Indessen, an die Stelle kaiserlichen Glanzes trat innerhalb von 150 Jahren der biedere Bürgersinn eines Baumeisters aus St. Pölten. Der Bundeskanzler Raab ist Führer einer Volkspartei, der ÖVP. Sein Pressechef sagt zu ihm: »Herr Bundeskanzler, du mußt bitte etwas mehr in die Kamera schauen«, und der Herr Bundeskanzler nickt mit seinem schweren Kopf. Auf den feudalen Teppichen, unter den überlebensgroßen Porträts majestätischer Herrschaften, regiert eine demokratische Lässigkeit – in Preußisch-Bonn unvorstellbar.
Und doch lebt eine eigene bürgerliche Würde in allem; auch darin, wie dieser Bundeskanzler Raab sich ausschweigt. Er residiert königlich – und wohl auch etwas autokratisch – am Ballhausplatz; aber er ist ein schlichter Mann. Geheimdiplomatie empfiehlt der Kanzler im Stresemannanzug seinen deutschen Interviewern. Er lobt die Vertragstreue der Russen, und er klagt die Grenzsperren an zwischen Österreich und Ungarn. Er tut nichts, den Mythos zu nähren, daß er es gewesen sei, der den Staatsvertrag zustande gebracht hätte. »Es hat keinen Zweck, den russischen Bären in den Schwanz zu zwicken«, sagt er zwinkernd.
Raab tritt mit uns auf den Balkon des Ballhauses, auf dem Talleyrand gestanden hat und Metternich und die Majestäten. Unter schweren Lidern und über einem jugendlichen Bärtchen blinzelt er in die Oktobersonne über dem Garten. »Wie schön, daß Wien nicht zerstört wurde«, sage ich. »Oper und Burgtheater und Stephansdom haben schon etwas abbekommen«, entgegnet er in seinem leisen breiten Dialekt, »aber mir ham’s wieder g’richt’.«
Später am Abend gehe ich durch den »Volksgarten« nach Haus. Im Burgtheater »Sappho« vom Nationaldichter Grillparzer. Es war nicht zum Anhören und nicht zum Ansehen. Aber »Weh dem, der lügt« – vom gleichen Autor – soll sehr gut sein. Und das Theater war voll, das Publikum andächtig vor all dem alexandrinischen Stroh. Innen ist »die Burg« billig renoviert, aber äußerlich steht das große Haus noch immer stolz am Ring. Voll lyrischer Süße der gepflegte Garten in seinen letzten Rosen, dem fallenden Laub, den Lichtern der Nacht; weich hupende, gleitende Autos hinter den Hecken und ein schmaler weißer Mond über der Grillparzer-Statue.
Das Gobelin-Foyer der Oper, die luftige Freiterrasse oben, die Aufgänge in Marmor und Gold, die braun befrackten Logenschließer – das ist noch großes 18. Jahrhundert. Hier mag Casanova als Marquis de Seintgalt geglänzt haben, bis die Polizei der prüden Maria Theresia ihn des Landes verwies.
Heute drängen sich Teenager um die Coca-Cola-Batterien des Pausen-Büfetts. Brillanten und Nerze sind vereinzelt an Amerikanerinnen zu bewundern, die allerdings einen Wirtschaftsfaktor ersten Ranges darstellen für Wien.
Vor mir im Parkett ein Pärchen »im Ansaugestadium«; sie machen das aber so lieb und dezent, daß es beinahe hübscher ist als die »Carmen« auf der Bühne. Er hat einen Smoking mit ganz schmalem Seidenkragen, und ihre Ohrringe sind so viel wert wie die Abendgage der Jean Madeira. Auch sie eine Enkelin des Erzherzogs?
Pierre Monteux dirigiert; ich sah ihn einst an seinem angestammten Platz, in San Franzisko. Er ist nun über die Achtzig, und Bizets Feuer dämmt er weise zu besonnenem Genuß. Diese Musik ist evergreen. Glücklicherweise singen sie auf französisch; die Oper ist nur erträglich, wenn man die Worte nicht versteht.
Ein sehr dicker junger Mann ist Herr Qualtinger. In der »Marietta«, dem literarischen Bar-Kabarett Wiens, feiert er Geburtstag. Das Bundesheer wird dort, ohne Schärfe, ironisiert; das Verhältnis der Zarah Leander zu den Nazis (gerade hat sie ihr Comeback in der Josefstadt) wird mit einiger Schärfe karikiert; die Verantwortungslosigkeit einer neuen Jeunesse dorée wird mit bitterem Hohn attackiert; Refrain: »Der Papa wird’s scho richten . . .«
Österreichs Autor Nummer eins, Heimito von Doderer, hält die Geburtstagsrede auf Qualtinger; und Paola Löw, dazu Ehepaar Hackenberg sind in diesem Fall dankbares Publikum. Man kennt einander, sieht einander, trinkt miteinander. Und ist auch boshaft zusammen. Kritiker Hans Weigel sitzt mit Friedrich Torberg und dessen Frau Marietta an einem Tisch – wen wird er morgen auf die gefürchtete Feder spießen?
Die Zeitungen zahlen schlecht, die Bücher bringen hier immer nur Schillinge, wenige. So publizieren sie alle »draußen, im Reich«: Doderer, Torberg, Weigel, Lernet-Holenia. Und Hannerl Hackenberg, geborene Matz, filmt »draußen«. Kabarett läßt sich schlecht exportieren. Kreisslers Chanson vom »guoten aalten Franz« verstehe aber auch ich leicht; es wird mit einem süffisant-intellektuellen Gesicht brillant vorgetragen und hat einen surrealistischen Haut-goût viennois.
Tiefer Nebel, als wir Wien im schwarzen Ford des Presseamtes verlassen. Aber anderthalb Stunden später grelle Sonne über dem Friedhof von Schattendorf. Er ist an zwei Seiten eingefaßt von Stacheldraht und von sechs Reihen Minen. Östlich und südlich ist je ein Wachtturm zu sehen. Durchs Teleobjektiv erkenne ich die Uniformen der ungarischen Doppelposten. Die Stimmung wie bei uns an der Zonengrenze, plus ein Hauch Asien.
Die Sonne ist jetzt sehr warm. Wir sitzen am Rand des Friedhofs im Gras, eine Dorfkirchenglocke läutet, ein neuer österreichischer Posten zieht auf, verschwindet hinter den Grabsteinen.
In Eisenstadt liegt Haydn begraben, wir fahren am Schloß der Esterhazy vorbei und essen Nockerln. Durch slawische Dörfer mit weißen Gänsen und weißen Giebeln; Frauen in Stiefeln und Kopftuch. Gleich hinter Wien fängt der Balkan an, der Osten – obwohl die Russen dawai sind, schon ein paar Jahre, und die Türken viel länger.
Das Bier und der Flughafen machen Schwechat bemerkenswert. Es ist ein Feldflugplatz, Wellblech, Holzstühle, Behelfsfenster, aber daneben verspricht ein Rohbau das neue Empfangs- und Abfluggebäude; bescheidene Maße, aber hübsch und sehr modern. Ich fliege mit der »Alitalia« über München zurück. Eine Maschine der »Aeroflot« wird vorher aufgerufen: nach Moskau. Wien – Drehscheibe zwischen Ost und West, Nord- und Südeuropa. »Es geht uns viel besser«, hat der Taxifahrer gesagt. »Der Schilling steigt sogar a bisserl der D-Mark nach.« Vom Hochhaus-Restaurant aus hab’ ich den »Steffel« gesehen und den Prater, das Riesenrad stand. Der »Dritte Mann« längst abgedreht, die »Vier in einem Jeep« verschwunden. »Wien, Wien, nur du allein . . .«, der Kitsch und der Heurige, die Touristen, die Maderln, Wiener Moden und die Sachertorte in vier genormten Größen.
1,7 Millionen Einwohner, gerade halb soviel wie das heutige Berlin. Aber Wien ist heil und ungeteilt und wieder frei – äußerlich. Ist es auch drinnen heil, und will es mehr, als überleben um jeden Preis? Oder: weiß es zuviel?
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