Irgendwann nahm mir eine Säuglingsschwester meine Kleine behutsam aus dem Arm.
»Wir machen dich schön für die Mama«, lächelte sie das Baby an.
Ein Murmeln weckte mich. Es kam mir vor, als wäre ich gerade erst eingeschlafen.
»Da ist die Mama, Prinzessin«, flüsterte Tom mit verklärtem Blick.
»Hallo.«
»Hallo mein Schatz.« Tom küsste mich sanft auf die Stirn und strich mir eine Locke aus meinem Gesicht. Erschrocken bemerkte ich den Verband an seiner Hand.
»Was hast du mit deiner Hand angestellt?«, fragte ich entgeistert.
»Ich?« Tom lachte.
»Du hast sie gestern so sehr gequetscht, dass da wohl irgendwas gesprungen sein muss. Aber keine Sorge, den Verband kann ich in ein paar Tagen wieder abnehmen, es ist nichts Ernstes.«
»Das tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen, ehrlich. Geht es dir jetzt besser? Vorhin bist du ja ... äh ...«
Tom rollte mit den Augen. »Ich habe ja mein Bestes getan, aber wenn ich Blut sehe, falle ich leider um. Du weißt ja, ich wollte eben gerne dabei sein!«
»Warst du doch auch.«
Wir schwiegen einen Moment, glücklich.
»Wir haben noch immer keinen Namen«, durchbrach Tom schließlich die Stille.
»Nein, haben wir nicht«, pflichtete ich ihm bei.
»Hast du irgendwelche Vorschläge?«, fragte er neugierig.
Ich überlegte kurz.
»Leonore?«
Tom schüttelte den Kopf.
»Wie wär’s mit: Isabelle?«, fragte Tom.
Ich lächelte. Ja, warum eigentlich nicht?
»Die anderen wollen dich auch gerne sehen. Soll ich sie hereinholen?«
Ich nickte.
Eine Viertelstunde später kam er mit unserer bunten Horde zurück.
Der Erste, der das Krankenzimmer betrat, war Benny.
Er warf einen Blick auf meinen noch geschwollenen Leib und meinte enttäuscht: »Ooooch, schade, ist das Baby denn noch gar nicht da?«
Babyblues?
Davon hatte ich schon gehört. Das war, wenn die Frauen nach der Geburt heulten, oder nicht? Und die schlimmere Version davon nennt man »Wochenbett-Depression«, vermutete, dass die einfach nur länger dauerte. War ja auch gleich, mir, Lisa Teufel, ging es nach der Geburt unserer kleinen Isabelle phantastisch! Babyblues? Dass ich nicht lache! Ich hatte jedenfalls nichts damit zu tun.
Ich hatte geschlafen wie ein Murmeltier und erwachte am folgenden Morgen zwar wund, aber erholt und ungewohnt leichtfüßig. Klar, ich hatte ja auch acht Kilo weniger zu tragen als gestern! Und die hatten hauptsächlich auf meinen Magen und meine Lunge gedrückt.
Bevor ich mir meine Tochter von der Säuglingsstation holen würde, wollte ich zunächst einmal ordentlich frühstücken, da ich seit gestern Mittag nichts mehr gegessen hatte. Ich zog mir also gemütlich meinen Morgenmantel über, schlüpfte in meine Pantoffeln und schlurfte ins Frühstückszimmer, wo sich zwei Wöchnerinnen über ihre Geburten unterhielten. Ich nahm mir reichlich Rührei, Schinken, Vollkornbrötchen, zwei Croissants, eine Portion Nutella und eine Tasse Fencheltee. Immerhin hatte ich doch vor, meine Isabelle zu stillen, nicht wahr? Und dass Fencheltee milchbildend ist, weiß doch jeder! Nutella vielleicht nicht, aber ich liebe das Zeug nun einmal, auch wenn ich genau weiß, dass nach dem Verzehr einer satten Portion Nutella ein Zwei-Euro-Stück-großer Pickel meinen derzeit hangargroßen Po zieren wird. Andererseits würden weder Tom noch ich denselbigen in nächster Zeit sehen, also her mit dem Zeugs!
Die frisch gebackenen Mütter saßen allein am großen Frühstückstisch.
»Guten Morgen«, grüßte ich höflich.
Die beiden hoben den Kopf und erwiderten meinen Gruß, fuhren in ihrer Unterhaltung aber fort.
»Ich hatte mir die Wassergeburt anders vorgestellt! Da haben die mich doch ins eiskalte Wasser gelegt, eiskalt, sage ich dir, auch wenn sie dir erzählen, dass das Wasser 27°C warm sei, die lügen! Und ich war zu schwach, um allein wieder aufzustehen. Der Rüdiger wollte ja unbedingt, dass unser Norbert im Wasser zur Welt kommt, damit er ein Schwimmer wird und uns mal olympisches Gold nach Hause bringt, haste Töne? Na, dann bin ich während der letzten Wehen fast zusammengeklappt und habe den Rüdiger mit ins Wasser gezerrt und ihn angebrüllt und gesagt: ›Dann frier du dir hier doch den Arsch ab! Ich will hier raus!‹ Aber in diesem Moment kam auch schon der Norbert, und Rüdiger hat ihn aus dem Wasser gefischt. Nee, Christinchen, ich kann dir sagen, das mache ich nicht noch mal mit!«
Huuu! Schien, als hätte ich noch mal Schwein gehabt!
»Ja, Margot, dat war escht nix! Isch woar in da Wann plötzlisch in Ohnmacht jefallen und da hammse misch usm Wassa jefischt wie ene Wal!« Christine lachte. »Du hätts ma unser Toni sehen solle! Isch hat misch nämlisch zwischen sene Bene jelegt, der war ja mit in de Wann, und als isch dann umjefalle bin, da hättisch en fast ertränkt! Ne, der will ooch kene Wasserjeburt mieh!!«
O ja, das konnte ich voll nachvollziehen, wenn ich Christinchen da so sah, die ungefähr knapp eine Tonne wog. Der arme Toni, der.
Ich schlang mein Frühstück hinunter und lief dann so schnell ich konnte zur Säuglingsstation hinüber.
Ich klingelte, und Hagrid aus »Harry Potter« öffnete mir.
»Guten Morgen!«, grüßte er sanft dröhnend.
Nur dass diese Sanftheit so gar nicht zu einem einsvierundneunzig großen, grimmig aussehenden Kleiderschrank passte. Kein Wunder, dass hier alle Babys schrien, vor dem hätte ich auch Angst gehabt, wenn ich ein Neugeborenes gewesen wäre.
»Ich bin Säuglingspfleger Martin.«
»Lisa Teufel«, murmelte ich verschüchtert.
»Ah, die Mutter von der Isabelle? Die liegt da hinten bei den anderen, ich habe sie gerade gewickelt. Sie können sie mitnehmen.«
»Äh, danke.«
Ich wandte mich den Plexiglaswägelchen zu, auf denen vorne die Karten mit Namen, Körpergröße und Geburtsgewicht der Babys klebten. Blau waren die Karten der Jungs und rosa die der Mädchen. Isabelles Wagen war leer.
Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus.
O Gott, ich war erst seit ein paar Stunden Mutter und doch schon eine Rabenmutter! Man hatte mir mein Kind geraubt! Oder Martin, der Höhlenmensch, hatte mein Baby gestern nach dem Essen als Nachtisch verspeist. Meine arme, unschuldige Isa!
Ich sah mich panisch um und durchwühlte den Plexiglaswagen hektisch.
»Was tun Sie denn da?«, grölte Martins Stimme unmittelbar hinter mir.
»HHHHAARR!«, erschrocken sprang ich zurück.
Von meinem Geschrei wurde ein Brüllkonzert aus fünfzehn winzigen Mündern ausgelöst.
»Isabelle ist nicht da«, wisperte ich, um die anderen Kinder nicht zu wecken. Und du hast sie auf dem Gewissen, du verschlagener Neandertaler!
»Natürlich nicht, sie liegt ja auch da drüben.« Verärgert bemühte sich Rübezahl, die Kleinen wieder zu beruhigen. Ich stellte erstaunt fest, dass er ausgesprochen begabt war. Während er sanfte Worte gurrte, tätschelte er einem Kind den Po, gab einem anderen einen Schnuller und stopfte in den Mund eines anderen Babys sachte ein Fläschchen Tee.
Ich sah mich um. Fragend zuckte ich die Schultern.
»Unter der Höhensonne«, half Martin mir geduldig weiter.
»Ach so!« Erleichtert trat ich auf das lila Licht zu, das über einem gut gepolsterten Wickeltisch platziert war.
Tatsächlich, da lagen zwei Babys. Süß waren die. Und welches war nun meins?
Keins davon sah aus wie das, das ich gestern bekommen hatte. Meine Isabelle hatte einen länglichen Kopf, der ein wenig wie eine Mischung aus Banane und Aubergine ausgesehen hatte, gelbviolett mit einer platten Boxernase. Sie hatte außerdem eine dunkle Hautfarbe gehabt und war überall mit diesem ekligen Zeug bedeckt gewesen, der Käseschmiere.
Aber die beiden da hatten runde Köpfchen und hübsche, kleine Stupsnasen.
Читать дальше