„Wir sind so weit noch nicht gekommen.“
„So weit noch nicht gekommen? Du musst doch schon eine ganze Weile hier sein.“
„Wir sprachen über allgemeinere Dinge,“ fiel Edith ein, „dein Bruder teilte mir eben erst seinen Entschluss mit, sich um die Rodenburger Pfarrstelle zu bewerben. Ich wunderte mich über ihn.“
„Warum wundern? Ich finde, es ist ein sehr vernünftiger Gedanke. Der Mann muss sich praktisch betätigen, das ist die Hauptsache; und für Hans ist es gut, wenn er sich von der unausgesetzt geistigen Beschäftigung auch einmal der rauheren Wirklichkeit zuwendet. Er wird seine Sache schon machen, da kannst du sicher sein.“
Die alte Liebe und Hochschätzung für den älteren Bruder sprach aus seinen Worten. Er sah in dem einfachen dunkelbraunen Jackettanzug nicht mehr so schmuck und schneidig aus wie in der kleidsamen Kürassieruniform. Aber die scharfgeschnittenen Züge seines Gesichts traten um so mehr hervor, und seine braunen Augen blitzten wohlgemut und guter Dinge in die Welt hinein. „Jeder muss am besten wissen, was für ihn gut ist, und kein andrer soll ihm dareinreden. Ich habe es an mir selbst erfahren.“
„Und fühlst du dich wohl in deiner neuen Tätigkeit?“
Er lächelte, sein kluges, stilles Lächeln. „Na, weisst du, anfangs musste ich mich doch verdammt fügen. So von der Pike auf! Und der alte Borowski, den ich bis dahin nur als jovialen guten Mann kannte, ist ein verdammt strenger Herr. Und wehe dem, der seinen Zorn heraufbeschwört! Ich sah ihn einmal, wie er sich auf einen aufsässigen Arbeiter stürzte, und wundre mich heute noch, dass der Mann mit seinem Leben davonkam. Aber wir beide arbeiten gut miteinander.“
„Und der alte Bärwalder?“
„Mit dem kann ich mich vorzüglich verständigen, gerade weil er so knapp und karg in seinen Worten ist. Das hebt mich über vieles hinweg, besonders über die Einsamkeit, die manchmal doch ein bisschen lastend ist.“
„Aber die Hutemach ist noch immer deine beste Freundin?“
„Na ob! Der alte Herr ist manchmal schon ein bisschen eifersüchtig, wenn sie zu gut bei Tisch auf mich aufpasst und mir regelmässig meine Lieblingsspeisen macht. Bereut, wie du siehst, habe ich noch nicht und werde es nie tun. Doch was ich fragen wollte,“ wandte er sich nun wieder zu Hans, „was meinte denn der Stoltzmann?“
„Er war sehr zurückhaltend, bemerkte nur, dass sich eine sehr grosse Anzahl von Bewerbern für die Stelle gemeldet hätte, und liess sich auf nichts andres ein.“
„Beriefst du dich nicht auf Edith, auf Fräulein von Barrnhoff? Machtest du nicht seiner Frau einen Besuch? Sie ist Ediths beste Freundin, und mit ihr lässt sich doch reden!“
„Nichts von alledem.“
„Aber weshalb nicht, Mann?“
„Weil ich meine Wahl solchen Mitteln und Empfehlungen nicht verdanken will. Spricht alles, was ich bisher geleistet, nicht für mich, dann muss ich eben verzichten.“
„Hörst du es, Edith? So ist er immer gewesen! So sind wir Warsows alle — immer mit der eignen Kraft, immer mit dem harten Kopfe! Um Gottes willen keine Verbindungen und keine Fürsprache! Deshalb haben wir es auch nie zu etwas gebracht. Aber du wirst die Sache schon machen, nicht wahr, Edith? So lass doch, Hans, sie tut es ja nicht für dich oder für mich. Sie tut ein gutes Werk für die Stadt Rodenburg. Solch einen Pfarrer sollen sie sich mal suchen! Du kannst ihn mit reinem Gewissen empfehlen, das darfst du mir glauben!“
„Ich will gern versuchen, was in meinen Kräften steht, vorausgesetzt natürlich, dass dein Bruder damit einverstanden ist.“
„Dann tust du es ohne seinen Willen, ja wider seinen Willen! Mir zuliebe, Edith, tust du es!“
Der alte Reckensteiner trat in das Zimmer. Der lange Ritt hatte ihn frisch und elastisch gemacht, sein Gang und seine Bewegungen hatten etwas jugendlich Militärisches. Aber sein Gesicht zeigte in der blassen Beleuchtung der Spirituslampe, die man immer noch in Reckenstein brannte und die eben angezündet war, einen müden Zug.
Er hatte nicht viele Menschen, denen er seine Zuneigung schenkte, er war kritisch und zum Aussetzen geneigt. So begrüsste er auch heute Fritz mit herzlicher Freude, während er seinem Bruder gegenüber eine kühlere Haltung annahm, ohne jedoch durch Wort oder Miene die Pflichten des Hauswirts zu vernachlässigen. Denn die Gastfreundschaft war in Reckenstein ein geheiligt Ding. Unter gleichgültigen Gesprächen verlief das reich aufgetragene Abendessen, dann fuhren die beiden Brüder durch die sternenklare Sommernacht nach Bärwalde.
Hans Warsow erhielt eine Aufforderung zur Probepredigt an der Nikolaikirche in Rodenburg.
Der Kirchenbesuch stand in Rodenburg nicht auf der Höhe. Auch diesmal war das grosse Gotteshaus nicht in allen seinen Teilen gefüllt, sah aber immerhin eine grössere und ansehnlichere Versammlung als an den andern Sonntagen. In dem Patronatsstuhl sass der erste Bürgermeister mit seiner Gattin, der Dezernent für Schule und Kirche und einige andre Ratsherren. Auch Edith, die in diesen Tagen nach Rodenburg gekommen war, um mit dem Arzt über ihren Vater zu sprechen, hatte sich dort eingefunden und Fritz mit eingeschmuggelt.
Man erwartete den neuen Prediger bereits zur Liturgie. Aber er kam nicht. Diakonus Brettschneider, der vielgeliebte zweite Geistliche an St. Nikolai, hielt sie nach altem Herkommen. Das erhöhte die Spannung. Endlich war die Liturgie beendet. Der gutgeschulte Kirchenchor sang seine Motette: „Alles, was Odem hat“, das Hauptlied setzte ein, der letzte Vers war gesungen, Hans Warsow bestieg die Kanzel.
Das bleiche, feingeschnittene Gesicht mit den ernsten, beinah strengen Zügen und den dunklen, träumenden Augen, die niemand in der grossen Gemeinde sahen, sondern ganz einwärts blickten, machte sofort Eindruck auf die Leute. Nun las er den Text, nun begann er seine Predigt.
Er sprach mit etwas rauher, aber sehr deutlicher Stimme in kurzen, knappen Sätzen, jeder auf das sorgsamste gefeilt und von ehernem Gefüge. Wie wohlgehauene Steine waren sie, die er zu einem festgeordneten Bau türmte. Sichtbar stieg er vor den Zuhörern in die Höhe, überall merkte man den scharfen Denker. Beredt wie sein Mund sprach seine Hand: eine lange, beinah überschlanke Hand mit feinen, durchgeistigten Linien; sie allein führte seine Gesten aus. Aber auch sie nur mit leise deutenden Bewegungen.
„Wie hat dir seine Predigt gefallen?“ fragte Frau Lisa, die Hans Warsow und seinen Bruder mit einigen andern Gästen zu Mittag geladen. Sie hatte es in Rücksicht auf seine Beziehungen zum Reckensteiner Hause getan und war jetzt mit dem Ordnen der Tafel beschäftigt, wobei ihr Edith behilflich war.
Stoltzmanns bewohnten eine neugebaute Villa draussen vor der Stadt, die architektonisch mit Geschmack ausgeführt und im Inneren sehr geräumig war. Die Stadt hatte sie ihrem Bürgermeister zum Ehrengeschenk gemacht, als dieser die Aufforderung einer grossen Stadt im Westen, sich dort für die freigewordene Oberbürgermeisterstelle zur engeren Wahl zu stellen, kurzerhand abgelehnt hatte.
Edith schwieg einen Augenblick. „Ich habe, wie du weisst, nie viel Sinn für Predigten gehabt,“ sagte sie dann, „aber ich gebe zu, es war etwas Eignes in dieser. Manchmal kam sie mir mehr wie ein Vortrag vor, dann wieder schien es mir, als ob auch die einfacheren Leute von ihr berührt würden. Ich habe eine solche Andacht in der Nikolaikirche noch nicht gesehen.“
„Du hast ja auch wenig Gelegenheit dazu gehabt, mein Herz,“ warf Frau Lisa ein wenig spöttisch hin, und indem sie die Gläser zurechtstellte: „Er muss mich führen. Anders wird es nicht gehen. Obwohl ich auf die Prediger auch nicht besser zugeschnitten bin als du, und seinen jüngeren Bruder viel lieber hätte. Schade ist es aber doch, dass er seine Uniform ausgezogen hat. Sie stand ihm so gut!“ Und während sie mit flinker Feder an einem kleinen Nebentische einige Führungskarten schrieb: „Aber Hände hat der Mensch! Solche Hände habe ich überhaupt noch nie gesehen. Ich hörte kaum auf seine Worte, ich blickte immer auf seine Hände, und ich verstand alles.“
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