FDP erschienen, obwohl er aus dem Radio die freudige Nachricht vernommen hatte, dass die Liberalen Wort gehalten und seine Ernennung durchgesetzt hatten, sondern immer häufiger bei den Sitzungen der CDU/CSU-Fraktion. Das wurde natürlich registriert. Auf eine entsprechend besorgte Anfrage aus dem bayerischen Landesverband, auf welchem politischen Ticket Ludwig Erhard denn nun eigentlich reise, antwortete Thomas Dehler am 12. März denn auch merklich frustriert: »Dr. Erhard ist nicht Mitglied der Freien Demokratischen Partei. Er ist einer der Leute, die uns ›nahestehen‹. Es gibt tausende solcher Männer. Wir lieben sie nicht. Aus ihnen rekrutiert sich das Heer der ›Mitläufer‹, die schon immer eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben.« 33Das war eine Momentaufnahme der Bitterkeit. Erhard und Dehler fanden dennoch später zu einem kollegial-freundschaftlichen Umgang miteinander. Erhard wusste allerdings, dass er zur Durchsetzung seiner umfassenden wie stark umstrittenen Pläne stärkere Bataillone als die der FDP benötigte. Daher begann er, sich auf die Seite der Union zu schlagen, suchte aber die Liberalen, die ihm sachlich-inhaltlich natürlich näherstanden, darüber nicht allzu heftig zu verprellen.
Die deutsche Wirtschaftsordnung der unmittelbaren Nachkriegsjahre hat der Journalist Michael K. Caro ebenso drastisch wie treffend einen »Bastard aus Kriegswirtschaft und Planwirtschaft« genannt. 34Ein gesetzlich vorgeschriebener Preis- und Lohnstopp – in Deutschland bereits im Oktober 1936 dekretiert – blockierte auch nach der Zerschlagung des Dritten Reichs zusammen mit den umfassenden zentralen Bewirtschaftungsmaßnahmen weiterhin jedes marktwirtschaftliche Funktionieren. Nun kam noch erschwerend hinzu, dass sich alliierte und deutsche bürokratische Vorschriften zunehmend wechselseitig behinderten. Die Kriegs- und Rüstungswirtschaft rasch und möglichst reibungslos den neuen Erfordernissen der Friedenszeit anzupassen war jedenfalls bis dahin nahezu vollständig missglückt. Die Versorgung der Bevölkerung selbst mit dem Notdürftigsten war keineswegs sichergestellt. An den einfachsten Dingen fehlte es. Nahrungsmittel, Zahnbürsten, Seife, Schnürsenkel, aber auch Wohnraum, Fensterglas und Fahrräder – Mangel allenthalben. Die industrielle Produktion hatte 1948 gerade erst wieder etwa 50 Prozent des Standes von 1936 erreicht, obwohl die Industrieanlagen im Land nicht komplett, sondern »nur« zu etwa 25 bis 29 Prozent zerstört waren. Allerdings verlängerten und vertieften die alliierten Demontagen vielerorts das Verlustpotential, besonders in der sowjetisch besetzten Zone, die ohnehin durch die dort eingeleiteten sozialistischen Beschlagnahmungen, Kontensperren und Verstaatlichungen in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung um Jahre, ja Jahrzehnte zurückgeworfen werden sollte. Wer arbeitete, tat dies aber in allen vier Zonen unzureichend ernährt, denn nur mit Mühe konnten die Menschen ihren täglichen Kalorienbedarf decken. Was unter diesen Umständen produziert wurde, gelangte außerdem nicht in jedem Fall auf den Markt. Waren wurden zurückbehalten, gehortet, weil die im Zuge der Kriegsfinanzierung bedenkenlos aufgeblähte Geldmenge massiv an Wert eingebüßt hatte – das Gesetz des Tauschhandels, des grauen, schwarzen Marktes galt weiterhin mit Zigaretten als der einzig wirklich akzeptierten stabilen Währung. 35
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