„Er lebt ja auch nur im Geistigen, sein Gesicht, sein ganzer Körper sagt es.“ Und nachdem sie einige dunkle Rosen, die ihr Frau Lisa gereicht, über die Tafel verteilt: „Ob solche Männer der Idee wohl einer grossen Tat gewachsen wären? Ob Hans Warsow sie leisten würde, wenn sie eines Tags von ihm gefordert würde? Herantreten kann sie in einer so zahlreichen Gemeinde doch jeden Tag an ihn.“
„Sieh, wie philosophisch dich der Mann gemacht hat! Auf solche Gedanken komme ich nie. Ich finde sie ziemlich müssig, und dir lagen sie sonst auch nicht. Komm, hilf mir lieber die Fruchtschale zurechtmachen. So etwas kann ich dem Mädchen nicht überlassen.“
Frau Lisa war eine sehr tüchtige Hausfrau, es ging ihr alles schnell und sicher von Händen, ihre Wirtschaft war von mustergültiger Ordnung, und ihre Gäste fühlten sich wohl bei ihr.
Als sie eben die letzte Frucht aufgelegt hatte, trat ihr Mann ins Zimmer, um die Weine aufzustellen, die er selber aus dem Keller geholt hatte.
„Warst du zufrieden?“ fragte sie ihn.
„Im ganzen ja, soweit mich eine Predigt überhaupt zu fesseln vermag. Ich muss immer an Schiller denken, der einmal gesagt haben soll, sie wäre nicht für Gebildete.“
„Ich fand, er sprach gerade für die Gebildeten.“
„Doch es ist so vieles drum und dran, das mich stört. Gewiss, er hatte kein Kanzelpathos, auch nicht die üblichen Floskeln. Aber schon die Art der Anrede, die unumgängliche Einzwängung in dogmatische Formen und kirchliche Grenzen — wie gesagt, es ist nichts für mich. Ich könnte es gut entbehren.“
„Er hat eine ausgesprochen moderne Art, sowohl in dem, was er sagt, wie in seinem ganzen Gebaren,“ äusserte jetzt Edith, die die von ihrer Freundin geschriebenen Tischkarten auf die Gläser legte — „ich neben Fritz, du hast wirklich Selbstverleugnung geübt, Lisa! — Ich hatte eher das Bedenken, ob er für eine Stadt wie Rodenburg und für die Nikolaigemeinde der rechte Mann ist.“
„Doch, doch!“ erwiderte Stoltzmann mit Entschiedenheit. „Wir haben hier sehr tüchtige Geistliche, aber einer, der fähig ist, höhere geistige Interessen auch ausserhalb der Kirche zu befriedigen, der gerade fehlt uns. Ich möchte ihn deshalb gern zu einigen Vorträgen heranziehen, so etwas brauchen wir in Rodenburg, es war immer mein Gedanke. Dazu kommt er mir gerade recht.“
Frau Lisa hörte nur mit halbem Ohre zu. Sie überschaute mit prüfendem Blick die Tafel und zählte die Gläser.
„Seid ihr mit allem fertig?“ fragte Stoltzmann. „Es ist die höchste Zeit!“
Die Glocke, die das Kommen der ersten Gäste meldete, gab ihm recht. Hans Warsow und sein Bruder erschienen auf die Sekunde pünktlich, die andern folgten bald.
Es waren noch zwei andre Geistliche zur Probepredigt nach Rodenburg geladen, die gleichfalls gefielen. Aber der erste Bürgermeister trat mit Entschiedenheit für die Wahl von Hans Warsow ein, und da er einen Einfluss in der Stadt hatte wie nie ein andrer vor ihm, so wurde diese mit ziemlicher Einstimmigkeit vollzogen.
Nun hatte Hans Warsow sein Ziel erreicht, er hatte ein grosses Pfarramt inmitten einer blühenden Stadt, die im Herzen seiner geliebten Heimat lag, er konnte wirken und schaffen.
Und er tat es. Leicht war seine Tätigkeit nicht. Sein Vorgänger, ein älterer, kränklicher Herr, hatte den grössten Teil der Arbeit dem jüngeren Amtsbruder überlassen, und Diakonus Brettschneider hatte sich ein reiches Feld in der Gemeinde geschaffen. Aber Hans Warsow hatte eins vor allen seinen Amtsbrüdern voraus: seine Predigten übten eine starke Anziehungskraft, der Kirchenbesuch stieg. Leute, die sonst nie in der Kirche zu sehen gewesen, stellten sich jetzt ein, man sprach von seinen Predigten, was in Rodenburg bisher nie geschehen war.
Aber das alles, so schön es sich anliess, dauerte nur eine kurze Zeit. Die Teilnahme an seinen Predigten hörte zwar nicht auf, verlor jedoch ihre Lebendigkeit, als der Reiz der Neuheit dahin und seine Tätigkeit etwas Gewohntes war. Da seinem Wesen zudem jenes Gleichgewicht abging, das sich weder durch Zudringlichkeit noch durch Überspanntheit von manchen seiner weiblichen Schutzbefohlenen aus der Fassung bringen liess, da er als Denker zu oft mit allerlei Fragen und Erwägungen beschäftigt war, um jedem Besucher, jedem seiner Gemeindeglieder auf der Strasse gleich mit jener fertigen Liebenswürdigkeit und Anteilnahme entgegenzukommen, die man nun einmal von „seinem“ Geistlichen verlangte, so hielt sich das allgemeine Interesse, das er im Anfang erregt hatte, nicht auf seinem Höhepunkt.
„Gewiss, klug ist er, und was er sagt, ist schön,“ meinte eine Dame der besseren Kreise, die ihm zuerst mit begeisterter Hand Pforten gebaut, „aber ich kann mir nicht helfen, Herr Brettschneider ist so sehr viel netter, es kommt alles so herzlicher und so liebevoller bei ihm heraus.“
„Er ist ein bisschen von sich eingenommen. Das sind die geistvollen Leute immer,“ äusserte eine andre, mit der er sich gelegentlich einer Tauffeier sehr anregend unterhalten, die er aber bei einer späteren Gelegenheit nicht wiedererkannt und infolgedessen wenig beachtet hatte.
„Predigen kann hei, aber trösten kann hei nich!“ sagte eine einfachere alte Frau, die es dem neuen Pfarrer übelgenommen hatte, dass er nach einem halbstündigen Vorklagen ihrer sämtlichen Leiden der Reihe nach nicht mehr ganz bei der Sache war. Bei der Menge wirkt ein liebenswürdiges Wesen bei weitem mehr als geistige Vorzüge; diese schliessen aus, jenes zieht an. Hans Warsow war noch harmlos genug, zu glauben, dass es im Leben zuerst auf das ernste Wollen und die Kraft des Könnens ankomme. Die Leute wollen gestreichelt sein, warm muss der Blick sein und weich die Hand, die sie berührt. Und Hans Warsows Blick war nicht immer warm, und nicht immer weich die Hand, die er reichte.
Bei alledem durfte er sich nicht beklagen: ein sehr grosser Teil, nicht nur der Nikolaigemeinde, sondern der ganzen Stadt, hielt unentwegt zu ihm. Er zog seine Predigten jeder andern vor, er suchte ihn für ihre Amtshandlungen. Er bemühte sich, in einen persönlichen und gesellschaftlichen Verkehr mit ihm zu kommen. Dies war freilich nicht leicht, denn am Tage arbeitete er in der Gemeinde, und seine Abende waren geistigen Studien gewidmet, die er keineswegs vernachlässigte, oder er war mit der Vorbereitung für die zweite Auflage seines Werkes über Ostpreussen beschäftigt, das einen wachsenden Anklang in der Provinz, ja über sie hinaus gefunden hatte.
Eine Erholung gönnte sich Hans Warsow inmitten all seines angestrengten Arbeitens: er fuhr dann und wann nach Bärwalde.
Es war ja immer eine grössere Reise, aber sie trug ihren Lohn in sich. Sowie er die Luft Bärwaldes atmete, all die Stätten auf dem Hofe, in Feld und Wald betrat, an die ihn die schönsten Erinnerungen seiner Kindheit knüpften, dann fühlte er sich wohl und war von Herzen froh und jung.
Da stand das alte stolze Herrenhaus, in seinem früheren Teil an eine ferne Vergangenheit mahnend, der linke weitausreichende Flügel und das obere Stockwerk später angebaut. Aber nur der kennende Blick konnte die alte und die neue Zeit hier unterscheiden, denn ein verständnisvoller Königsberger Architekt hatte die Neuerung bewerkstelligt und dem Vorhandenen einheitlich zugefügt. Und alles war mit der grössten Sorgfalt gepflegt und erhalten.
Vor der nach dem Hof hinausschauenden Front standen zu beiden Seiten der offenen hölzernen Veranda zwei gewaltige uralte Pappeln, die so mancher Sturm zerzaust, mancher Blitz getroffen, und die dennoch stark und trutzig mit dem kahlen Haupt in den Himmel ragten, als wären sie hingestellt wie zwei schützende Riesen, das Bärwalder Herrenhaus vor den feindlichen Elementen des Himmels und der Erde zu bewahren. Ihnen gegenüber ein grosser ovaler Platz, mit allerlei Sträuchern und jungen Bäumen angepflanzt, unter denen der gepflegte Rasen schimmerte; rechts von ihm, durch eine breite mit Kies bestreute Einfahrt getrennt, der herrschaftliche Kutschstall mit dem Turm darauf, dem Hahn über ihm als Wetterfahne und der Glocke im Dachgestühl, die zur Arbeit rief und die Feierstunde kündete.
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