Ich legte Isa wieder an und fuhr sie dann zurück ins Babyzimmer. Ich war todmüde. Musste unbedingt schlafen. Ich hatte meine Ohren gerade notdürftig mit Klopapier zugestopft und es mir in meinem Bett gemütlich gemacht, als das Licht plötzlich anging. Stimmen erfüllten den Raum. Erschöpft drehte ich mich um. Da war sie wieder, die junge Türkin. Eine der jüngeren Hebammen half ihr ins Bett, und ihre Mutter, die mich keines Blickes würdigte, setzte sich zu ihr auf die Bettkante und bürstete ihr Haar zurück. Dann küsste sie sie auf die Stirn und ging leise.
Die Hebamme kam herein, sie hatte ihr etwas zu essen und die obligatorische Kanne Fencheltee auf das Nachttischchen gestellt.
»Hier sind die Tabletten für Ihre Nachwehen, Frau Akbal. Wenn sie nicht ausreichen, dann klingeln Sie doch bitte, wir geben Ihnen dann etwas Stärkeres. Gute Nacht«, verabschiedete sie sich.
Frau Akbal lehnte sich müde zurück. Ich bemerkte erstaunt, dass sie ohne den riesigen Bauch eine eher kleine, zierliche Person war mit hellgrünen Augen und kastanienbraunen Löckchen.
»Ich heiße Lisa«, durchbrach ich die Stille.
»Ich bin Leyla.« Sie lächelte erschöpft.
»Und, wie war es?«, versuehte ich einen Smalltalk.
»Zuletzt dachte ich, ich muss sterben. Aber dann war der Kleine auch schon da.«
»Herzlichen Glückwunsch.«
»Danke.«
Ich sank in meine Kissen zurück. Die Müdigkeit übermannte mich, und ich döste ein.
»Lisa?«
Ich schreckte auf. »Hm?«
»Du schnarchst doch nicht?«
»Was?«
»Ich werde aggressiv, wenn jemand schnarcht, während ich versuche, zu schlafen, deshalb. Also, schnarchst du?«
Ich wurde rot. Okay, weil ich in meiner Schwangerschaft so viel zugenommen hatte, war ich des Öfteren von meinem eigenen Schnarchen geweckt worden. Na und? Jetzt war ich ja nicht mehr schwanger. Aber ich hatte bestimmt noch so an die zwanzig Kilo mehr drauf. Ob mich das wohl auch zum Schnarchen brachte?
»Nein, ich schnarche nicht«, log ich.
»Dann ist es ja gut.« Leyla löschte das Licht.
Ich drehte mich auf die Seite. Ich würde einfach versuchen, mir selbst zuzuhören und nicht zu schnarchen. So schwer konnte das ja wohl nicht sein, nicht wahr?
Ich atmete tief ein und aus und merkte, wie mich der Schlaf überfiel.
»Ohhhhhhh.«
Ein Stöhnen weckte mich, kaum, dass ich eingeschlafen war.
»OOOOOOOOOOHHHHHHH!«
Bekam Leyla etwa noch ein Kind?
Ich knipste das Nachtlicht an.
»Alles okay?«, fragte ich verschlafen.
»Das sind nur die Nachwehen«, klärte sie mich mit schweißglänzender Stirn auf.
Ich hatte auch welche gehabt, natürlich. Aber nicht so starke, dass sie mich vom Schlafen abgehalten hätten.
»Je mehr Kinder man bekommt, desto stärker werden auch die Nachwehen«, klärte sie mich auf.
»Nimm doch einfach eine Tablette«, schlug ich vor.
Das tat sie auch und löschte dann wieder das Licht.
»OOOOOOOOOH!«
Darauf folgte wieder Stille, in der ich eindöste.
»OOOOOHH!«
Ich schreckte jäh aus dem Schlaf auf. »OOOOOOOHH!«
Ich drückte mir ein Kissen auf den Kopf. Doch ich hörte sie noch immer stöhnen.
Nach einer Stunde setzte ich mich wütend auf und drückte den Rufknopf. Die Nachtschwester erschien. »Wer von Ihnen hat mich gerufen?«
»Ich«, gab ich zur Antwort, »aber Frau Akbal hier ist die mit den starken Schmerzen. Bitte geben Sie ihr doch etwas gegen die Nachwehen.« Damit sie endlich ruhig ist und mich schlafen lässt, schob ich in Gedanken hinterher.
Die Schwester betrachtete Leylas schmerzverzerrtes Gesicht und kam dann mit einer Injektion zurück.
»Es wird gleich besser, keine Sorge«, versprach sie und verließ das Zimmer. Ich löschte erleichtert das Licht.
»Lisa?«
Entnervt warf ich die Augen gen Himmel.
»Was?«, murmelte ich unfreundlich.
»Ich kann jetzt noch nicht schlafen. Kannst du bitte mit mir reden?«
Ich drehte mich zu ihr um.
»Worüber denn?«
»Egal, Hauptsache, wir unterhalten uns. Hast du einen Sohn oder eine Tochter bekommen?«
»Eine Tochter. Sie heißt Isabelle.«
»Mein Sohn heißt Adem, wie der erste Mann. Ich habe noch einen Sohn, der ist dreizehn, und eine sechzehnjährige Tochter«, erzählte sie stolz.
»Wie schön. Dein Mann ist sicher sehr stolz auf dich. War er bei der Geburt dabei?«, erkundigte ich mich höflich.
»Nein, das schickt sich doch nicht. Das ist Frauensache. War dein Mann denn dabei?«
»Natürlich.« Ich verschwieg, dass Tom in Ohnmacht gefallen war. Das ging sie ja nun wirklich nichts an.
»War es eine schwere Geburt?«, bohrte sie weiter.
»Keine Ahnung, die Hebammen sagten, es sei eine leichte Geburt gewesen.«
»Du Glückliche! Adem war meine schwerste Geburt. Er wog vier Kilo und dreihundert Gramm.«
Ein Elefantenbaby!
»Ich hatte Schwangerschaftsdiabetes«, erläuterte sie. »Da sind die Babys immer so dick. Ich selbst habe nur acht Kilo zugenommen.«
Ich spürte selbst im Dunkeln, wie mein Hintern beinahe das gesamte Bett ausfüllte und meine Oberschenkel schwabbelten. Wie viel ich wohl noch zu viel draufhatte?
Während ich meinen eigenen Gedanken nachhing, ertönte aus dem Nebenbett plötzlich ein lautes Schnarchen.
Gott sei Dank! Ich schloss die Augen, um endlich in meine wohlverdiente Nachtruhe zurückzufinden.
Ein Greinen weckte mich.
Ich öffnete die Augen.
Da stand Schwester Martin mit Isas Wagen vor mir.
Draußen dämmerte es.
»Frau Teufel, es tut mir ja wirklich leid, aber ich musste die Kleine zu Ihnen bringen. Sie hat alle Babys auf der Säuglingsstation geweckt. Wir konnten sie einfach nicht beruhigen. Ich denke, sie hat Hunger. Würden Sie sie bitte stillen?«
Zu meiner Überraschung hatten meine Brüste sich scheinbar über Nacht verdoppelt. Sie fühlten sich hart an, wie Ballons, die man mit zu viel Wasser gefüllt hatte.
Als ich Isa diesmal anlegte, konnte ich hören, wie sie laut schluckte.
Eine Sekunde lang löste sie sich überrascht von meiner Brust, und ich stellte erstaunt fest, dass die Milch einfach so herausschoss, und zwar mitten in ihr Gesichtchen.
Sie schrie wütend, und ich beeilte mich, sie wieder anzudocken.
»Geht das nicht auch leiser?«, ertönte es übelgelaunt aus dem Nachbarbett.
Ha! Die hatte vielleicht Nerven! Nachdem ich ihretwegen so müde war!
Ich kuschelte mich wieder in meine Kissen. Isabelle nuckelte friedlich weiter, dann ließ sie mit einem plötzlichen Schmatzer los und war sofort eingeschlafen. Ein Milchtropfen rollte aus ihrem Mündchen auf das weiße Laken.
Ich schlief glücklich ein.
»Guten Morgen! Zeit zum Frühstücken, die Betten zu machen und das Gesicht zu waschen!«, begrüßte uns die Morgenschwester nach zwanzig Minuten gut gelaunt.
Leyla brummte unfreundlich, und auch mir war danach zumute, der Schwester einfach eine runterzuhauen.
So aber erwiderte ich den Gruß verhalten, hievte mich aus dem Bett und schob Isa gähnend ins Babyzimmer, wo man sie mir gütigerweise abnahm.
»Oh, Ihre Tochter hat Aa gemacht. Sie sollten sie lieber erst wickeln«, empfahl mir die Säuglingsschwester.
»Wickeln?« Das kannte ich. Hatte ich schon mal gehört. Nur noch nie gemacht. Aber so schwer konnte das ja nicht sein.
»Hat das nicht Zeit, bis ich einen Kaffee getrunken habe?«
»Bis dahin hat die Kleine sicher schon einen wunden Po.«
Ich seufzte.
»Sie finden alles Nötige dort drüben neben den Wickeltischen.«
Die Schwester deutete mit dem Finger nach rechts.
Ich nickte ergeben. Also erst wickeln, dann Kaffee.
Ich legte Isa sachte auf den Wickeltisch. Dann sah ich mich verstohlen um. Die Mama am Wickeltisch neben mir war schon weitaus geübter. Gekonnt schaltete sie das Heizlämpchen über dem Wickeltisch an, öffnete die Druckknöpfe des Strampelanzuges und entfernte die Windel. Dann feuchtete sie einen Wegwerflappen an, wischte ihrem Sprössling den Po, tupfte ihn ab, ölte ihn ein und verschloss die Windel. Danach zog sie ihm den Strampler wieder an und legte das Baby zurück in sein Wägelchen.
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