Lena stutzte, als sie sah, wie Maggies Augen einen traurigen Ausdruck annahmen. Plötzlich erkannte sie das Problem.
«Denkst du etwa, ich würde dich aus meinen Diensten entlassen, wenn ich erst einen Heiratskandidaten gefunden habe?»
«Natürlich würdest du das», entgegnete Maggie tonlos. «Wofür bräuchtest du dann noch eine Anstandsdame?»
«Ach Maggie», rief Lena, machte einen Satz auf sie zu und umarmte sie stürmisch.
Die junge Frau mit dem strengen Auftreten war ihr längst so sehr ans Herz gewachsen, dass ihr der Gedanke, auf ihre humorvolle Gesellschaft verzichten zu müssen, einen heftigen Stich versetzte.
«Wie kannst du nur glauben, dass ich jemals wieder ohne dich auskommen könnte?», fragte Lena aufgebracht. «Wenn du willst, kannst du dein ganzes Leben in meinem Haushalt verbringen. Wenn nicht als Anstandsdame, so doch als Gesellschafterin. Also mach dir keine Sorgen!» Lena entließ Maggie aus ihrer Umklammerung und schaute ihr prüfend in die Augen. «Oder willst du mich nicht mehr als Freundin, wenn ich erst einmal vermählt bin?»
«Mein ganzes Leben? Mit dir? Was für ein schrecklicher Gedanke», unkte Maggie und versuchte sich an einem koboldhaften Lächeln.
«Natürlich nehme ich das Angebot gerne an», sagte sie heiser und strich Lena in einer liebevollen Geste über die Wange. «Ganz gleich zu wem und wohin es dich verschlägt. Ich kann dich ja schließlich nicht einfach deinem Schicksal überlassen.»
Lena wurde plötzlich ernst. «Glaubst du, an den merkwürdigen Gerüchten, die man sich über Sir Blake erzählt, ist etwas Wahres dran?» Unterschwellig verspürte sie eine gewisse Unruhe, und es wäre ihr lieber gewesen, wenn sie Maggie hätte mitnehmen dürfen.
«Ich frage mich andauernd», bemerkte Lena mit einem Stirnrunzeln, «was wohl die Beweggründe von Edward Blake sein mögen, einen solch weiten Weg übers Meer auf sich zu nehmen, um ausgerechnet in London seine zukünftige Frau zu finden?»
«Hieß es nicht beim letzten Debütantinnen-Tee», ergänzte Maggie, «dass Edward Blake dank seines Vaters, einem weithin bekannten Baronet, über ein äußerst stattliches Vermögen verfüge? Neben einer riesigen Plantage in Jamaika soll er der zukünftige Erbe etlicher anderer Ländereien in Übersee sein.»
«Ja, ich erinnere mich. Allein in Redfield Hall auf Jamaika sollen es Hunderte Arbeiter sein, die dort ihr tägliches Werk verrichten, ja, wenn nicht Tausende!», sagte Lena mit verklärtem Blick.
«Wer weiß.» Maggie legte den Kopf schief. «Vielleicht sehen die Frauen in Jamaika ja alle aus wie Vogelscheuchen? Oder er sucht sich lieber ein ehrliches, schönes Mädchen in Europa, das es nicht auf sein Geld abgesehen hat.»
Lena machte sich selten Gedanken über Geld und Besitz. Aber das musste sie ja auch nicht. Schließlich war ihre Familie alles andere als arm. Johann Huvstedt war ein recht vermögender Hamburger Kaufmann, der mit seiner einzigen Tochter die halbe Zeit des Jahres in London lebte, um von hier aus seine Geschäfte mit Tabak, Tee, Baumwolle und Zucker aus Übersee zu koordinieren.
Doch Lena wusste, dass Reichtum für ihren Vater auch Verpflichtung bedeutete: Verpflichtung gegenüber seinem Unternehmen und den darin beschäftigten Personen. Aber auch gegenüber der Gesellschaft. Schon vor dem frühen Tod von Lenas Mutter ging er jeden Sonntag zur Kirche und organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen, die aus den Elendsvierteln Hamburgs und Londons bewohnbare Orte machen sollten. Regelmäßig spendete er hohe Summen, sodass die Straßen von Hamburg auch in den Armenvierteln gepflastert werden konnten, und er förderte die Erbauung von Abwasserkanälen, damit das Trinkwasser aus der Themse endlich wieder genießbar wurde. Darüber hinaus unterstützte er in beiden Städten im Winter die kostenlose Verteilung von Brennholz und Brot an Bedürftige.
Mehrfach hatte sich Lena die Frage gestellt, warum ihr Vater überhaupt eine Verbindung mit einem Mann wie Edward Blake für empfehlenswert hielt. Denn im Gegensatz zu den karibischen Pflanzern wie den Blakes legte er stets Wert darauf, keine Sklaven zu beschäftigen, sondern seine Arbeiter angemessen zu entlohnen. Handelten Plantagenbesitzer wie die Blakes nicht mit Gütern, an denen angeblich Sklavenblut klebte? Das behaupteten jedenfalls die Demonstranten diverser kirchlicher Abolitionisten-Organisationen, die sich gegen die Sklaverei stellten und in London manchmal zu nicht genehmigten Versammlungen aufriefen.
Aber dann verwarf Lena ihre Zweifel wieder. Rosanna Rhys-Patrick, eine Freundin aus Internatszeiten, die ebenfalls an dem bevorstehenden Ball teilnehmen würde und deren Vater auch im Zucker- und Kaffeegeschäft reich geworden war, hatte die Gegner der Sklaverei Lügner genannt. Wenn die Neger nicht auf den Plantagen arbeiten könnten, müssten sie ihr Dasein in irgendeiner afrikanischen Wildnis fristen, wo es ihnen weitaus schlechter erging als in der Obhut ihrer weißen Herren. Und überhaupt hatte noch nie jemand etwas so Grauenhaftes wie Blut an Kaffee oder Teesäcken zu Gesicht bekommen. Rosanna vertrat die weit verbreitete Meinung, dass die Gerüchte eine Erfindung von irgendwelchen verrückt gewordenen Fanatikern waren, die sich aus Neid und Streitlust gegen die von Gott gegebene Ordnung auflehnten.
«Ich an deiner Stelle …» Maggies Stimme riss Lena aus ihren Gedanken. «… würde selbst herausfinden wollen, ob mit dem Mann etwas nicht stimmt. Lass dein Herz sprechen, es wird dir den richtigen Rat geben.»
1831 Januar // London // Almack’s Assembly Rooms
Steh endlich auf!», polterte eine dunkle, männliche Stimme quer durch das prunkvoll eingerichtete Schlafzimmer, von dessen hohen Fenstern man auf den halb fertigen Buckingham Palace sehen konnte. «Anstatt am späten Nachmittag mit einer Negerhure im Bett zu liegen, solltest du ein wohlriechendes Bad nehmen und dich endlich für den Ball fertig machen! Ich habe Henry schon Bescheid gegeben, dass er heißes Wasser bringt und nach dem Barbier rufen lässt.»
Edward Blake blinzelte durch seine geschwollenen Augenlider in die hereinbrechende Dämmerung und verfluchte die Anwesenheit seines Vaters, der ihn stets behandelte wie seine Lakaien. In seinen Armen regte sich träge eine junge Mulattin, die er vor ein paar Nächten in Madame Ivoires Etablissement aufgetan hatte, einem Edelbordell der gehobenen Kategorie in der George Street. Die dortigen Frauen, so hieß es, waren außergewöhnlich schön und entstammten den exotischsten Ländern. Außerdem wurden sie regelmäßig von einem Arzt auf lasterhafte Krankheiten hin untersucht. Über diesen Luxus hinaus offerierten die Damen besondere Dienste, die in gewöhnlichen Hurenhäusern nicht zu finden waren.
Als sich die junge Frau orientierungslos auf den Rücken drehte, um ihre Umgebung besser wahrnehmen zu können, streckte sie Edwards Vater ungeniert ihre gewaltigen Brüste entgegen.
«Die Hure kannst du mir überlassen», knurrte der Alte und leckte sich lüstern die Lippen. «Ist sie gut?»
Edward stützte sich auf die Ellenbogen und richtete sich langsam auf, ohne seiner Bettgefährtin weitere Aufmerksamkeit zu schenken.
«Sie geht ab wie ein Rennpferd», erklärte er beiläufig, «besonders wenn du es ihr hart von hinten besorgst.» Ein schmutziges Grinsen huschte über sein Gesicht.
William Blake trat ans Bett und tätschelte die Schenkel der jungen Frau, die sich diese höchst anzügliche Behandlung mit einem lasziven Augenaufschlag gefallen ließ.
«Ich denke, Madame Ivoire hat nichts dagegen, wenn ich bei der Kleinen die Reitpeitsche zum Einsatz bringe. Schließlich hast du in den Tagen seit unserer Ankunft ein hübsches Sümmchen in ihrem Etablissement hinterlassen.»
Читать дальше