»Wie? Die anderen Lehrer bekommen das ihnen schlußbrieflich zugesicherte Gehalt nicht voll ausbezahlt?«
»Nicht im ersten Jahr. Wir bezahlen doch monatsweise. Es entfällt also ein Zwölftel des Ganzen auf den Monat, drei Zwölftel auf das Trimester …«
» Vier Zwölftel, ein Drittel des Ganzen, nach Fug und Recht …«
»Ein Viertel, sagte ich, für die tatsächlich geleistete Arbeit, nicht auch für die Ferialzeit. Im zweiten Jahr werden die Weihnachts- und Osterfeiertage voll ausbezahlt, das macht drei Viertel des vollen Gehalts, und einen Monat darüber …«
»Die Oster- und Weihnachtsferien dauern zwei Monate …«
»… im dritten Jahr werden alle Ferialzeiten, auch die großen Sommerferien, voll ausbezahlt, die ganzen achthundert Taler: Du erhältst sie von Anfang an.«
»Und jene Lehrer, die nicht mit dir befreundet, oder, wie Rosamund, mit dir verwandt sind, werden unter trüglichen Versprechungen hergelockt, und dann, wenn sie euch zulieb andere Angebote zurückgewiesen haben, so zwar, daß ihnen keine Wahl mehr bleibt, werden sie – um es vorsichtig auszudrücken – enttäuscht …«
»Vergiß nicht, daß die meisten Privatschulen niedrigere Gehälter festgesetzt haben als wir; die meisten bewilligen nicht mehr als sechshundert, höchstens sechshundertfünfzig Taler für das Schuljahr …«
»Ehrlich ausbezahlt macht das« – Tristan überschlägt die Summe im Kopf – »genau soviel wie eure vorgeblichen achthundert …«
»Im ersten und zweiten Jahr allerdings, später aber …«
»Wie viele Lehrer erleben bei euch dieses Später?«
»Doch einige: Horaz, Tamino, die Dorrits …«
»Allerdings. Schließlich muß doch für eine gewisse Stabilität des Stabes gesorgt sein, die Schule muß doch ein festes Rückgrat behalten, sonst löste sie sich in Rauch auf. Folglich …«
»Ich begreife dein Meckern nicht, ich sagte dir doch bereits, du bekommst die achthundert sofort, ohne Abzug, sogar die Versicherungssummen eingeschlossen, was willst du mehr?«
»Gerechtigkeit und Redlichkeit für alle, nicht nur für mich – weil ihr beide, zumal Leontes, recht gut wißt, daß ich aufs Unterrichten nicht angewiesen bin, für euch aber eine sogenannte Attraktion darstelle, die euch die kleine Mehrauslage zweifellos hereinbringen wird. Also seid ihr gegen mich nobel – den anderen Schulen gegenüber aber treibt ihr unlauteren Wettbewerb, und was die geprellten Lehrer angeht …«
»Nicht ich stelle die Gehaltslisten zusammen …«
»Nein. Du aber bist es, die an die in Aussicht genommenen prominenten Lehrkräfte Briefe mit schönen Versprechungen schreibt, die du nicht zu halten beabsichtigst …«
»Die ich nicht halten kann … Muß ich dir denn Leontes erst explizieren?«
»Danke schön, er ist mir bereits zur Genüge bekannt, so sehr, daß ich mir’s noch gut überlegen will, ob ich zu ihm in andere Beziehung als die des Gastes zum Gastfreund treten soll …«
»Das ist es doch eben. Seine Gastfreundschaft ist nicht unbeschränkt ausdehnbar. Als du aus deinem Hause ausgebombt warst, fand Leontes es ganz selbstverständlich, daß ich dich einlud, ja, er war womöglich noch eifriger darauf bedacht als ich. Jetzt aber macht er alle Augenblicke Anspielungen, die mir peinlich sind – und ich möchte dich doch nicht wieder verlieren, Tristan … Und zuletzt hast du hier doch mehr als nur ein bißchen spielerische Arbeit für achthundert Taler, du hast ein Heim.«
Tristan blieb und war bald die Seele der Schule. Viele unter den Zöglingen, die niemals einen Zeichenstift, einen Pinsel angerührt hatten, drängten sich nun zu seinen Lektionen, um dann auch an seinen Gesellschaftsabenden teilnehmen zu dürfen, zwanglosen Zusammenkünften, die sich, bei Tee und Marmeladebrot, bis Mitternacht ausdehnten, und, wie des Königs Wassail in »Hamlet«, die übrigen Hausgenossen wachhielten, denn Tristan lachte viel und dröhnend, mit ungewöhnlicher Resonanz; zwar gehörte nicht viel dazu, ihn zum Lachen zu bringen, der es versuchte aber kam sich, bei so schallendem Erfolg, äußerst witzig vor.
Tristan, von seinen Schülern zärtlich »Tristy« genannt, fand, daß er in der jungen Gesellschaft erst zu leben anfing, er zerriß sich schier für seine Buben und Mädel, nährte sie mit all seinem erlebten Wissen, seiner schwer erarbeiteten Meisterlichkeit; ja, er, dessen Eigenart darin lag, daß er alle farbigen Werte in Schwarzweiß auszudrücken verstand, ging an die Wiedererweckung seines koloristischen Sinns, um ihn dann seinen Schülern mitzuteilen, einzig der streng geschlossene Kontur erinnerte auch bei diesen an ihres Meisters vom Zeichnerischen herkommende Persönlichkeit.
Tristan nahm gerade den Tee in dem Bauernhaus, das Leontes – nicht ohne Tristans Beratung – mit Geschmack und Sparsamkeit zu einer behaglichen Wohnung umgewandelt hatte, als die neue Sprachlehrerin, Madame de La Tour-Madrus, durch die Sekretärin angemeldet und von ihr hereingeleitet wurde. Es erschien eine mittelgroße, schlanke Dame in dunklem Reiseanzug, deren Gesicht in einem Silberfuchskragen beinahe verschwand; sie sprach mit verschleierter Stimme, Nase und Augen waren von heftigem Schnupfen gerötet, trotz dieser Behinderung eignete ihrem Auftreten die selbstverständliche Sicherheit, wie sie einer Frau, die in der großen Welt gelebt oder in kleinem Kreise Autorität genossen hat – oder vielleicht beides, gemäß ist. Nach ein paar Schlucken Tee war die Ankömmlingin in ein Gespräch mit Tristan verwickelt, das, von der jüngsten französischen Malerei ausgehend – Dérain, Matisse, Braque, Rouault, Picasso – sich mühelos durch die Jahrhunderte bewegte. Hermione, gewohnt, daß neueintretende Lehrerinnen schüchtern auf dem Eckchen eines Sessels Platz nahmen, unruhig darauf hin und her rutschend und an sie gestellte Fragen verlegen und ungeschickt beantwortend, war über diese gesellschaftliche Routine ganz verblüfft. Für diese hier schien es Befangenheit nicht zu geben, sie plauderte mit Tristan, als hätte sie ihn von Kindheit an gekannt, und als wäre sie Malerin, Bildhauerin, Architektin, Radiererin in einer Person, war mit einer Fülle von Vergleichen, die unheimliche historische Kenntnisse und Erkenntnisse verrieten, flink bei der Hand; nicht einmal die fremde Sprache bedeutete für sie eine Hemmung, sie jonglierte mit allerlei technischen Bezeichnungen, die Hermione unbekannt waren.
Hallo, hier könnte – man mußte Tristan nur ansehen, mit welcher Aufmerksamkeit er der Fremden lauschte – ein Interesse entstehen, eine Bindung, die Hermione in die Quere käme – nichts da! Dazu kommen die gesellschaftlichen Allüren, ein gewisser Schick, den die Pariserin vor allen anderen Frauen voraus hat, und eine zweifelsohne recht solide Bildung. (Hermione versucht sich auf Madames Curriculum zu besinnen, richtig, sie war doch Dozentin an der Sorbonne, für Kunstgeschichte, irre ich mich nicht: Warum hat sie diese ehrenvolle Stellung aufgegeben? Auch hinausgebombt? Oder war vielleicht mit ihren Dokumenten irgendetwas nicht in Ordnung? Gleichviel, jetzt ist sie hier, eine Lehrerin wie jede andere, wir werden ihr keine Ausnahmsstellung einräumen. Ihre Kunstgeschichte brauchen wir nicht, das ist Tristans Enklave, hoffentlich reichen ihre Kenntnisse im Französischen und Deutschen für Stipendiats- und Immatrikulierungsprüfungen aus, mehr brauchen wir nicht von ihr, für ein Trimester wird es auf alle Fälle langen, sie wird bei mir nicht alt werden: Viel zu damenhaft ist sie mir, zu selbständig, zu überlegen; niemand, den man zurechtweisen und auf seinen Platz stellen könnte – und überhaupt … Was für ein ironisches Lächeln sie nur eben aufgesetzt hat, obschon das Verziehen des Mundes bei solchem Schnupfen eigentlich weh tun müßte. Auch finde ich’s ungehörig, wenn man als Bazillenträgerin Besuch macht. Alles in allem, sie steht mir nicht zu Gesicht. Nach Ostern ist Rosamund ohnehin frei und kann sie ersetzen. Bis dahin muß man trachten, sie von Zeit zu Zeit zu ducken. –)
Читать дальше