Wer sollte Direktor der besonders wichtigen Verwaltung für Wirtschaft werden? Darüber kam es zu einem folgenreichen Konflikt. Die SPD, die zu diesem Zeitpunkt bereits sämtliche acht Wirtschaftsminister in der Bizone stellte, plädierte für Alfred Kubel, den sozialdemokratischen Wirtschaftsminister und – seit dem 9. Dezember 1946 – Ministerpräsident Niedersachsens, nachdem der marxistisch geschulte Viktor Agartz sich aus gesundheitlichen Gründen zum Verzicht auf eine Kandidatur gezwungen gesehen hatte. Doch hier – und das ist eine Ironie der Geschichte oder eine, nach Hegel, ihrer Listen – intervenierte Konrad Adenauer, der Vorsitzende der CDU in Rheinland und ihr Fraktionsvorsitzender im Landtag von NRW, erstmals auf einem Feld, das Ludwig Erhard stark tangieren sollte. Zur entscheidenden Fraktionssitzung von CDU und CSU vor der Wahl am 22. Juli 1947 war er eigens nach Frankfurt gereist und hatte die Abgeordneten vehement davor gewarnt, auch noch dieses Wirtschaftsamt der SPD zu überlassen: »Mit Aufgabe des Wirtschaftsdirektors durch die CDU werde die CDU in der britischen Zone einen Stoß erhalten, von dem sie sich nicht mehr erholen werde«, lautete die von seinem Hang zur Überdramatisierung geprägte Warnung. Das mochten aber nun doch nicht alle anwesenden Christdemokraten glauben, denn die Probeabstimmung fiel mit zwölf zu sieben Stimmen bei zwei Enthaltungen recht knapp aus.
Aber immerhin gab Adenauers Intervention den Ausschlag. Die Mehrheit von CDU/CSU, FDP und DP – ein bürgerliches Bündnis rechts von der SPD, das es auf Länderebene bislang sonst nirgendwo gab – brachte anschließend Johannes Semler, einen der wenigen evangelischen Mitbegründer der bayerischen CSU, als ihren Kandidaten durch. Daraufhin zog die SPD enttäuscht ihre Bewerber für die übrigen Ressorts zurück, ging schmollend in die Opposition und verzichtete damit auf wichtige Einflussmöglichkeiten. Es war ein Schritt mit Langzeitwirkung, zugleich eine der ersten wichtigen Weichenstellungen der deutschen Innenpolitik nach dem Krieg – und bald schon überaus folgenreich für Ludwig Erhard. 23
In einer der nächsten Sitzungen des Wirtschaftsrats hatten die Abgeordneten auf Anweisung der Besatzungsmächte die sog. »Sonderstelle Geld und Kredit« zu besetzen, die auf deutscher Seite Vorschläge für die allgemein als unvermeidlich erachtete Währungsreform erarbeiten sollte. Unter den acht Vollmitgliedern dieses neuen Gremiums, die sich am 10. Oktober 1947 in Bad Homburg im Taunus zu ihrer ersten Sitzung trafen, befand sich auch Ludwig Erhard, der – vielleicht kannten einige der Anwesenden zumindest vom Hörensagen seine Denkschrift zur Schuldenkonsolidierung – wenig später sogar den Vorsitz übernahm. Zu den lange unbekannten Hintergründen dieser Wahl, die Erhard wieder etwas näher an die politische Sphäre heranführte, hat Andreas Metz 1998 hilfreiche Hinweise beigesteuert und plausibel belegt, dass es der bayerische FDP-Abgeordnete und Präsident der bayerischen Maschinenbau-Anstalten Everhard Bungartz gewesen ist, der ihn seiner Fraktion vorgeschlagen hatte. Die FDP, die in Bayern zwischen 2,5 und 5 Prozent dahindümpelte, hatte schon länger ein Auge auf Erhard geworfen, und besonders sein bayerischer Kollege Thomas Dehler hatte sich schon um ihn bemüht. Die Benennung von Erhard als Kandidaten für die Sonderstelle und seine Bestätigung war denn auch so etwas wie ein Werbegeschenk der FDP an ihn. 24
Die Sonderstelle und damit auch Erhard wurden dem Direktor der Verwaltung für Finanzen beim Frankfurter Wirtschaftsrat, dem CDU-nahen Alfred Hartmann, von 1949 bis 1959 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, unterstellt. Allerdings durften sie nicht direkt mit dem Wirtschaftsrat zusammenarbeiten – ihre Ergebnisse sollten ausschließlich dem »Bipartite Control Office« (BICO), also der amerikanisch-britischen Verwaltung, zugeleitet werden. Rasch wurde den Mitgliedern der Sonderstelle und damit auch Erhard klar, »daß der Inhalt der Währungsreform von den Alliierten weitgehend selbst bestimmt werden würde, und daß diesen vorwiegend nur an einer technischen Mitarbeit der deutschen Sachverständigen gelegen war«. 25Die Amerikaner, allen voran der junge Währungsexperte Edward A. Tenenbaum, der unter der Anleitung von Jack Bennett, dem Finanzberater des amerikanischen Militärgouverneurs Lucius D. Clay, wesentliche Teile der Reform konzipierte, insbesondere die in den USA bei New York neu zu druckende und anschließend in Deutschland zu verteilende Geldmenge und die Umtauschquote austüftelte, wollten sich die Regie bei diesem Schritt, den sie für den wirtschaftlichen Gesundungsprozess für entscheidend hielten, keinesfalls aus der Hand nehmen lassen.
Für Ludwig Erhard bestand daher keine Möglichkeit, von dieser Basis aus jene umfassende Wirtschaftsreform in Gang zu setzen, von deren Notwendigkeit er schon seit der letzten Kriegsphase zutiefst überzeugt gewesen war. Allerdings tat er selbst diesmal nichts, um sich anderweitig – etwa durch Mitgliedschaft in einer Partei – eine politische Basis zu verschaffen. Er suchte lediglich über Zeitungsartikel öffentlich für seine Vorstellungen zu werben und wartete ab – in auffälligem Gegensatz zu Adenauer, der in diesen Wochen und Monaten zielstrebig seine politische Einflusssphäre auszubauen und abzusichern wusste. Dass Erhard 1948 doch noch in jene Schlüsselposition gelangte, die er im Frühjahr 1945 angestrebt hatte, verdankte er am Ende weniger eigener Initiative als einer Kette von kaum vorhersehbaren Umständen und Zufällen – und ein weiteres Mal der energischen Fürsprache durch die Freien Demokraten.
Nachdem im Dezember 1947 die Londoner Außenministerkonferenz in keiner Frage eine wirkliche Einigung gebracht, sondern vor dem Hintergrund der avisierten Marshallplanhilfe und der voranschreitenden kommunistischen Gleichschaltung in den mittel- und osteuropäischen Staaten ganz im Gegenteil eine Verschärfung der Gegensätze zwischen den drei Westmächten und der stalinistischen Sowjetunion sichtbar gemacht hatte, trieb die amerikanische Regierung den Ausbau der Bizone zu einem selbständigen, funktionstüchtigen Staatsgebilde – wenn irgend möglich unter Einschluss der französischen Zone – mit noch größerer Energie voran. 26Die Kompetenzen des Wirtschaftsrates in Frankfurt wurden erweitert, die Zahl seiner Mitglieder verdoppelt. Seine Direktoren bildeten fortan unter einem ihre Arbeit koordinierenden Oberdirektor einen Verwaltungsrat, eine Art Kabinett. Damit hatte sich – zumindest partiell – im westlichen Teil Deutschlands so etwas wie die Vorform eines zentralen Regierungssystems ausgebildet.
Wie schon beim Vorgänger dieses neu formierten Wirtschaftsrates standen auch jetzt wieder Sozialdemokraten und Kommunisten in Opposition zur »regierenden« bürgerlichen Koalition, die sich bei Semlers Wahl erstmals zusammengefunden hatte. Bei der Wahl der einzelnen Direktoren gaben die Abgeordneten von KPD und SPD weiße, also ungültige Stimmkarten ab. Hermann Pünder, von 1926 bis 1932 Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei, im Herbst 1945 dann Adenauers Nachfolger im Amt des Kölner Oberbürgermeisters, erreichte bei seiner Wahl zum Oberdirektor am 2. März 1948 nur 40 statt der eigentlich erforderlichen 53 Stimmen – und kam (wegen des Stimmverhaltens von SPD und KPD) dennoch nach kurzen Geschäftsordnungsdebatten durch. 27Auch dem neuen Direktor der Verwaltung für Wirtschaft im Vereinigten Wirtschaftsgebiet – so sein offizieller Titel – genügten 48 Ja-Stimmen gegenüber 49 weißen Kärtchen für eine »Mehrheit«. 28Dieser Direktor, der da am 2. März 1948 gewählt worden war, hieß für viele gänzlich überraschend – Ludwig Erhard.
Wie war das möglich? Johannes Semler, der bisherige Direktor der Verwaltung für Wirtschaft, hatte am 4. Januar 1948 auf einer CSU-Veranstaltung in seiner berühmten »Hühnerfutter-Rede« die amerikanische Militärverwaltung wegen der – angeblich – schlechten Versorgungslieferungen scharf attackiert und war, weil ein Spitzel mitgeschrieben und seine Worte der Besatzungsmacht hinterbracht hatte, drei Wochen später seines Amtes enthoben worden. 29In der Union war klar, dass es bei der Neubesetzung eigentlich um eine Richtungsentscheidung über die zukünftige Wirtschaftspolitik ging. In der Anlage zum Protokoll der Fraktionssitzung vom 23. Februar 1948 stand unter dem Punkt »Freie oder staatlich gebundene Wirtschaft?« die Feststellung: »Die CDU muß ein klares und eindeutiges Gesicht in dieser Frage zeigen. Was gegenwärtig herrscht, ist kein Kompromiß, sondern Systemlosigkeit«. 30
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