Lügner.
Ich sehe aus wie eine russische Nutte.
Mia beugt sich zu mir herab. »Lisa, ich weiß, dass das eine drastische Veränderung ist, aber du siehst wirklich großartig damit aus!«
»Wirklich?« Zweifelnd zupfe ich an meinen seidenweichen Haaren.
»Ja!«, rufen beide.
Ich werfe einen Blick auf das Schlachtfeld um mich herum. Meine ehemals blonden Locken liegen wie tote Goldfische unter meinem Stuhl. Ich sehe wieder auf, und ich kann mir nicht helfen: Meine neue Frisur hatte ich mir wirklich anders vorgestellt.
Als Mia und ich vor einer Stunde herkamen, war ich fest zu einer Typveränderung entschlossen gewesen. Ich bin eine neue, verbesserte Version von Lisa Teufel, und alle sollten das auch wissen. Und welche Farbe passt wohl besser zu einem Teufel als rot?
Das habe ich auch Mark mitgeteilt. Der war begeistert und versicherte mir ständig: »Eine ausgezeichnete Wahl, wirklich! Ich selbst hätte dir auch zu dieser Farbe geraten. Sie betont deinen Typ hervorragend!«
Nur hatte ich mehr an ein romantisches Sonnenuntergangsrot gedacht, während Mark da wohl mehr die Vorstellung von einer roten Ampel oder einem Sonnenbrand hatte.
Und das ist nun das Ergebnis: Rot! Feuerwehrauto-, Tomatenketchup-, Erdbeerrot. Rot! Tom hasst rothaarige Menschen, das hat er mir neulich selbst gesagt. Wenn er Boris Becker sieht, muss er würgen.
Tom, der dafür verantwortlich ist, dass meine Augen wieder in Tränen schwimmen, weil ich ihn vermisse und er mich verletzt hat, schon wieder. Nur dass ich ihm diesmal nicht für seine Sünden vergeben werde. Diesmal nicht, nicht mit mir!
»Ist das denn nicht zu... ähem, rot?«, frage ich schüchtern.
Mark und Mia verneinen.
»Lisa, du wolltest doch eine radikale Veränderung, das hast du selbst gesagt.«
»Ich weiß.«
»Und diese Veränderung ist wirklich so positiv, dass ich mich frage, warum wir nicht schon früher daran gedacht haben«, fährt Mia fort.
Sie ist toll, meine allerbeste Freundin.
Okay, dann eben rot.
»Und es ist nicht zu kurz?«
Mia schüttelt strahlend den Kopf und drückt mir aufmunternd die Schultern.
Ich greife in meine neue Haarpracht hinein, und sie fühlt sich überraschend weich und seidig an. Ein wirklich schönes Gefühl. Das ist jetzt ein Haar, das man sogar kämmen kann, etwas, das früher nur mithilfe einer Intensivkur möglich gewesen ist.
»Wie wäre es mit einer Maniküre?«, erkundigt sich Mark.
Wusste gar nicht, dass es das hier auch gibt. Aber warum nicht?
»Die spendiere ich dir«, erklärt Mia. »Und eine komplette Gesichtsbehandlung auch.«
Ich lehne mich dankbar zurück und schließe entspannt die Augen. Wer kein Baby hat, wird nie wissen, wie sich dieser Luxus anfühlt, sich einfach verwöhnen zu lassen und einmal nicht an sein Kind denken zu müssen.
Meine Gedanken driften in weite Ferne.
Es hatte alles so vielversprechend begonnen mit einer Hochzeit aus 1001 Nacht ...
Simple Dinge, die dir vollkommen normal vorkommen, wenn du einen flachen Bauch hast, gewinnen einen neuen Wert, wenn du im neunten Monat schwanger bist.
Dinge wie Schnürsenkel zubinden oder gehen, ohne zu watscheln, sexy Dessous im Allgemeinen und Tangahöschen im Besonderen erscheinen einer hochschwangeren Frau so absurd wie eine Sechzig-Zentimeter-Taille. Aber immerhin konnte ich es noch genießen, ein Bad zu nehmen. Und ich aß, was ich wollte und worauf ich Lust hatte. Man muss die Dinge immer eher positiv sehen, finde ich. Sex zum Beispiel ist viel besser, wenn man schwanger ist.
Tom und ich hatten meinen Auszug aus Bennys und Karls Wohnung am vergangenen Wochenende endlich hinter uns gebracht.
In seiner Wohnung angekommen, küsste er mich ausgiebig, vor allem meinen Hals.
»Ich habe dich vermisst«, flüsterte er.
»Ich dich auch.«
»Glaubst du, das Baby stört es, wenn wir ...«
Ich lachte. »Nein, ich denke nicht.«
Durch meine enorme Körperfülle waren wir relativ eingeschränkt, was den Ort des Geschehens anging.
Tom zog mich küssend in die Küche.
»Was sollen wir hier?« Irritiert sah ich mich um.
»Du mochtest es doch immer auf dem Tisch ...«
»Ja, aber da habe ich noch nicht so viel wie ein Kleinwagen gewogen.«
Das Sofa im Wohnzimmer war zu schmal und außerdem weiß, also zu empfindlich, der Teppich juckte, wenn man auf ihm lag, und die Badewanne hatte nur noch Platz für einen von uns.
Wir seufzten und sahen einander an.
»Dann also klassisch im Schlafzimmer«, meinte Tom bedauernd.
Und hier habe ich mich erst einmal auf den Rücken geworfen und mir meine Füße massieren lassen, eine volle Stunde lang. So ein Umzug kann mörderisch sein! Ich war vollkommen erledigt. Tom hatte seine Sache gut gemacht, er hat mich mit der Präzision einer chinesischen Masseuse versorgt. Binnen weniger Minuten lag ich entspannt schnarchend da.
»Hallo? Liebling? Lisa?«, sagte er laut.
Ein Grunzen antwortete ihm nur.
»Mist!«
Er hat sich nicht getraut, mich zu wecken, was klug von ihm war, denn ich hätte in diesem Moment bestimmt nicht freundlich auf seine Annäherungsversuche reagiert. Also hat er sich seufzend neben mir zusammengerollt, was weitaus problematischer war, als es sich nun anhört, denn ich lag quer über dem Bett und wog mittlerweile stolze ... nun ja, ich hatte das Wiegen vor zwei Wochen aufgegeben, aber zuletzt hatte ich zwanzig Kilo zugenommen. Und so haben wir dann einträchtig miteinander geschnarcht. Irgendwann nach Mitternacht musste ich aufs Klo. Als ich wieder zurückkam, saß Tom im Bett und rieb sich die Augen. Er sah aus wie ein kleiner verschlafener Junge, und ich fragte mich, ob unsere Tochter ihm wohl ähnlich sein würde. Mit einem Mal hatte ich Tom so lieb, dass ich auf ihn zurannte und ihn heftig küsste.
»Hm ... das ist aber nett«, murmelte er verschlafen.
»Sei ruhig!« Ich warf mich auf ihn, wie ein Verdurstender sich auf ein eiskaltes Glas Mineralwasser stürzt.
Danach konnte ich nicht mehr einschlafen, also ließ ich mir ein Bad ein.
Ein Bad muss bei mir immer so heiß sein, dass das Wasser noch dampft, sonst friere ich. Ich schloss für einen Moment die Augen und lauschte dem Pochen meines Herzens und den lebhaften, kräftigen Tritten unserer Tochter.
»Schatz?« Tom stand in der Tür zum Bad.
»Wie geht es ihr denn?« Tom setzte sich auf den Wannenrand.
»Prima, sie tritt um sich wie ein Weltmeister!«
Er lächelte, ein wenig traurig, wie ich fand. Dann fiel mir ein, warum. Er hatte ja kaum Gelegenheit gehabt, an meiner Schwangerschaft teilzuhaben. Er hatte so viel verpasst!
Ich nahm seine Hand und zog sie auf meinen Bauch. Unser Baby verharrte in völliger Stille.
»Sprich mit ihr.«
»Was soll ich ihr denn sagen?«
»Das ist egal.«
»Hallo! Ich freue mich schon auf dich!«
Nichts geschah. Tom wollte seine Hand gerade enttäuscht wieder fortziehen, als unsere Tochter mit einem mächtigen Tritt gegen seine Handfläche antwortete.
»Da! Hast du das gesehen? Sie spricht mit mir, mein kleiner Engel.« Er war unglaublich stolz.
Er streichelte meinen Bauch, dann erhob er sich und wollte gehen. Da fiel ihm noch etwas ein, und er drehte sich um und meinte: »Lisa, ich habe gelesen, dass man Schwangere nicht mehr allein baden lassen sollte, sie könnten womöglich in Ohnmacht fallen und ertrinken.«
»Stimmt. Alles ist möglich. Ich könnte auch von einem Grizzlybären in der Wanne ersäuft werden. Aber ich möchte trotzdem baden.«
»Gut. Aber ruf mich, wenn dir schlecht wird, ja?«
»Wie süß von dir!«
Tom grinste frech. »Ich rufe dann Greenpeace, damit sie dich retten.«
»Du Schuft!« Ich warf mit meinem Unterhöschen nach ihm, das er mühelos auffing.
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