Umso stolzer war der Minister als »Schirmherr« über den Erfolg und Publikumsandrang bei der ersten, von ihm mit besonderem Enthusiasmus organisierten »Export-Schau« des Freistaats, die dem durch bürokratische Gängelung und die strengen Kontrollen der Besatzungsmächte fast völlig abgewürgten bayerischen Außenhandel die Türen in die Welt wieder öffnen sollte. Natürlich ließ er es sich als Staatsminister nicht nehmen, US-Außenminister James F. Byrnes während dessen Deutschlandbesuch im Herbst 1946 in Begleitung des Ministerpräsidenten persönlich durch diese »Leistungsschau der bayerischen Wirtschaft« zu führen. Byrnes hielt anschließend am 6. September in Stuttgart seine berühmte »speech of hope«, in der er den Deutschen Mut zusprach und erstmals Hoffnungen auf die Rückgewinnung der verlorenen Souveränität und ein Ende der Aufteilung in vier Besatzungszonen machte. Zugleich legte er den Morgenthau-Plan, der Deutschland in einen Agrarstaat hatte verwandeln wollen, vernehmlich zu den Akten, indem er erstmals offiziell erklärte, dass die Vereinigten Staaten einen Wiederaufbau unterstützten, weil davon »nicht nur das Wohlergehen Deutschlands, sondern auch das ganz Europas« abhänge – ein entscheidender Wendepunkt in der US-Deutschlandpolitik.
Der bayerische Wirtschaftsminister im Gespräch mit dem ranghöchsten Offizier seiner »amerikanischen Entdecker«, dem Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte in Europa, General Dwight D. Eisenhower, im Herbst 1946 in München .
Wenige Monate nach dieser Rede verkündete der amerikanische Präsident im März 1947 seine berühmte »Truman-Doktrin« und bot unter dem Eindruck der voranschreitenden sowjetischen Expansion in Ostmitteleuropa und des kommunistischen Putschversuches in Griechenland jedem Staat amerikanische Hilfe an, der von kommunistischen Umsturzversuchen und Machtergreifungen bedroht sei. Damit war der Zerfall der Siegerkoalition von 1945 offen zutage getreten, zugleich der Kalte Krieg erklärt – und eine baldige Wiedervereinigung Deutschlands in weite Ferne gerückt. Aber da war Außenminister Byrnes schon nicht mehr im Amt. Er war nach Differenzen mit Truman bereits am 20. Januar zurückgetreten, sein Nachfolger wurde der General und Diplomat George C. Marshall, mit dessen Namen sich das gewaltige Kreditprogramm zum Neuaufbau Europas, das »European Recovery Program« (ERP) verknüpft, das der Kongress im Sommer 1947 verabschieden würde.
Auch Ludwig Erhard war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Amt, er hatte es sogar noch vier Wochen früher als Byrnes verloren. Sein Rücktritt war aber vor allem der Tatsache geschuldet, dass in Bayern am 1. Dezember 1946 die ersten Landtagswahlen nach dem Krieg stattgefunden hatten. Die CSU hatte aus dem Stand die absolute Mehrheit erreicht, anschließend unter der Führung ihres Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt, Hans Ehard, mit den Sozialdemokraten (und der Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung) eine Große Koalition gebildet – was damals keineswegs ungewöhnlich, sondern in den allermeisten Ländern gängige Praxis war. 10
Der parteilose Ludwig Erhard musste daher am 21. Dezember 1946 dem Sozialdemokraten Rudolf Zorn weichen, da ihm die Rückendeckung der CSU fehlte, in die er nicht hatte eintreten wollen. Allerdings wäre eine Fortsetzung seines Ministeramts wohl auch nach einem opportunistischen Parteieintritt schwierig geworden. Aufgrund seiner immer unverhüllter zutage tretenden liberalen Auffassungen war der Wirtschaftsminister nicht nur mit seinem kommunistischen Staatssekretär oder den Sozialdemokraten, sondern auch rasch mit dem »Bauernflügel« der CSU sowie dem bayerischen Gewerkschaftsbund aneinandergeraten.
Er stand außerdem in dem Ruf, sein Ministerium nicht straff genug führen zu können, überhaupt für die Wahrnehmung bürokratischer Aufgaben ungeeignet zu sein, hatte andererseits ungeniert – welche Anmaßung – wiederholt öffentlich die Meinung vertreten, Bayern sei für einen Wirtschaftsfachmann seines Kalibers als Betätigungsfeld eindeutig zu klein. 11Seinen Kritikern und Gegnern fehlte es jedenfalls nicht an »Munition«, auch Erhards kommunistischer Staatssekretär Georg Fischer lieferte ihnen diese fleißig. Das nach seiner Entlassung durch die Militärverwaltung im Juni 1946 von ihm mitgenommene Material stellte er den Linksparteien zur Verfügung.
Kurz nach Erhards Entlassung wurde auf Antrag der SPD im Februar 1947 daher vom bayerischen Landtag ein »Ausschuss zur Klärung der Missstände im Wirtschaftsministerium« eingesetzt, der erste in der bundesrepublikanischen Parlamentsgeschichte. Unter dem Vorsitz des CSU-Landwirtschaftsministers Alois Schlögl tagte er neun Monate lang, befragte 50 Zeugen – um in seinem Abschlussbericht festzustellen: »Dem Minister a. D. Dr. Erhardt (sic!) können nach Überzeugung des Ausschusses keine Vorwürfe in Bezug auf die Lauterkeit seiner Person gemacht werden. Wenn Minister Erhardt der Erfolg versagt blieb, so lag dies nach Überzeugung des Ausschusses im Besonderen daran, daß er zuviel Theoretiker war, daß ihm die nötige Verwaltungserfahrung zur Führung eines Ministeriums fehlte und er es nicht verstand, sich die Mitarbeiter zu suchen, die das, was ihm fehlte, ersetzten.« 12
Erhard muss sich darüber schrecklich geärgert haben, obwohl sich alle Korruptionsvorwürfe in Luft aufgelöst hatten. Die Hinweise über Verwaltungsprobleme, nun gut, das kannte er schon seit Vershofen, da mochte vielleicht etwas dran sein. Allerdings hatte er auch mit einem heterogenen Apparat zu kämpfen gehabt. Aber ein abgehobener Theoretiker? Lächerlich. Das war er ja nun gerade nicht . Entsprechend scharf äußerte sich der Angegriffene am Ende des Verfahrens in einem Interview mit Radio München, sprach von »Pharisäertum«, »grandiosem Blödsinn«, »grotesken Unwahrheiten«, auch von »Verleumdung und Ehrabschneiderei«, schließlich abschätzig von »parlamentarischem Freibeutertum«. 13
Durch seine Einbindung in den Münchner Kreis um den bedeutenden Nationalökonom Adolf Weber, einen dezidierten Kritiker der sowjetischen Planwirtschaft wie der NS-Befehlswirtschaft, war Ludwig Erhard noch während seiner kurzen Ministerzeit in Kontakt zur Staatswirtschaftlichen Fakultät der Universität München gekommen. Bereits in der Fakultätssitzung vom 2. Februar 1946 hatte man beschlossen, beim bayerischen Kultusministerium die Ernennung Erhards zum Honorarprofessor zu beantragen, und ihm nach Zustimmung der Militärregierung vom 26. März 1946 zwei Lehraufträge über wirtschaftspolitische Gegenwartsfragen erteilt, von denen er allerdings wegen seiner ministeriellen Arbeitsbelastung nur den ersten durchführte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kabinett wurde ihm ein neuerlicher Lehrauftrag erteilt. Fast zeitgleich mit dem Vorliegen des Untersuchungsberichts wurde ihm am 7. November 1947 dann endlich die Ernennung zum Honorarprofessur an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität München überreicht, auf die er so ausgemacht stolz war, dass er »fortan die Anrede ›Professor‹ quasi zu seinem ersten Vornamen machte«. 14
Die Ernennung war zwar ein willkommenes Trostpflaster, aber sie konnte ihn nicht wirklich darüber hinwegtrösten, dass die angestrebte Karriere in der Politik nach etwas mehr als einem Jahr ganz offensichtlich schon wieder abrupt beendet worden war, zumal diese akademische Würde seine Rolle als realitätsferner »Theoretiker« noch festzuschreiben schien – und dass ihm nun offenbar nachgesagt werden konnte, er sei zur Führung eines Ministeriums ungeeignet. Immerhin war er auf Umwegen endlich doch noch ein Hochschulprofessor geworden, wenn auch ohne Habilitationsschrift. Nicht nur vor seinen Studenten, die ihm in der Universitätsruine in der Münchner Ludwigstraße zuhörten und, weil es kaum Heizleistung gab, Briketts zu den Sitzungen beisteuerten, trat er in diesen Wochen weiter für marktwirtschaftliche Prinzipien ein. Auch im Organ der amerikanischen Besatzungszone Die Neue Zeitung äußerte er sich mehrfach ablehnend gegenüber »staatlicher Befehlswirtschaft« und Wirtschaftsvorstellungen eines demokratischen Sozialismus. 15Wirklich lange unterrichtet hat er allerdings nicht, denn nach wenigen Monaten verließ er die Alma Mater schon wieder – für immer.
Читать дальше