»Mehr verlangen wir auch nicht, Malachi«, sagte MacDonnell. »Mehr verlangen wir nicht.« Er füllte ihre drei Gläser. »Nun nimm doch hiervon einen Schluck, auf unsere Abmachung.«
»Ich werde gern auf Eure Gesundheit trinken«, erwiderte Elliott. »Aber eine Abmachung haben wir erst mit dem Eid.«
»Ihr seid ein Gentleman mit sehr starren Regeln«, sagte Duggan. »Wie alle Gentlemen.«
Als sie allein bei ihren Pferden auf der heißen, staubigen Straße standen, sagte Elliott: »Ich kann mit Eurem Duggan wenig anfangen. Er ist ein gerissener Rohling.«
MacDonnell lächelte. »Stimmt. Er ist ein so übler Schurke, wie wir ihn auf einem Tagesritt überhaupt finden können. Was habt Ihr denn erwartet?«
»Etwas besseres.«
MacDonnell spuckte aus und scharrte dann geistesabwesend mit seinem Stiefel auf der Spucke herum. »Ihr solltet Euch dann wohl besser anderswo umsehen, Malcolm. Duggan ist das, was wir hier haben. Und wir können schlimmere als Duggan finden, und das werden wir vielleicht auch, ehe dieses Lied fertig gesungen ist. Habt Ihr Euch nie diese wilden Geschöpfe aus Belmullet angesehen, die nicht besser sind als Heiden? ›Christus ist nicht für Belmullet gestorben‹, heißt es in Erris.«
Elliott lächelte. »Wenn Er für Malachi Duggan gestorben ist, dann hat Er ein schlechtes Geschäft gemacht.«
MacDonnell brüllte vor Entzücken und legte seine Hand auf Elliotts Schulter. »Ihr seid ein schrecklich gotteslästerlicher Protestant, bei Jesus.«
»Ihr seid auch nicht schlecht«, erwiderte Elliott, immer noch lächelnd.
Es hatte eine Zeit gegeben, vor sieben oder acht Jahren, als er und MacDonnell sich sehr ähnlich gewesen waren, die besten Reiter der Jagd, die beim Rennen zusammen tranken, die letzten beiden, die in der frühen Dämmerung ein Fest verließen. Vor Dublin, vor London. Nun sah er MacDonnell als einen Mann, dessen Welt von seinem Horizont, von Bucht und flachen Feldern und entfernten Bergen begrenzt war. Belmullet war das letzte Ende seiner Welt, wie die leeren weißen Flekken auf der Karte eines Entdeckers.
»Was sind wir doch für Idioten«, sagte MacDonnell. »Landbesitzer, die mit Whiteboys verhandeln. Wir haben Glück, wenn wir ohne Strick um den Hals aus dieser Sache herauskommen. In Wexford sind auch Grundbesitzer gehenkt worden. Bagenal Harvey war ein Landbesitzer und Grogan auch.«
»Da habt Ihr durchaus recht«, sagte Elliott, und das Lächeln verließ seine Lippen. »Wir haben gute Chancen, gehenkt zu werden.«
»Ich habe dem jungen Johnny Moore eine einfache Antwort gegeben, wenn Ihr versteht, was ich meine. Weder ja noch nein. Aber bei Jesus, als sie diese Burschen nach Ballina gekarrt haben, stand meine Entscheidung fest. Wir oder sie, sagte ich mir, und ich werde diese Angelegenheit nicht ohne einen Kampf auf sich beruhen lassen. Die Zeiten sind lange vorbei, als ein kleiner Scheißer wie Sam Cooper durch die Baronie reiten und sich wie der Großtürke aufführen konnte.«
»Nun ja«, sagte Elliott. »Whiteboys. Bei Whiteboys hat es nie ein Pardon gegeben. Vor zwanzig Jahren hätten diese Burschen sich glücklich schätzen können, wenn sie Ballina lebend erreicht hätten.«
»Bei Gott, das stimmt«, erwiderte MacDonnell. »Zur Zeit meines Vaters, oder des Euren. Aber das ist lange her. Und es gibt in diesem Land noch immer nicht genug Gerechtigkeit, um den Hut eines Pastors zu füllen. Vielleicht bringen Eure Franzosen uns welche, zusammen mit ihren Gewehren und ihren Soldaten.«
»Ja«, sagte Elliott. »Vielleicht.«
»Und vielleicht nicht?« fragte MacDonnell schnell. »Ihr seid ein seltsamer Rebell, Malcolm Elliott. Ein widerstrebender Rebell. Ihr solltet mich mit Ermutigungen überschütten, nicht mit Zweifeln.«
»Ach«, sagte Elliott. »Kümmert Euch nicht um mich, Randall. Ich weiß seit mindestens drei Jahren, daß die einzige Hoffnung für dieses Land in einer Rebellion liegt. Die allereinzige. Da bin ich mir ganz sicher. Aber Gott hat mich nicht als Rebell erschaffen. Es kommt mir so vor, als handelte ich meiner eigenen Natur zuwider.«
»Ihr seid schlimm dran, Ihr Armer, und ich bedaure Euch. Als ich auf Steeple Hill stand und sah, wie die Karren davonfuhren, und die Frauen schreien und hinterherrennen hörte, da sagte ich mir: Bei Gott, Randall, zur Hölle damit, und wenn die Franzosen im Süden landen, dann will ich Mayo aufwekken. Und das kann ich, bei Gott. Ich und Ihr und Corny O’Dowd und Tom Bellew und Duggan mit seinen Whiteboys, wenn sie sich mit uns zusammentun. Und als ich das gedacht hatte, da hatte ich das Gefühl, ich hätte einen Whiskey getrunken. Oder in Castlebar beim Rennen gewonnen. Süßer Jesus, sagte ich mir und hätte am liebsten meinen Hut in die Luft geworfen. Beim Blut der Jungfrau Maria, wir werden hier den Ton angeben. Wir werden Mayo regieren.«
»Hört Euch doch bloß an«, sagte Elliott und lächelte wieder. »Ihr seid ein gotteslästerlicher, götzenanbetender Papist. Und Ihr habt von dieser Rebellion so wenig Ahnung wie von Platos Werken.«
»Ich habe weitaus mehr Ahnung als Ihr«, widersprach MacDonnell. Er setzte einen Fuß in den Steigbügel und schwang sich dann elegant in den Sattel. »Wir werden Mayo regieren.« Er berührte seinen Hut mit der Reitpeitsche und hielt auf die Straße nach Norden zu.
Elliott dagegen ritt südwärts, in Richtung Ballina, wo die Männer aus Killala im Gefängnis saßen, nach Moat House. Links von ihm erhoben sich in weiter Ferne in blauem Dunst die Ox Mountains. Seine Straße führte an der träge fließenden Moy entlang, einem guten Lachsfluß. Er hatte als Junge darin geangelt, mit krummem Stock und aufgespießtem Wurm, der unten am Bindfaden baumelte. Es war genausogut seine Welt wie die MacDonnells, aber er fühlte sich in ihr nicht mehr zu Hause. In Dublin hatte er sich nach ihr gesehnt, zuerst in Trinity und dann in seinem Quartier bei King’s Inn. Damals konnte er sich an jede Kurve des Flusses erinnern, an den Anblick jeden Himmels, an das Gefühl der Herbstwege unter seinen Stiefeln. Eine Möwe, die vor dem blauen und silbernen Dubliner Himmel mit den Flügeln schlug, konnte ihn im Nu nach Mayo versetzen, und er konnte sehen, wie der Fluß sich in die Bucht von Killala ergoß, konnte das brackige Wasser der Bucht riechen. Nun gab es nur Ackerland, öden Horizont, schale, geschmacklose Luft. Um seine Laune zu heben, versuchte er erfolglos, seine Erinnerungen an den Anblick wiederzufinden, der sich vor ihm erstreckte.
»Du hast das schon alles richtig verstanden, Ferdy«, sagte MacCarthy. »Aber wir haben es hier mit einem großen Gedicht zu tun und nicht mit einem Pacht- oder Kaufvertrag. Laß uns alles noch einmal durchgehen.«
Sie saßen nebeneinander an dem niedrigen, groben Tisch in O’Donnells Küche, die offene Ovidausgabe lag zwischen ihnen, ihr Einband war lose und die Seiten vergilbt.
»Wir fangen noch einmal an«, sagte er geduldig. »Inde per immensum ventis ...« Die Worte hallten in seinem Kopf wider, Klänge so reif und mächtig wie Glockenschläge.
Inde per immensum ventis discordibus actus nunc huc, nunc illuc exemplo nubis aquosae fertur et ex alto seductas aethere longe despectat terras totumque supervolat orbem.
Er ließ seine Augen über die vertraute Seite gleiten. Dieser kunstfertige Heide, wer konnte sich schon mit ihm messen! Und mein Gott, die Sprache, die ihm gegeben wurde, war reich und machtvoll. Es gab keine Aufgabe, die sie nicht bewältigen konnte. Sie zog sich in Schlingen gelassener Kraft über die Seite.
»Perseus ist durch die Luft unterwegs, durch den Himmel selber, und bald wird die ganze Welt zu seinen Füßen liegen. Er wird unendlich weit durch die Luft getragen, erzählt uns der Dichter, erst hierhin, dann dorthin, wie der Nebel. Und als er nach unten blickt, sieht er die ganze Welt, oder was sie damals für die ganze Welt gehalten haben, die armen Heiden. Killala hat er nicht gesehen. Wie die Seevögel, die du bei Downpatrick Head sehen kannst, mit ihren weiten Flügeln, so hoch, daß sie mit ihren kleinen Augen von Galway bis Donegal sehen können. Aber obwohl sie uns frei erscheinen, sind die Winde doch ihre Herren und werfen sie nach Herzenslust herum. Behalte die Seevögel von Downpatrick wie ein Bild in deiner Erinnerung, und dann versuch es nochmal.«
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