«Dein letzter Auftritt ohne mich in der Loge des Covent Garden Theatre muss bei der Countess ja einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben», bemerkte Maggie spitz. «Warum sonst glaubst du, dass sie ausgerechnet dich als Tanzpartnerin für diesen schwerreichen Zuckerbaron ausgesucht hat.»
Maggies Blick glitt zu einem gigantischen, mit Blattgold verzierten Weidenkorb, den Huxley am Vormittag von einem Boten entgegengenommen und auf einem Podest neben dem Frisiertisch aufgestellt hatte.
«Und wenn ich erst all dieses Obst sehe!», fuhr Maggie mit einem theatralischen Augenaufschlag fort. «Ob er die Früchte extra aus seiner Heimat Jamaika mitgebracht hat, um den hiesigen Damen zu imponieren?»
Der Butler hatte den Korb wie eine kostbare Opfergabe auf einem Altar arrangiert. Anstelle von Heiligenfiguren drängte sich jedoch eine bunte Gesellschaft von exotischen Früchten darin, die es in dieser Form selbst in den vornehmsten Läden am Piccadilly Circus nicht gab, schon gar nicht zu dieser Jahreszeit: Ananas, Guaven, Papayas, Mangos, Brotfrüchte, Bananen, Orangen, Trauben, Pfirsiche und einiges mehr. Für manches wusste selbst Maggie keinen Namen, obwohl sie eine ausgesuchte Gouvernantenschule besucht hatte, in der auch exotische Speisen auf dem Lehrplan gestanden hatten.
Jamaika!, dachte Lena verzückt. Was für ein verlockender Gedanke, einmal dort hinreisen zu dürfen! Allein der Klang dieses Namens berauschte sie.
Unter ihrer schüchternen Fassade steckte wahrlich eine Entdeckernatur. Und obwohl sie sich ihrem Vater gegenüber stets brav und verschlossen gab, sehnte sie sich in Wahrheit nach dem ganz großen Abenteuer. Erneut studierte sie das Geschenk. Die Früchte waren säuberlich geschält und als Ganzes karamellisiert worden, damit sie in Konsistenz, Geschmack und Farbe möglichst lange haltbar blieben. Verpackt in buntes Seidenpapier, das sich wie ein kostbares Kleid um jede einzelne Köstlichkeit schmiegte, handelte es sich um eine unvergleichliche Versuchung, gegen die ein Paradiesapfel aus Baxters Süßwarenladen an der James Street eher bescheiden ausfiel.
Maggies Überlegung traf zu, dachte Lena bei sich. Es war wirklich merkwürdig, dass die Countess of Lieven, die als Patronin dem Komitee für die Auswahl der Debütantinnen vorsaß, ausgerechnet sie auserwählt hatte, beim ersten Tanzvergnügen der Saison teilnehmen zu dürfen. Und dass sie Lena, ohne zu zögern, einem der begehrtesten Junggesellen ganz Londons als Tanzpartnerin zuerkannt hatte, war ein weiteres Wunder.
Seit geraumer Zeit organisierte die Countess alle Bälle des sogenannten ‹Ton› – der Londoner Oberschicht, der nicht nur Adlige, sondern auch Politiker, reiche Geschäftsleute und Künstler angehörten. Die exklusiven Gäste mussten allesamt über gewisse Verbindungen verfügen, damit ihnen der Zutritt zu diesem Olymp der Eitelkeiten überhaupt erst gewährt wurde.
Obwohl niemand etwas dergleichen erwähnt hatte, war Lena ziemlich sicher, dass ihr Vater hinter der Entscheidung der Countess steckte, sie einzuladen.
Als Vorsitzender eines großen deutschen Handelskonsortiums pflegte Konsul Johann Friedrich Alexander Huvstedt Verbindungen in die höchsten politischen Kreise Englands. Und obgleich er normalerweise kein Freund der Tanzvergnügen war, hatte er seine einzige Tochter in letzter Zeit verdächtig häufig gefragt, ob sie nicht langsam das richtige Alter habe, einen passenden Gemahl für sich zu wählen. Es war anzunehmen, dass ihr Vater, der sich regelmäßig zu einer Partie Whist mit dem russischen Botschafter in London im vornehmen Athenaeum Club traf, nun die Verbindung zu dessen Ehefrau genutzt hatte. Jeder in London wusste, dass ausschließlich die Countess of Lieven die Macht besaß, eine junge Frau wie Lena für den anstehenden Debütantinnen-Ball in die Liste betuchter Heiratskandidatinnen aufnehmen zu lassen.
Erneut griff Lena nach der Karte, die in dem mehr als großzügigen Obst-Arrangement gesteckt hatte und nun vor ihr auf dem Tischchen lag. Verehrte Helena , stand dort schön geschwungen in blauer Tinte geschrieben, ich kann es kaum erwarten, Ihnen endlich persönlich vorgestellt zu werden! Mit hochachtungsvollem Gruß an Sie und Ihren werten Herrn Vater – Ihr ergebenster Diener: Sir Edward William Montgomery Blake, Sohn von Lord William Blake, dem 7. Baronet of Clearwater Castle.
«Ja, der Korb ist wirklich eine Pracht», bestätigte Lena und legte die Karte zurück in das großzügige Geschenk.
Beim Blick in den Spiegel verzog sie ihr Gesicht zu einer wenig vornehmen Grimasse. Die Frisierdame hatte ihr Haar über den Ohren zu einem harmonischen Reigen aus Korkenzieherlocken und winzigen, weißen Seidenrosen zusammengesteckt, wobei sie gekonnt hier und da ein paar zierliche Löckchen herauszupfte.
«Da muss noch ein Hauch mehr Puder ins Gesicht und ein wenig mehr Cochenille auf die Lippen», befahl sie der Frau. «Sir Edward muss ja nicht gleich wissen, wie aufgeregt ich bin, wenn ich ihm vorgestellt werde», erklärte sie an Maggie gerichtet.
Die Frisierdame machte sich sofort daran, Lenas Wunsch nachzukommen, und nahm dann einen hellbraunen Wachsstift zur Hand, um Lenas grüne Augen zu betonen. Maggie behauptete stets, sie hätten die Farbe des Indischen Ozeans. Und sie musste es schließlich wissen, war Maggie doch als Tochter einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie im fernen Indien geboren worden und erst nach dem Tod ihrer Eltern über Zürich nach Hamburg gelangt. Dort hatte sie nach dem Besuch einer Schweizer Gouvernantenschule eine Anstellung als Anstandsdame und Lehrerin für Englisch, Französisch und Klavier im Hause der Huvstedts angenommen. Seither begleitete sie Lena und ihren Vater jedes Jahr in der Wintersaison für einige Monate nach London.
In rascher Abfolge fuhr die Frisierdame mit einem langstieligen Rosshaarbürstchen mal in einen kleinen, braunen Tuschkasten und dann wieder über Lenas lange, dunkelblonde Wimpern. Sie wiederholte die Prozedur so lange, bis die Augen wie von dunklen Fächern umrahmt wurden.
«Glaubst du, dass ich ihm gefalle?» Lena betrachtete das Ergebnis der Schönheitsbemühungen wohlwollend im Spiegel.
«Wem?», fragte Maggie geistesabwesend. Sie war zu einem der großen Fenster getreten und beobachtete – die Hände hinter dem Rücken verschränkt – das geschäftige Treiben auf der James Street. Huxley betrat, nachdem er zaghaft angeklopft hatte, das Zimmer und entzündete an den Wänden und auf den Kommoden Kerzen, die sofort ein schmeichelndes Licht verströmten.
«Na, Sir Edward!», rief Lena. «Oder denkst du etwa, ich rede von meinem Vater?»
«Sicher wirst du beiden gefallen», bestätigte Maggie mit einem anerkennenden Lächeln. «Jeder Mann wird vor dir niederknien, sobald er dich sieht. Wenn du immer so herausgeputzt umhergehen würdest, müsste dein Vater mir kündigen und stattdessen eine Leibgarde engagieren.» Sie lächelte dünn. Dann bekannte sie mit einem gewissen Bedauern in der Stimme: «Schade, dass es schneit, sonst könntest du mit einem offenen Zweispänner in den Club fahren, und jeder würde denken, dass du eine Prinzessin bist.»
«Bis zur King Street ist es ja nicht weit», bemerkte Lena, während die Frisierdame ihre Utensilien einpackte und sich zum Gehen anschickte. Lena stand auf, und strich ihr Kleid glatt. Dann bedankte sie sich bei der Frau und entlohnte sie fürstlich. Nachdem Huxley die Dame hinausbegleitet hatte, gesellte Lena sich zu Maggie ans Fenster. Mit sehnsüchtigen Blicken verfolgte sie die tanzenden Schneeflocken, wie sie auf die Menschen herniedersegelten und alles wie mit Puderzucker bestäubt aussehen ließen.
Schließlich räusperte sich Maggie. «Eine innere Stimme sagt mir, dass ich dich auf keinen Fall alleine all diesen lüsternen Junggesellen überlassen darf. Aber dein Vater wird hoffentlich dafür sorgen, dass dir weder dieser Sir Edward Blake noch sonst jemand unsittlich nahe kommt.»
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