Eric wirkte aufgeregt. Er hielt seinen Vater am Mantel fest.
„Pa — Maitre Sourette ist tot.“
„Warum nicht? Deshalb hältst du mich auf?“
„Sourette ist ermordet worden.“
Jetzt zögerte Philippe doch. Seine dunkelgrauen Augen erstarrten und ruhten für einige Sekunden auf dem unruhigen Gesicht des Sohnes.
„Komm mit!“ entschied Lavigne und zog seinen Sohn in den Fahrstuhl zurück. Die Kabine setzte sich summend in Bewegung.
„Woher hast du das?“
Eric zog es vor, die Antwort zu umgehen.
„Sourette ist vor etwa zwei Stunden in seinem Büro erschlagen worden.“
„Erschlagen? Was du sagst. Wer vergreift sich an diesem Fuchs.“
„Simpler Raubmord, anscheinend. Sein Geldschrank stand offen.“
„Sein Geldschrank stand offen“, sagte Lavigne nachdenklich.
Sie verließen den Fahrstuhl und eilten auf die Straße. Der Fahrer hielt die Wagentür auf. Lavigne fuhr einen alten, englischen Wagen. Fahrerraum und Fond waren wie in einem französischen Taxi durch eine verschiebbare Glasscheibe getrennt. Der Fahrer schloß sie ohne besondere Aufforderung, sobald er seine Adresse hatte.
Lavigne starrte konzentriert vor sich hin. „Der Geldschrank stand offen“, wiederholte er. „Erst vor zwei Stunden —“ Er stieß schnell hervor, ohne seinen Sohn anzusehen: „War noch etwas drin in dem Geldschrank?“
„Ich habe keine Ahnung. Was soll es gewesen sein?“
„Ein Schriftstück? Ein Protokoll?“
„War es eine Herstellungsformel? Ich könnte mir nicht denken, was dich sonst so interessiert.“
„Nein. Es ist das Gründungsprotokoll eines Vereins zur Beseitigung deines Vaters.“
„Pa!“ Eric starrte seinen Vater verblüfft an. „Jetzt erzählst du Räuberpistolen!“
Philippe Lavigne lachte bitter. Seine sonore Stimme klang etwas heiser. Eric fiel es plötzlich auf, daß sein Vater in den letzten Monaten alt geworden war. Die energischen Falten zu beiden Seiten seines Mundes sahen auf einmal melancholisch aus. Die Haut war schlaffer geworden, daran lag es.
„Dir wird bekannt sein, daß gewisse Herren sich emsig bemühen, mich als Vorsitzenden des Verbandes abzuschießen.“
„Ja, aber —“
„Ja? Tu doch nicht so, als ob du es wüßtest. Bei deinem Interesse für das Geschäft weißt du doch nicht einmal, womit wir überhaupt handeln. Aber es hilft nichts, du mußt es wissen. Es ist da eine Gruppe von Chemikern. Sie behaupten, der Verband dürfe nicht von den alten Kaufleuten, er müsse vielmehr von den Chemikern geführt werden. Natürlich ein kompletter Blödsinn.“
„Natürlich“, sagte Eric ohne eine Spur von Überzeugung.
„Es geht diesem Monsieur Ponti ganz einfach darum, sich an meine Stelle zu setzen. Verstehst du, was das bedeuten würde?“
„Wer ist Ponti?“ fragte Eric harmlos.
Philippe Lavigne stöhnte und sank ein wenig zusammen. Hatte es irgendeinen Sinn, diesem Sohn die Dinge auseinanderzusetzen? Für Philippe waren das Schicksalsfragen — und vielleicht waren sie es wirklich. Macht- und Einflußströme aus den großen Industriestaaten der Welt gipfelten in Ponti und Lavigne, die hier aufeinandertrafen. Von diesem Entweder-Oder hing etwas ab für die Wirtschaft des Landes. Vielleicht sah Lavigne die Dinge unter dem Vergrößerungsglas seiner leidenschaftlichen Anteilnahme — ihm kam es beinahe vor, als würden in diesem stillen Machtkampf die Geschicke einer Welt entschieden.
Und sein Sohn betrachtete die gleiche Sache ungefähr so, als würden ihm zum Nachtisch zwei Äpfel zur Auswahl vorgelegt.
Lavignes Gesicht wurde grämlich. „Doktor Ponti ist Chefchemiker bei Broussard“, sagte er müde, „und sitzt im Vorstand des Verbandes. Er hat wankelmütige Vorstandsmitglieder gewonnen, bei nächster Gelegenheit gegen mich zu stimmen. Um sie bei der Stange zu halten, hat er sie darüber ein gemeinsames Protokoll unterschreiben lassen.“
„Aha!“ machte Eric mit gespieltem Interesse. Philippe durchschaute die Heuchelei genau. Er spürte eine Aufwallung in sich. Instinktiv legte er die Hand auf das Herz. Er war über sechzig, und sein Arzt schlug die Hände über dem Kopf zusammen, so oft er ihn sah. Lavigne konnte sich kaum beherrschen, seinem Sohn nicht ins Gesicht zu schlagen.
„Das Protokoll lag im Geldschrank bei Sourette“, sagte er.
„Ach!“ Jetzt wurde Eric wirklich munter und richtete sich verwundert auf. „Woher weißt du das eigentlich alles?“
„Das geht dich nichts an. Wenn der Raubmörder dieses Protokoll mitgenommen hat, das für ihn ganz wertlos ist — ich wäre bereit, dafür eine gute Summe auszugeben, und ...“
Philippe Lavigne schloß die Augen. In dem Schweigen fiel Eric jetzt das Surren des Motors auf die Nerven. Er schob sich vor und starrte seinem Vater ins Gesicht, in dieses schwere, faltige Gesicht mit den Lidern über den großen Augäpfeln. Schließlich konnte er seine Ungeduld nicht halten. „Und?“ fragte er.
„... und fünfzigtausend Francs für dich, wenn du es vermitteln kannst.“
Eric lächelte spöttisch. Der Alte tat so, als seien fünfzigtausend Francs ein Kapital. Und man mußte auch noch so tun, als sei man ebenfalls dieser Meinung. Aber immerhin —
„Selbstverständlich“, sagte der Alte, „werde ich dabei das Geheimnis des Täters wahren. Mich interessiert nicht einmal, zu erfahren, wer es ist. Kannst du das machen?“
Der Druck der Bremsen hob sie ganz sanft in den Polstern an. Der Wagen hielt.
„Sind fünfzigtausend nicht etwas zu wenig bei diesem Auftrag?“ fragte Eric unverschämt. Wieder diese Aufwallung, der Griff zum Herzen.
„Also das Doppelte“, sagte Philippe wie unter Schmerzen.
„Und ich ...“
„Genug! Sag nichts mehr. Sag um Gottes willen kein Wort mehr!“
Philippe nahm seine Tasche und kletterte ins Freie, ohne seinen Sohn noch einmal anzusehen.
„Fahren Sie ihn zurück“, sagte er zum Fahrer. „Holen Sie mich in zwei Stunden.“
21 Uhr. Eric nahm aus der Tasche ein kleines Lederetui. Neun vielstrahlige winzige Goldsterne waren mit heißem Eisen dem grünen Saffian aufgepreßt. Es enthielt einen kleinen Schlüssel. Eric öffnete die Tür zur Wohnung von Bless Dorlon.
Sie liebte solche kultivierten Spielereien. Es lebte noch etwas vom Geschmack eleganter Damen aus Königszeiten in dieser Art, dem Liebhaber den Schlüssel zur eigenen Wohnung in einem solchen kunstvollen Futteral zur Verfügung zu stellen. Bless war nur ein paar hundert Jahre zu spät geboren. Sie wäre die Frau gewesen, mit Intelligenz, Gift und Liebe einen Thron ins Wanken zu bringen.
Sie begrüßte ihn nur mit einem flüchtigen Lächeln, beugte sich über eine kleine Bar und mischte vorsichtig einen eisgekühlten süßen Mokka mit reinem Weingeist zu einem Likör, den sie liebte, weil er ermunternd und betäubend zugleich wirkte.
Bless trug einen langen Rock aus weinrotem Samt, eine durchscheinende Bluse mit Pluderärmeln und viel Stickerei. In dieser Wohnung hätte man glauben können, die letzten zwei Jahrhunderte hätten nicht stattgefunden. Geschwungene zierliche Möbel mit blankem Lack und funkelnden Messingbeschlägen, das Kuriosum eines achteckigen Kristallspiegels, der ihr Bild verdoppelte. Fürstliche Embleme auf dem alten Teppich, der die Schritte verschluckte — wer weiß, welcher Marquis ihn in Lyon hatte weben lassen —, und aus dem Fenster der Blick über die alten Platanen des Jardin du Luxembourg auf die strenge Architektur des Palais’ gleichen Namens. Und dazu diese Frau mit dem roten Samtrock und dem Profil, das sie einer hellenischen Skulptur gestohlen hatte.
Sie legte ohne Kommentar einen Umschlag vor Eric auf den Tisch und ging zu ihrer Bar zurück.
„Ein Liebesbrief?“
„Sourettes letzte Grüße.“
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