Aber O’Donnell legte seine große, schwere Hand auf die Seite und verdeckte die Worte. Eine schwarze Wolke zog über dem großen Meer im Süden auf.
»Ach, Owen, es war lieb von dir, mit deinen Büchern herzukommen, aber ich kann jetzt nicht an Perseus oder Seevögel denken. Nicht, solange der arme Gerry und die anderen im Gefängnis sitzen.«
»Es ist hart für dich, Ferdy, und noch härter für Gerry. Aber du mußt noch lange warten bis zur Gerichtsverhandlung.«
»Und wir wissen beide, was dann passieren wird«, sagte O’Donnell. Er schob die Ovidausgabe beiseite. »Ich bin ein friedlicher Mann, aber wenn ich meine beiden Hände um Paudge Nallys Kehle legen könnte, dann würde ich das Leben aus ihm herausquetschen. Wirklich. Er wird mit seinem Lügenmaul noch Gerrys Leben verschwören.«
MacCarthy, der keinen Trost für ihn wußte, schloß das Buch und schob die lockeren Seiten hinein. In der Dämmerung ruhte Perseus am Rand der Welt, weit im Westen, wo die See sich ausdehnte und wo die tausend Herden des Atlas nach Lust und Laune über die grasbewachsenen Ebenen wandelten.
»Und dabei wollten wir in diesem Jahr etwas mehr erwirtschaften als die Pacht«, sagte O’Donnell, »wo die Ernte so gut ausfällt, wenn Gott will, Maire und Gerry und ich haben erst vor kurzem an diesem Tisch darüber gesprochen. O Gott, Owen, am Ende werden sie ihn wohl hängen. Glaubst du das auch?«
»Ach, wirklich, Ferdy, bis zur Verhandlung ist es noch lang, und Gott ist gut. Von jetzt bis dahin kann noch viel passieren.« Aber nichts war gewisser, solange Paudge Nally mit der Hand auf der Protestantischen Bibel im Gericht in Castlebar stand.
»Ich schwöre bei Gott, Owen. Wenn ich diese Nacht hören würde, daß die Franzosen gelandet sind, dann würde ich mir eine Pike suchen und zu ihnen gehen. Das würde ich tun.«
»Du wärst nicht der einzige. Ich war kurz in der Schenke in Kilcummin und habe gehört, was sie gesagt haben. Und die Männer, die das sagten, waren soweit ich weiß keine Whiteboys. Ach, jetzt sind sie vielleicht schon welche. Es war vor einer Stunde. Quigley nimmt am laufenden Band Eide ab, und in Killala ist es dasselbe. Sam Cooper und seine Miliz sind hervorragende Anwerber für die Whiteboys. Cooper und Duggan! Ein feines Paar von unwissenden verdammten Schurken!«
O’Donnell seufzte. »Sam Cooper. Hast du je gehört, daß Mount Pleasant einst den O’Donnells gehört hat? Das ist wahr. Ich habe ein großes verdammtes Dokument darüber in der Truhe. Es stammt aus der Zeit der Stuarts. Mein Vater protzte immer damit, wenn er etwas getrunken hatte.«
»Überall in ganz Irland liegen solche Dokumente in den Truhen«, antwortete MacCarthy, »und es ist das gescheiteste, sie verrotten zu lassen und nicht an sie zu denken. Cromwells Leute geben jetzt den Ton an, und Cromwell ist schon sehr lange tot. In Fermoy im County Cork gab es einen alten Mann. Er hatte eine Eichentruhe voller Papiere und Grundbriefe und solcher Dokumente, und dabei lebte er in einem Loch. Er konnte einen mit seiner Prahlerei wahnsinnig machen, und dabei hatte er keine zwei Schillinge zum Aneinanderreiben.«
»Ich prahle gar nicht«, antwortete O’Donnell. »Aber in den letzten Tagen hat mich der Gedanke wahnsinnig gemacht, daß Cooper hier machen kann, was er will, und den armen Gerry ins Gefängnis steckt. Sie sind mitten in der Nacht gekommen, Maire war gar nicht mehr angezogen. Und an allem ist Cooper schuld. Paudge Nally ist nur ein Affe, der auf Coopers Schulter hockt.«
MacCarthy lachte. »Das ist ein gutes Bild. Haben sie euch da drüben in Douai Rhetorik beigebracht? Ich habe dich oft beneidet, weil du doch Frankreich und alle seine Wunder gesehen hast.«
»Die Wunder Frankreichs, ja? Wir haben soviel von Frankreich gesehen, wie du von Achill Island aus sehen könntest. Wir waren nicht im Seminar, um mehr über die Welt zu erfahren, sondern um Priester zu werden. Und im Seminar war es genauso wie hier. Die Priester verachteten uns, sie hielten uns für einen minderwertigen Menschenschlag. Die Welt hat eine geringe Meinung von den Iren.«
»Zum Teufel mit ihnen allen«, sagte MacCarthy.
»Du bist der bestgebildete Mann in der Baronie«, fuhr O’Donnell fort. »Mit Ausnahme von Mr. Hussey. Und sie haben dich wie einen Spalpeen oder Kesselflicker vor Gericht geschleppt.«
»Ich bin aber zwischen ihnen durchgeschlüpft«, sagte MacCarthy. »Wie ein fettiges Schwein.«
»Gerry schafft das nicht«, meinte O’Donnell. »Er ist ein hitzköpfiger Junge und schreit heraus, was er fühlt. Er wird ins Unglück geraten, wenn ich kein Auge auf ihn haben kann.«
»Bildung ist ein großer Vorteil«, sagte MacCarthy.
»Ach, uns hilft sie überhaupt nicht weiter«, widersprach O’Donnell mit lauter, gequälter Stimme. Er griff nach dem Buch, das MacCarthy jedoch rasch außer Reichweite schob.
»Paß auf, Mann, ja? Kummer ist Kummer, aber dieses Buch hat mich drei Schilling und sechs Pence gekostet.«
O’Donnell starrte ihn einen Moment lang wütend an, dann lächelte er.
»Es wird Zeit, die Flasche aufzumachen, die ich mitgebracht habe«, sagte MacCarthy. »Lassen wir den armen Perseus oben im Himmel sitzen.«
O’Donnell schüttelte den Kopf. »Trink du nur ruhig, Owen, aber ich kann nicht mitmachen. Maire und ich sind letzte Nacht hingekniet und haben der Mutter Gottes versprochen, daß ich keinen Schluck Alkohol über die Lippen bringen werde, bis auch Gerry wieder in diesem Haus einen trinken kann.«
Wir verbringen unser Leben auf Knien, auf Lehmböden, auf den kühlen Steinplatten der Kapellen. Sie haben Gerichte, Miliz, Galgen. Ihnen gehört die Erde, und sie hüten sie sorgfältig vor uns. Gebet ist unsere einzige Zuflucht, sanfte Worte, in die Luft gesprochen. Es war schon fast zehn, aber der Abend hinter der offenen Tür war warm und hell. Noch zu hell für den Mond. Er wollte nicht vor O’Donnell trinken, um ihn bei seinem Gelübde nicht in Versuchung zu führen.
»Nun trink schon, Mann«, sagte O’Donnell ungeduldig. »Ich habe wirklich keinen Durst.«
MacCarthy hob den Krug vom Boden hoch, entkorkte ihn, stützte ihn auf seinen gekrümmten Ellbogen und hielt ihn an seine Lippen.
»So«, sagte er und fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen. »Das ist besser.«
»Du hast recht, Owen, wenn du aus allem aussteigst. Ich kann das nicht. Ich habe Wurzeln, die durch meine Stiefelsohlen wachsen. Alles, was ich kenne, sind dieser Berg und Kilcummin und Killala.«
Wurzeln, von seinen Stiefeln in die magere Bergerde. Das Bild eines Poeten. Vielleicht von Ovid, bei dem alle Menschen zu Pflanzen werden und Blumen zu Menschen. Er muß sich definieren und prägt ein Bild: sein erstes. Ohne Poesie sind wir ohne Sinne und blind. Drei Sprachen drängten sich in MacCarthys Schädel. Irisch, ein Edelmann in Pelzen, der hinter einem Pflug einherstapfte. Englisch, nüchterner Junker in gutem Tuch und flachem, breitkrempigen Hut. Latein, die Königin der Sprachen, die Helden zu Sternen machte und in den Himmel schleuderte. Er trank wieder.
»Das magst du, Owen«, sagte O’Donnell und nickte zum Krug hinüber.
»Und es mag mich«, antwortete MacCarthy. »Wir passen gut zusammen. Wie du und Maire. Du hast wirklich Glück, mit dieser Frau zusammenzusein.«
»Sie geht zur Zeit früh ins Bett«, erwiderte O’Donnell. »Es ist jetzt ein trostloses Haus, und ich bin schlechte Gesellschaft.«
»Ach, Ferdy. Man weiß doch nie. Es ist noch lange bis zur Gerichtsverhandlung.« Das hatte er schon einmal gesagt. Er hatte keinen anderen Trost.
Er erhob sich schwerfällig, kratzte mit seinem Stuhl über die festgetrampelte Erde und ging zur Tür. Die Bucht war von dumpfem, metallischem Grau in der weichen Luft. Eine Fischerschmacke hielt auf Kilcummin zu.
»Ich kenne einen Mann«, sagte er, »der gestern mit Randall MacDonnell einen getrunken hat. Nicht nur die Whiteboys sind zu allem bereit. Wenn dieser Sommer vorbei ist, gibt es vielleicht in Irland keinen County mehr, wo man sich aus dem Ärger heraushalten kann.«
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