«Ich muss zu unserem Master», stieß Baba heiser hervor.
«Das kannst du nicht ernst meinen! Was ist, wenn er denkt, dass Jess davongelaufen ist?» Estrelle, deren Haut im Gegensatz zu Baba beinah so schwarz war wie das Gefieder eines Truthahngeiers, riss vor Entsetzen ihre kugelrunden Augen auf. «Sie werden den Jungen mit Bluthunden jagen!», warnte sie. «Die Bestien werden ihn zerfleischen, wenn sie ihn aufspüren! Nur Desdemona kann dir helfen. Sie kann in den Knochen lesen und sehen, wo sich dein Sohn befindet.»
«Aber sie lebt fast einen halben Tagesmarsch entfernt im Dorf der Maroon, und ich habe keine Erlaubnis, die Plantage zu verlassen.» Mit abwesendem Blick starrte Baba in das spärliche Licht einer Talgkerze.
«Es ist Nacht, Baba, und im Herrenhaus schlafen sie alle. Trevor liegt betrunken in seiner Aufseherhütte, und seine Kameraden spielen Karten oder amüsieren sich mit den jungen Sklavinnen. Wer also sollte bemerken, dass du fort bist? Wenn du dich beeilst, bist du zum ersten Glockenschlag morgen früh wieder da.»
Als Baba schwer keuchend an die Hütte der alten Desdemona klopfte, hatte sie einen zweistündigen Fußmarsch hinter sich. In gebückter Haltung war sie am Haupthaus von Redfield Hall vorbeigeschlichen und quer über die abgeernteten Zuckerrohrfelder der Nachbarplantage Rosehall gelaufen. Anschließend hatte sie sich durch den beinah undurchdringlichen Urwald gekämpft und sich mit ihrem gewaltigen Pflanzmesser den Weg frei geschlagen. Das dichte Blätterwerk und der bedeckte Himmel sorgten dafür, dass kaum Mondlicht durch sein üppiges Dach fiel. Die Wipfel über ihr rauschten und ächzten gewaltig, und streckenweise konnte sie den Weg nur erahnen. Doch immer wenn der starke Wind die Wolkendecke aufbrach, kam Baba schneller voran.
Sie war völlig außer Atem, als sie endlich die Hütte der alten Zauberin erreichte. Nach einigem Rumoren im Innern der Hütte öffnete die alte Desdemona die Tür. Ihr runzliges Gesicht vereinte Merkmale einer vergleichsweise hellhäutigen Indianerin mit denen eines kohlschwarzen Negers, den die Briten vor der Westküste Afrikas gefangen und auf diese Insel verschleppt hatten.
Desdemona wirkte so alt wie die Welt. Ihre blinden Augen überzog ein merkwürdiger weißer Schleier. Die alte Obeah-Frau behauptete stets, das Augenlicht sei ihr von den Göttern ihrer Vorfahren genommen worden, damit sie besser ins Jenseits schauen könne und nicht durch das trügerische Licht des Diesseits gestört werde.
Aufgrund ihrer mütterlichen Abstammung gehörte Desdemona zu den Maroon, einer Gruppe von ehemaligen Sklaven, die sich mit den Ureinwohnern der Insel vermischt hatten und bereits vor fast achtzig Jahren nach hartnäckigen Kämpfen mit den weißen Plantagenbesitzern und den Soldaten der britischen Krone ihre Freiheit erstritten hatten. Ihr Vater war ein Obeah-Mann gewesen, ein schwarzer Zauberer, der die Geheimnisse der Geister und Götter der Aschanti von Afrika mit übers Meer gebracht hatte.
«Komm herein, meine Tochter», sagte sie und schien kaum verwundert, dass Baba so spät in dieser stürmischen Nacht vor ihrer Hütte aufgetaucht war.
Erst gestern war die Schamanin im Dorf der Sklaven von Redfield Hall gewesen und hatte vor aller Augen einen Hahn geschlachtet, um die Geister der Unterwelt zu beschwören, damit bei Jess endlich das Fieber zurückging. Obwohl die weiße Regierung einem solchen Treiben kritisch gegenüberstand, wurde es zur Heilung von Kranken geduldet. Offenbar waren Desdemonas Bemühungen von Erfolg gekrönt gewesen, denn der Junge hatte am Morgen bereits einen halbwegs munteren Eindruck gemacht. Dennoch hatte Baba beim Aufseher um eine weitere Freistellung gebeten, die bei Kindern durchaus gewährt wurde. Ein unbekanntes Fieber sollte nicht unnötig die Arbeitskraft der anderen Sklaven aufs Spiel setzen.
Desdemona bot Baba einen Platz an dem glimmenden Lagerfeuer im Innern der Hütte an, das sie mit ein paar trockenen Ästen und Palmblättern befeuerte.
«Ich suche meinen Sohn», sagte Baba mit gedämpfter Stimme, aus der ihre Verzweiflung herauszuhören war. «Jess ist seit heute Nachmittag verschwunden! Wir haben ihn überall gesucht.»
Desdemona nickte verständig, sagte jedoch kein Wort. Stattdessen holte sie eine flache, offene Holzkiste hervor, deren Seiten jeweils gut eine Elle lang waren, und stellte sie auf den gestampften Boden. Dann arrangierte sie in den vier Ecken ein Stück glimmende Holzkohle, eine kleine Schale mit Wasser, ein Häufchen Sand und eine Hühnerfeder. Sie symbolisierten die vier Elemente – Feuer, Wasser, Erde und Luft. Zum Schluss nahm sie eine kleinere, verschlossene Holzschachtel vom Regal und hob vorsichtig den Deckel an. Baba erschrak, als ein sich windender, schwarzer Skorpion zum Vorschein kam. Desdemona packte das Tier trotz ihrer Blindheit geschickt am Stachel und ließ es mitleidslos in die größere Kiste fallen. Sogleich sauste der Skorpion flink umher, musste aber recht schnell erkennen, dass seine neue Freiheit begrenzt war.
Baba kauerte sich ängstlich zusammen und beobachtete, wie Desdemona im Schein des Feuers in eine Art Trance versank und unverständliche Beschwörungsformeln murmelte. Allmählich gab der Skorpion seine hektischen Bewegungen auf und wanderte nur noch zwischen zwei Ecken hin und her: Wasser und Luft. Und obwohl die blinde Desdemona seine Bewegungen nicht in gleicher Weise mitverfolgen konnte wie Baba, erkannte sie offenbar die Zusammenhänge.
«Dein Sohn lebt», erklärte sie schlicht, «aber er ist nicht mehr auf der Insel. Er befindet sich zusammen mit einem großen, dunkelhaarigen Mann auf dem Meer. Dieser wird von nun an sein Master sein.»
Babas Brust durchfuhr ein gewaltiger Schmerz, so stark, dass sie nach Atem ringen musste. «Nein», flüsterte sie außer sich vor Angst. «Das darf nicht sein.»
«Verabschiede dich innerlich von deinem Kind», fuhr Desdemona tonlos fort. «Es ist möglich, dass du deinen Sohn nie wiedersiehst.»
Als Baba drei Stunden später durch den peitschenden Regen über die Felder rannte, fühlte sie nichts mehr. Nicht die durchdringende Nässe ihrer Kleidung, nicht den Schmerz, der in ihr wütete, und auch nicht die Ohnmacht, die sie erfüllte. Sie kannte nur noch ein Ziel: Redfield Hall, das Haus ihres Herrn.
In der Dunkelheit zuckten die Blitze am Himmel, und mit jedem Lichtstoß leuchtete ein neues Bild vor ihrem geistigen Auge auf: wie sie Jess von seinem Vater empfing … wie ihr Leib zum ersten Mal die menschliche Frucht hielt und ihr Bauch zu einer riesigen Melone heranwuchs … wie sie den Jungen bei einer komplizierten Geburt unter heftigen Schmerzen gebar … wie er schließlich in ihren Armen lag und sein kleiner Mund gierig an ihrer Brust säugte … wie er zu einem stattlichen, jungen Burschen heranwuchs, der seinen eigenen Kopf hatte … und wie er trotz seiner Wildheit mit zärtlicher Liebe an ihr hing und vor Kummer fast verging, wenn sie ihn alleine in der Hütte zurücklassen musste, weil der Master ihre Dienste verlangte …
Baba stolperte durch die Nacht wie ein verwundetes Tier. Verstört und völlig durchnässt erreichte sie in den frühen Morgenstunden Redfield Hall.
Der Hahn hatte noch nicht gekräht und die Glocken der kleinen Kirche den neuen Arbeitstag noch nicht eingeläutet, als sie die Tür des Haupthauses aufstieß. Ohne rechts und links zu schauen, stürmte sie in die eindrucksvolle Empfangshalle. Beinahe rannte sie Terry, den Leibsklaven, über den Haufen, der gerade ein Glas mit heißer Milch auf einem Tablett balancierte. Vermutlich hatte die Missus nach einem Morgentrunk rufen lassen.
Читать дальше